20. Oktober 2017

Das Pochen der Wahrheit

Oje, oje, oje, oje! Die Wochen der Wahrheit lassen sich für Hertha BSC gar nicht gut an. Nach der Heimniederlage gegen Schalke nun also eine Auswärtsniederlage gegen Zorja Luhansk in der Europa League. Damit bleiben nur noch drei Begegnungen, und schon jetzt ist klar, dass es allenfalls dann noch eine relativ eindeutige Wahrheit werden kann, wenn sie negativ ausfällt. Denn der Auftritt in Lemberg war bedenklich, am besten kommt man mit ihm vielleicht zurecht, indem man die Wochen der Wahrheit verlängert und das Retourspiel daheim in zwei Wochen gleich noch dazu zählt. Und zur Not auch noch das Auswärtsspiel in Wolfsburg am Sonntag darauf.

Man muss die Wahrheit bei Hertha derzeit möglichst strecken, um ihr nicht zu direkt ins Gesicht schauen zu müssen. Hilft aber nichts. Das Spiel gegen Luhansk war eine Blamage. Nebenbei hat Hertha, wie auch der FC Köln, der zweite "reluctant European" aus der Bundesliga, derselbigen schon wieder eine schlechten Dienst erwiesen. Und die Gruppe steht weiterhin auf dem Kopf, weil Bilbao in Östersund remisiert hat.

Gute Spieler und gute Mannschaften wachsen mit Herausforderungen. Das unterscheidet Hertha bisher noch ganz entscheidend von einer guten Mannschaft. Luhansk war ein unangenehmer Gegner, bot aber auch Angriffsflächen. Hertha bot schließlich die größeren. Das entscheidende Gegentor hatte eine Vorgeschichte in einer der zerstreutesten Defensivleistungen von Salomon Kalou. Jarstein konnte eine hochbrisante Situation zur Ecke klären, die Ecke wurde auch provisorisch geklärt, und dann lief Hertha in einen Konter, der mangels geistiger Teilnahme der Auswärtsmannschaft am Spiel ungestört ablaufen konnte, und auch den Vorteil hatte, dass er nur 25 Meter bis zur Grundlinie zu überbrücken hatte.

Fabian Lustenberger, der kurz davor schon einmal Karavaev in einen gähnend offenen Raum hatte laufen lassen, konnte gegen eine Hereingabe nichts ausrichten, bei der Karavaev dieses Mal der Absender war. Svatok fand den Dreh, dem vier Herthaner nicht einmal so richtig zuschauten. Sie waren geistig immer noch bei dem eben geklärten Corner und wunderten sich, warum das Spiel schon wieder auf sie zukam.

Drei Aspekte fielen mir insgesamt auf. Luhansk ist keine Klassemannschaft, man hatte aber in vielen Szenen den Eindruck, dass die Spieler individuell ausgebuffter waren als alle Herthaner. Es gab eine Menge Zweikämpfe, die schwierig zu bewerten waren. Hertha bot aber - nicht zuletzt vor dem Freistoß zum ersten Gegentor - immer genug an, damit jemand wie Lunyov Fouls ziehen konnte. Esswein hätte wohl einen Elfer bekommen müssen, Pekarik hätte aber auch einen verschuldet. In diesen Details hatte Luhansk ganz klar das bessere Ende. Das deutet auf eine Mischung aus mangelnder Frische, mangelnder Einstellung und auch technischem Ungeschick bei Hertha hin.

Die Mannschaft schien schwer damit zurechtzukommen, dass der agile Auftakt ohne Ergebnis blieb. Nach zehn Minuten hatte Luhansk den simplen Dreh heraus, mit dem fast alle Mannschaften es schaffen, Hertha auf die Außenbahnen hinauszupressen. Dort stagniert dann das Spiel. Ein ähnlich geordnetes Pressing spielt Hertha selbst interessanterweise nie.

Besonders genau haben viele Fans sicher der Arbeit im Mittelfeld zugeschaut. Dort war nämlich neben Lustenberger mit Arne Maier ein Nachwuchsspieler tätig, der zwar nicht fehlerfrei agierte, der aber doch mehr als nur Andeutungen machte. Nach einer Weile verließ er nämlich die flache Linie mit seinem Nebenmann, und begann eine Art Einfädler zu spielen. Da funktionierte beileibe nicht alles, aber es war doch eine deutlich modernere Interpretation dieser Rolle, als wir sie bei Hertha zuletzt gesehen haben. Maier spielte im Grunde das, wofür Darida zuletzt die Form fehlte. Ich fand ihn fast den besten Herthaner, in einer allerdings insgesamt schwachen Mannschaft.

Dass Hertha mit dieser Gruppe so extrem fremdelt, hat wohl nicht nur mit der mangelnden europäischen Erfahrung der meisten Spieler zu tun, sondern mit einer Rotation, die man eigentlich noch immer als eine erweiterte Saisonvorbereitung (bei nun aber schon eine Weile laufendem Spielbetrieb) sehen muss. Lazaro und Selke sind noch nicht integriert, und wenn dann rundum auch eher Unklarheit herrscht (Esswein ist sich ja traditionell selbst ein bisschen ein Rätsel, bei Weiser sieht es derzeit auch stark danach aus), kann ein interessantes Offensivspiel kaum stattfinden. Ohne Plattenhardts Hereingaben wäre Hertha vermutlich aktuell Abstiegskandidat.

Gegen Freiburg sollte Duda wieder spielen, und Selke für meine Begriffe in der Mannschaft bleiben. Vielleicht sogar Maier auch. Irgendwo über den Wolken zwischen Lemberg und Breisgau muss Hertha die Konzentration und die Mentalität finden, die in Europa derzeit fehlen. In zwei Wochen wird dann abgerechnet: Derzeit stehen die Zeichen auf Krisendiagnose, aber noch sind andere Wahrheiten drin.



Eingestellt von marxelinho am 20. Oktober 2017.
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19. Oktober 2017

Chancen, die man nicht hat, kann man nicht verwerten

Die Niederlage gegen Schalke wirkt bei mir nach. Sie ist deswegen so schmerzvoll, weil sie knapp, aber eindeutig war, und weil die Gegentore wie auch die Rote Karte für Haraguchi Geschenke waren. Und weil es ein Spiel war, das der Saison eine Richtung geben sollte. Die Richtung, die derzeit zu erkennen ist, wird niemand akzeptieren wollen. Die Süddeutsche schrieb mit einem schönen Bild von einem Herbstblatt, das sanft nach unten trudelt.

Die beiden Spiele an diesem Wochenende sind nun noch wichtiger geworden. In der Europa League hat Sorja Luhansk mit einem Sieg in Bilbao endgültig für Chaos in einer Gruppe gesorgt, die überhaupt nicht nach Programm läuft. In Lemberg muss Hertha auf Sieg spielen, und zwar wirklich.

Damit ist auch schon das allgemeine Problem benannt: Die Mannschaft verschafft sich offensiv zu wenig Ertrag. Das ist ein Muster, das sich durch die Jahre mit Pal Dardai zieht, und das sich andeutungsweise auch schon verändert, allerdings sind die Andeutungen in dem chancenlosen Spiel gegen Schalke schon wieder kaum auszunehmen.

Nach der Zählung des Kicker liegt Hertha bei der Anzahl der erarbeiteten Torchancen an letzter Stelle in der Liga: 27 bisher, das ist ein Schnitt von knapp über 3 pro Spiel. Ein erschreckender Wert, nebenbei auch weit unterhalb des Werts, den Dardai einmal in einer sehr optimistischen Formel genannt hat: Alle sieben Minuten wollte er damals Chancen, also mehr als ein Dutzend pro Spiel. Worauf ist der schwache Wert zurückzuführen?

Ein Faktor ist sicher die langfristige Disposition der Mannschaft, die sich nur ganz langsam von ihrem Selbstverständnis als hinten herum (und bei Jarstein) nach Sicherheit suchendem Ausbildungsverbund löst. Die berühmte Körpersprache lügt hier nicht. Bei vielen Zuspielen ist die Ablage nach hinten schon eingepreist, und zwar von beiden Beteiligten.

Das Mannschaftszentrum ist mit Skjelbred nach wie vor konservativ besetzt, auch wenn der Norweger ab und zu am gegnerischen Strafraum auftaucht. Darida (nun verletzt) sucht nach Umschaltmomenten, findet sie aber in der hochverdichteten Bundesliga nicht. Die Tedesco-Idee war am Samstag deutlich erkennbar: selten war ein Gegner im Oly kompakter, Hertha hatte vor allem auch taktisch das Nachsehen. Duda gerät notwendigerweise auch deswegen in viel Kleinklein, kann aber Raum schaffen.

Ein zweiter Faktor ist die aktuelle Personallage. Ganz vorne hat Hertha bisher noch null Kontinuität, weil Selke so lang verletzt war, und auch sonst die Rotation noch deutlich über das angeratene Maß hinausgeht, aus unterschiedlichsten Gründen. Gegen Luhansk soll Selke nun endlich einmal von Beginn an spielen, dazu wohl auch Lazaro. Vom neuen Jahrgang konnten sich bisher erst Leckie und Rekik so richtig zeigen, beide insgesamt sehr positiv. Esswein wurde als Zentralstürmer lanciert, bekam aber in Spielen, in denen er auf dieser Position vielleicht wirklich Sinn gemacht hätte (auch gegen S04), keine Chance.

Heute wäre nun eine ideale Gelegenheit, nach vorne zu spielen - und zwar in jeder Hinsicht. Es ist allerdings eine Gelegenheit, die schon unter Druck steht. Vielleicht beginnt die Saison tatsächlich heute noch einmal ein bisschen von vorn. Hahohehoffen wir das Beste!


Eingestellt von marxelinho am 19. Oktober 2017.
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15. Oktober 2017

Eine Frage der Abstände

Von einem Schlüsselspiel hatte der Trainer vor dem Aufeinandertreffen mit Schalke 04 gesprochen. Er wurde dann leider am Samstag auf eine Weise bestätigt, die er nicht gemeint haben wird. Hertha traf auf eine der Mannschaften, die im Vorjahr nicht in der Lage waren, Ambitionen auf Europa geltend zu machen. Hertha traf damit auf eine der Mannschaften, die jene Lücke gelassen hatten, in die sie selbst ("halb zog sie hin, halb sank sie hin") gestoßen war. Für die neue Saison ist noch offen, ob es diese Lücke wieder geben wird - oder ob Hertha inzwischen selbst über die Qualität verfügt, internationale Ambitionen aktiv und mit Nachdruck geltend zu machen.

Das Ergebnis (und die Erkenntnis) war ein wenig ernüchternd: 0:2, eine knappe, insgesamt aber verdiente Niederlage in einem Spiel, das in der Berichterstattung bisher zu schlecht wegkommt. Ich empfand es als ungeheuer spannend, allerdings vor allem in den Details.

Die erste Halbzeit war jedenfalls Rasenschach auf höherem Niveau. Hertha brauchte eine Weile, bis die Mannschaft sich auf das System von Domenico Tedesco eingestellt hatte. Insgesamt muss man wohl auch von einem Sieg der Taktik oder der Formation oder der Konzeption sprechen. Denn gegen das sehr variable 3-4-3 oder 3-1-4-2 gelang es nie, das Heft des Handelns in die Hand zu bekommen. Es war alles eine Frage der Abstände.

Hertha war sehr damit beschäftigt, nicht nur konkret die Lücken zuzulaufen, sondern auch die zwischen einer Schalker Formation, die viel häufiger zwischen die berühmten Linien kam, und der eigenen 4-5-1-Orthodoxie. Meyer auf der Sechs und der junge Harit waren viel wirksamer als Skjelbred und Darida, die kaum einmal Momentum bekamen - und wenn, dann spielte S04 einfach ein Foul. Insgesamt waren es 20, aber alle waren besser dosiert als das eine, mit dem Haraguchi sich kurz vor der Pause aus dem Spiel verabschiedete: glatt Rot wegen einer impulsiven Grätsche.

Die Betreuer opferten in der Pause Duda (der mir weiterhin vielversprechend erscheint, es hätte auch seine zweite Halbzeit werden können) und Kalou, der als Mittelstürmer keinen Auftrag hatte. Bald danach nützte Harit den zusätzlichen Raum für einen klugen Lauf in den Strafraum, und Darida war ungeschickt genug, ihm ein Bein anzubieten. Den Elfmeter verwertete Goretzka sicher, obwohl Jarstein sogar noch an den Ball kam.

Darida vergeudete später, kurz vor dem 0:2, auch noch einen vielversprechenden Freistoß, den er sinnlos ins Nirgendwo schoss - also doch ein markant missglückter Nachmittag für einen Schlüsselspieler. Das Siegel auf die Niederlage kam von Rekik, der im eigenen Strafraum an den Ball kam, ihn dann aber eine gefühlte Ewigkeit lang nicht los wurde (werden wollte), sodass Burgstaller ihn von hinten wegspitzeln konnte - Naldo spielte ihn elegant gleich wieder in die Gasse des Stürmers, der ohne Umstände verwertete. So was nennt man vielleicht einen Rebound.

Ohne die Dummheit von Haraguchi wäre vielleicht etwas drinnen gewesen für Hertha, denn die Tendenz sah zu diesem Zeitpunkt doch danach aus, dass das Spiel zunehmend ausgeglichener schien - allerdings fast ausschließlich zwischen den Strafräumen. So aber hat es mit diesem Ergebnis seine Richtigkeit. Es ist eine Richtigkeit, durch die sich Tedesco zum ersten Mal deutlich bestätigt sehen kann - und bei Schalke sieht es nun deutlich danach aus, dass der mit Fleisch- und Ölmillionen gemästete Traditionsclub zum ersten Drittel der Liga aufgeschlossen hat (im Übrigen mit einer Mannschaft, die durchaus "schlank" und hausgemacht ist und keineswegs zusammengekauft).

Hertha aber steht zwei Punkte über dem Relegationsplatz und spielt kommenden Sonntag in Freiburg auch gegen die Tendenz, endgültig in den Abstiegskampf hineinzurutschen - noch sind die Abstände in der Liga zu klein, um davon zu sprechen, aber vor allem die zwei versäumten Punkte gegen Werder (in einem unerklärlich untermotivierten Auftritt) fehlen doch deutlich. In den ersten acht Spielen hat Hertha nun gegen vier aus den designierten Top 6 gespielt, das spielt eine Rolle - allerdings ist unter diesen Top 6 auch noch (mindestens) ein Platz frei.

In der eigenen Preisklasse (Rest der Liga) muss die Mannschaft aber nun zeigen, dass sie sich durchzusetzen vermag. Anzeichen für Qualität sind da, es müssen aber wirklich alle Elf jederzeit topkonzentriert sein, zerstreute Standards (Darida) oder unkontrollierte Emotionen (Haraguchi machte dieses Mal den Ibisevic) müssen vermieden werden, denn es ist alles ungeheuer eng in diesem Bewerb.

Jetzt kommt aber erst einmal die Runde 3 in der kurios auf den Kopf gestellten Europa League-Gruppe. Ich wäre natürlich gern nach Lemberg gefahren, es geht aber leider nicht, und weil ich ja schon einmal dort war, lässt sich das auch verschmerzen.



Eingestellt von marxelinho am 15. Oktober 2017.
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Jörg
meint um 15. Oktober 2017 10:04:00

Mich hat besonders die Einwechslung von Davie Selke gefreut. Er war häufig für hohe Bälle aus der eigenen Hälfte anspielbar und hat diese Bälle per Kopf weiterleiten können. Das war zum Teil noch ungenau, zum Teil kam es beim Mitspieler an, und nie entstand daraus eine wirklich gefährliche Situation. Dennoch hatte ich das Gefühl, dass dem Hertha-Spiel damit eine neue Variante hinzugefügt wurde, die ab jetzt ausgebaut und verfeinert werden kann. Unterm Strich hat Hertha im Sturm immer noch zu wenig Optionen. Kalou hatte gestern nicht unbedingt die Form für die Startaufstellung, Selke muss langsam an den Betrieb wieder herangeführt werden. Warum gibt es keine Stürmer aus der U23, die in dieser Situation in die Mannschaft nachrücken können? Man sieht schon sehr deutlich, dass die Mannschaft derzeit etwas überspielt ist.

Natalie Keil
meint um 15. Oktober 2017 17:03:58

Ja, Gelsenkirchens Matchplan ist aufgegangen. Letztlich hat sich Haraguchi provozieren lassen. Mich hat ziemlich geärgert, daß der Unparteiische nicht 3-4x Gelb dem Gegner zeigte. Das hätte das Spiel insgesamt etwas beruhigt und ggf auch nicht zu unserer Roten geführt. Ob wir dann was geholt hätten, läßt sich nicht mehr erfahren. So richtig sah es nicht danach aus. Dardais Matchplan hat jedenfalls versagt. Nach gestern bin ich mir auch sicher, daß Haraguchi kein St(amm)artelf-Spieler ist. Jeder vermeintliche Durchbruch zu Konstanz bleibt am Ende doch bloß wieder ein singuläres Ereignis. Meine Hoffnung auf mehr bei ihm hat sich zerschlagen. Duda hätte ich gerne auf dem Platz belassen. Zweikämpfer wie Leckie hätte ich gerne viel eher gesehen, auch Selke, der ist echt ein Koffer und war schon durch seine bloße Physis eine Bereicherung. Naja. An dem Spieltag haben wir erstmal Plätze gelassen. Schade.

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01. Oktober 2017

Nach hinten arbeiten und nach vorn spielen

Wenn der FC Bayern nach Berlin kommt, da wünscht man sich als Hertha-Fan immer zwei Dinge: erstens einen Punkt oder vielleicht sogar drei, zweitens aber vor allem, dass es ein Match wird! Und keine Bankrotterklärung, wie es sie ja in den letzten Jahren auch gelegentlich gab, meist allerdings auswärts, einmal sogar unter Pal Dardai.

Heute war es ein Match. Mit einigen Höhen und vielen Tiefen auf beiden Seiten. Das Remis mit 2:2 war am Ende sogar verdient, dazu bedurfte es aber in der ersten Hälfte einigen Glücks, dass Hertha da am Leben blieb. In der zweiten Hälfte war von einer europäischen Topmannschaft dann nicht mehr viel zu sehen (die zweite, künftige buchstabiert immer noch den Namen Östersund).

Der Coach hatte wider mein Erwarten Haraguchi aufgestellt. Ich hatte fix mit Esswein gerechnet, weil der ein Spieler ist, wie man ihn gegen Bayern braucht, mit einer gewissen Coolness. Haraguchi ist allerdings auch ein Spieler, wie man ihn gegen den FC Bayern braucht: ein unermüdlicher Defensivarbeiter. Dazu ist es natürlich sicher nicht verkehrt, in einen Match mit größerer globaler Reichweite einen japanischen Mitarbeiter auf dem Feld zu haben. Nicht, dass ich glauben würde, dass Pal Dardai bei der Aufstellung an den asiatischen Markt denkt. Obwohl, wenn es gut passt - warum nicht?

Der FC Bayern senior (mit der Flügelzange von anno 2013) stellte Hertha vor eine Menge Probleme. Die Mannschaft schien nervös, allein Darida hatte in den ersten zehn Minuten vier grobe Fehler, dann aber auch bald eine gute Gelegenheit. Dann gab es Elfmeter für Hertha, alle sprangen auf, ich dachte mir aber gleich: Mal sehen. Dass es dann so lange dauerte bis tatsächlich mal Sehen, offenbarte einmal mehr die hinlänglich diskutierten praktischen Probleme mit dem Videobeweis.

Bei den Fans auf den Rängen verliert er jedenfalls so an Plausibilität, wenn der Schiedsrichter so tut, als würde er die Entscheidung allein treffen, und dann das ganze Match zwei Minuten aufhält. Das ist eine schlechte Show. Vor allem, was wäre, wenn er sich nach Bildassistenz einmal falsch entscheiden würde? Undenkbar ist es nicht, und dann hätte man erst recht ein Dilemma, denn die Bilder haben ja auch die Fernsehanstalten.

Irgendwie kam Hertha dann doch ein bisschen ins Spiel, nach der Pause begann sie dann viel besser. Dann kam aber überraschend ein Tor, das ganz klassisch vom Geld erzielt wurde: Lewandowski ist einfach jeden Cent wert, de facto sind es sehr viele. Hertha schien auf der Verliererstraße, da kam aber der Moment von Genki Haraguchi. Vergleichbar einem Tor, mit dem sich ein gewisser Mitch Weiser einst für einen besseren Club als den FCB empfahl, ging Haraguchi auf rechts in eine Soloaktion, und bediente Duda.

Nur fünf Minuten später war der Rückstand egalisiert, nach einem Freistoß von Plattenhardt. Kalou hatte es schwer als Mittelstürmer, in diesem Moment aber war er, wie schon beinahe zuvor neben Duda, da, wo er gebraucht wurde. (Vielleicht borgt Lewandowski mir ja ein paar Cents für das Phrasenschwein.)

Danach war das Match mehr oder weniger durch, was nicht für den FC Bayern spricht, und auch nicht wirklich gegen Hertha. Esswein, auf den ich ausnahmsweise einmal gehofft hatte, bekam nur ein paar Minuten und verzichtete brav darauf, Kontermöglichkeiten für die Bayern herbeizuführen. (Wir erinnern uns an ein Spiel vor nicht allzu langer Zeit ...)

Es war heute kein heroischer Auftritt, dazu war das ganze Spiel nicht gut genug, aber es war doch erneut eine Andeutung, dass Hertha in diesem Jahr insgesamt konkurrenzfähiger ist. Wobei ja unter den ersten sieben Gegnern drei von den vier Hochkarätern der Liga waren (zu den Hoffenheim allerdings gerade selbst nicht mehr gehören will). Die Mühen der Ebene kommen jetzt. Mal sehen, wie es demnächst in Freiburg aussieht - das wird ein wegweisendes Spiel. Vorher kommt aber noch Tönniesblau.



Eingestellt von marxelinho am 01. Oktober 2017.
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29. September 2017

Die größte Widrigkeit ist meistens der Gegner

Es war eine Szene mit Symbolkraft, kurz vor dem Ende von Herthas Europa League-Gastspiel im schwedischen Östersund. Darida hatte halblinks den Ball, der Ball musste irgendwie noch einmal in den Strafraum, die Nachspielzeit war schon abgelaufen, aber eine Flanke mochte sich noch ausgehen. Doch der Tscheche kam nicht dazu, er wurde immer weiter abgedrängt, war schon fast am Mittelkreis, und bevor er sich noch befreien konnte, machte der Schiedsrichter den Bemühungen ein Ende. Hertha verlor mit 0:1, und das war noch nicht einmal der größte Upset in der Gruppe gestern, denn Bilbao verlor daheim gegen Luhansk auch mit 0:1.

Es gibt keine Zwerge mehr im Fußball. Das ist eine so geläufige Formulierung geworden, dass man sie fast nicht mehr ernst nehmen möchte. Aber sie trifft halt was, was diesen Sport so großartig macht. Wie wir ja auch im richtigen Leben öfter Genugtuung dabei haben, wenn Favoriten entzaubert werden, müssen wir dann halt irgendwie damit leben, wenn ausnahmsweise wir es einmal mit einem Favoriten halten.

Bei Hertha sind wir das nicht gerade in exzessivem Maß gewöhnt. Wenn man die gegenwärtige Phase der Mannschaft irgendwie bestimmen möchte, dann wäre das unter anderem dadurch möglich, dass Hertha sich zögernd daran gewöhnt, nicht mehr überall mit dem Außenseiterstatus antreten zu können, den man ohnehin so lange wie möglich zu kultivieren versucht hat.

Gegen Östersund ist ein deutscher Bundesligaclub aus der Spitzengruppe zweifellos Favorit, auch wenn die Liga als solche sich diese Woche ganz auffällig kollektiv blamiert hat - allerdings auf zu unterschiedliche Weisen, um daraus große Konsequenzen ziehen zu können. Hertha hat in Östersund - Kunstrasen, Provinz, originelles Team, insgesamt eine Art schwedisches Hoffenheim - eine weitere wesentliche Erfahrung mit Widerstand gemacht.

Dabei hat sich gezeigt, dass die Mannschaft mit Widerstand nicht viel anfangen kann. Sie reagiert darauf tendenziell mit Schema F. Sie tut alles, was man halt so tun kann, verlagert viel das Spiel, und schickt Alex Esswein in Gassen, die enger sind als in der Altstadt von Genua. Dass er sich dort meistens verirrt, hat auch mit seinem Ungestüm zu tun - einer, wie wir längst wissen, zwiespältigen Eigenschaft. Der Kapitän, unverkennbar seit längerem unter Überdruck, versucht abenteuerliche, gelupfte Doppelpässe, denen es notwendigerweise an Präzision fehlt.

Der Neuling Lazaro hatte noch wenig Bindung an das Spiel, Mitchell Weiser fehlt seit längerer Zeit der entscheidende Funke, das Duo im Maschinenraum fühlt sich immer nur abwechselnd für das Spiel zuständig, das sind so kleine, lange bekannte Imponderabilien, mit denen Hertha gegen sich selbst Widerstand leistet.

Der Coach hatte ein paar Spieler geschont, dafür bekam Jordan Torunarigha eine Chance. Er hatte nicht den besten Tag. Mit solchen punktuellen Einsätzen kommt Dardai natürlich auch an die Grenzen der Rotation, denn mit Torunarigha wird ja nicht rotiert, er bekommt selten einmal die Chance. Im Grunde sind alle die Jungen weit weg von der Mannschaft, und Torunarigha ist ihr am Donnerstag nicht wirklich näher gekommen. Vielleicht hätte er gegen Mainz eher ins Team gepasst? Fragen eines dreifach "belasteten" Fans.

Die Gruppe ist jetzt so spannend, dass wir uns auf die restlichen vier Spiele wirklich freuen können. Wobei zwei davon vermutlich halbe Geisterspiele sein werden. Da wird es dann auf die Mannschaft ankommen, die gegen Östersund (auch wegen der Bayern, die am Sonntag kommen) eindeutig nicht wusste, wo die Grenze lag, über die sie hätte gehen sollen.


Eingestellt von marxelinho am 29. September 2017.
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24. September 2017

Ein Bild macht man sich immer selber

Die englische Woche endete für Hertha ernüchternd. In Mainz war die Luft deutlich entwichen, eine dritte Luft, wie sie beim Laufen durch Euphorie zu finden ist, lässt sich nicht so ohne Weiteres aus dem Oly in eine Opel-Arena transportieren. In das Auswärtsspiel ging die Mannschaft mit einer Haltung, von der sie sich in diesem Jahr schon mehrfach durch intelligente Aktivität emanzipiert hatte: abwartend, neutralisierend, kalkulierend. Die Kalkulation ging nicht auf: Mainz erzielte ein Tor durch einen Elfmeter nach Videobeweis, danach bekam Hertha nicht mehr ausreichend Initiative zustande. Bei einem Spielstand torloses Remis wäre Hertha wohl insgesamt zufrieden gewesen und hätte sich zum Ende hin (wo nach Pal Dardai bekanntlich das Spielfeld immer größer wird) wohl sogar Vorteile ausgerechnet.

In einem Spiel, das insgesamt wohl keinen Sieger verdient hatte (und für das man die neue Kategorie des Nullpunkteremis einführen müsste), gab ein "Videobeweis" den Ausschlag. Tobias Stieler sah sich eine Szene, die er mit freiem Auge nicht als Foul gesehen hatte, auf einem Bildschirm an der Seitenlinie noch einmal an und wertete das Einsteigen von Rekik danach als Foul. Das kann man so und so sehen, sicherlich aber kann man das nicht kategorisch als Fehlentscheidung werten.

Interessant ist allerdings das Prozedere. Es geht dabei um die grundsätzliche Frage, ob der Schiedsrichter sich in solchen strittigen Situationen eine Einschätzung aus Köln zu eigen machen soll, oder ob er immer noch selbst abwägen soll, was zu tun ist. Die Szene in Mainz hat für meine Begriffe klar gezeigt, dass es da viele Unwägbarkeiten gibt. Denn was Stieler da an der Seitenlinie genau gesehen hat (man muss mitbedenken: Lichtverhältnisse, Heimspielstimmung, Bildschirmwinkel, Bildausschnitt etc), wird wohl nicht einmal er selbst später noch genau rekonstruieren können - seine Bewegung (er war schon entschlossen, und wandte sich dem Bild dann doch noch einmal zu, wenn auch sehr kurz), lässt jedenfalls erkennen, dass die Sache so klar für ihn nicht gewesen sein kann.

Ich sage nicht, dass der Penalty nicht zu geben war. Aber die künftige Entwicklung des "Videobeweises" (für den Begriff sollte man dringend nach einer Alternative suchen, vielleicht sollte man vorläufig einfach vom "Kameraauge" sprechen) wird uns noch so richtig in die Komplexitäten von Faktizität und Geltung führen. Denn was wäre, wenn Stieler sich am Samstag gegen einen Elfmeter entschieden hätte? Dann würde die Liga seine Entscheidung auf jeden Fall als Tatsachenentscheidung verteidigen, obwohl man vielleicht sagen könnte, er hätte nur nicht auf die eine Perspektive gewartet, die ihn anders hätte entscheiden lassen. Sein Zeitdruck ist in dieser Situation jedenfalls ein ganz anderer (und er ist noch einmal exponierter), als bei unmittelbaren (Fehl-)Entscheidungen im Spielfluss.

Niemand will ferngesteuerte Schiedsrichter. Aber auch die Spieler, die Funksprüche aus Köln angeblich ablehnen, müssten eigentlich einsehen, dass mit einem unter extremem Stress bei wechselnden Lichtverhältnissen einsam vor einem Schirm deliberierenden Schiri der Sache vermutlich weniger gedient ist als mit der meist auch prompteren Mitteilung einer in nächster Instanz gefundenen Einschätzung, die im übrigen nicht weniger nachträglich nachvollziehbar wäre, wie das ganze Spiel ja für die Live-Teilnehmer und Live-Zuschauer hinterher sich noch einmal ganz neu darstellt - wenn man es sich als Aufzeichnung ansieht.

Der Schiedsrichter ist auch so schon ein Delegierter, hinter dem ein riesiger Apparat steht (von den Fans gern zum "Scheiß DFB" vereinfacht). Er ist der erste Offizielle in einer langen Reihe von Offiziellen, zu denen nun eben auch noch Adleraugen vor Bildschirmen in einer Datenzentrale zählen.

Ich schreibe über diesen Aspekt deswegen so viel, weil das Spiel vom Samstag darüber hinaus nicht viel hergegeben hat. Die Mannschaft hatte wohl weder den Auftrag noch die Einstellung, konkrete Ansprüche auf eine prägende Rolle in dieser Ligasaison anzumelden - zumal das auch mit der Suche nach Reserven einher gegangen wäre, von denen alle Angst haben, dass der "peak" zu früh erreicht werden könnte.

Da Köln unvermutet in eine prekäre Lage geraten ist, muss Hertha sich in diesem Herbst wohl oder übel an Hoffenheim messen (lassen). Im direkten Duell sah das ganz gut aus, nun aber hat Hertha einen wichtigen, nächsten Schritt nicht gemacht, sondern hat sich - übrigens wieder mit einer sehr homogenen, dieses Mal schwachen Mannschaftsleistung - wieder unter Vorbehalt gestellt. In einem Spiel, das in erster Linie "unangenehm" war (unattraktiver Gegner etc), hätte es wohl einer besonderen Überwindung bedurft, es sich zu eigen zu machen. Das hat sich Hertha für einen Tag aufgespart, von dem jetzt natürlich wieder niemand wissen kann, wann er denn kommt.



Eingestellt von marxelinho am 24. September 2017.
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21. September 2017

Volle Kilometer

Gestern kam ich erst ganz knapp vor Anpfiff der Begegnung von Hertha und Bayer 04 Leverkusen ins Stadion. Ich habe also die Verabschiedung von John Brooks nicht mitbekommen, für den es angeblich Pfiffe gab. Das ist wieder einmal so ein Beispiel für eine gewissen Fanfundamentalismus, denn eigentlich müssten sich doch alle, die Hertha unterstützen, bei ihm tausendmal dafür bedanken, dass er bei Wolfsburg unterschrieben und eine doch ein bisschen überdimensioniert wirkende Ablöse gebracht hat.

Brooks wurde nämlich exzellent ersetzt. Und zwar nicht nur eins zu eins, durch Karim Rekik, von dem man jetzt schon das Gefühl haben kann, dass er ein Führungsspieler par excellence ist (was bei dem "US-Boy", wie die Medien gern schreiben, immer so halb in der guten Absicht stecken geblieben war). Sondern eben auch noch durch jemand wie Matthew Leckie, und selbst Selke und Lazaro sind alle noch durch die Transfersumme aus der Autostadt abgedeckt. Also: einen besseren Deal hat Hertha nicht oft gemacht.

Wo die Mannschaft in dieser frühen Phase der Saison einzuordnen ist, zeigte dann das Spiel gegen Leverkusen mit einer teilweise begeisternden Klarheit: Im direkten Vergleich mit der Schmach vom 20. Mai war Hertha kaum wiederzuerkennen. Und auch für den laufenden Wettbewerb macht die Reaktion auf den mäßigen Heimauftritt gegen Bremen entschieden Hoffnung.

Leverkusen ist eine der wenigen Mannschaften in der Liga, die sich immer wieder auf das offene Duell einlassen. Das kam Hertha gestern entschieden entgegen, denn die Formation (mit Darida neben Skjelbred und Stark neben Rekik, mit Weiser hinter Leckie und Plattenhardt hinter Kalou, und mit Duda hinter Ibisevic) war ideal für die vielen Umschaltsituationen, die es gegen Hoffenheim (wo das eigentlich Matchplan war) gar nicht so oft gab.

Nach ein paar Minuten war Hertha im Spiel, und zwar bestimmend. Die Treffer durch Leckie (schon wieder mit links) und Kalou (eine elegante Veredelung einer Teamleistung) waren herausgespielt und erzwungen, und begünstigt durch Geistesblitze und Initiative. Wieder fiel vor allem auf, wie homogen das Team wirkt. Mein Liebling an diesem Abend (es gab viele Kandidaten) war Salomon Kalou, vor allem wegen seiner Defensivarbeit.

Die Mannschaft ist insgesamt fast 124 Kilometer gelaufen (Darida kratzt bald an der 14-km-Marke), das sind Welten von vielen Werten der Vorsaison. Es gab darunter nicht wenige Feldüberquerungen, aber der Großteil war doch diese ungeheuer anstrengende Meterarbeit beim Zulaufen von Räumen und beim Verhindern von Flanken und Pässen, für die man ins Stadion kommen muss, um sie wirklich adäquat mitzukriegen. Es kamen nur 32.000 - ein deprimierender Wert. Die aber da waren, sahen das Gegenteil von leeren Kilometern.

Die Passquote von 71 % würde ich zweiteilen: Sie deutet an, dass Hertha dieses Mal mehr probiert hat (was unbedingt zu begrüßen ist, zumal die Kompaktheit darunter nicht litt), sie lässt aber wohl auch die Veränderung des Spiels in der zweiten Halbzeit erkennen. Da kam Hertha nicht mehr so häufig aus der eigenen Hälfte. Mit ein bisschen Pech hätte das auch noch schief gehen können, zumal der vierte Offizielle offensichtlich ein anderes Spiel geschaut hatte, denn fünf Minuten Nachspielzeit waren für das aktuelle eher drei zuviel (wie schon die gelbe Karte gegen Jarstein übertrieben war).

Vor dem Spiel in Hoffenheim konnte man Michael Preetz im Fernsehen über neue Formen der Belastungsdiagnostik bei Hertha sprechen hören. Er verriet keine Geheimnisse, sondern ließ nur erkennen, dass man da auch einiges probiert. Nehmen wir das einfach einmal vorsichtig als ein weiteres Indiz, dass Pal Dardai und das gesamte Betreuerteam über den Sommer wieder wesentliche Professionalisierungsschritte gemacht haben. So deutet es jedenfalls die Mannschaft an, die gegen Leverkusen so ambitioniert gespielt hat, wie man es von der "Power von der Spree" erwarten möchte.

Der negative Lauf beim FC Köln (mit dem Hertha sich aufgrund der Vorjahrestabelle am ehesten vergleichen sollte) zeigt noch deutlicher, wie sehr die Hertha-Fans gerade zufrieden und optimistisch sein können.



Eingestellt von marxelinho am 21. September 2017.
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Jörg
meint um 21. September 2017 14:26:54

Selten habe ich eine bessere Halbzeit von Hertha gesehen als die erste gegen Leverkusen gestern. Zwar hat Leverkusen Hertha 40 Minuten lang viel Raum gegeben. Doch Duda, Darida. Leckie und Weiser haben diesen freien Raum durch wirklich schöne öffnende Pässe und schnelle Läufe auch großartig genutzt. Zudem hat mir die sehr junge Innenverteidigung ausnehmend gut gefallen. Stark und Rekik haben beide viel und gut nach vorn gearbeitet, Rekik mit einem Vorstoß bis in den Strafraum. Warum Tah bei Leverkusen erst nach der ersten Halbzeit hineinkam, hat sich mir nicht erschlossen. Bayer stand danach viel besser und stabiler. Sehr interessant fand ich dann die Situation vor dem Gegentor: Volland bleibt nach einem Zweikampf mit Rekik im Strafraum liegen, Rekik ist sehr aufgebracht, die ganze Mannschaft scheint kurz aus dem Konzept gebracht ob eines möglichen Elfmeters, da fällt das Tor. Hat Volland diese Unsicherheit herbeiführen wollen? Vielleicht wären ältere und erfahrenere Spieler an der Stelle ruhiger und im Fluß geblieben.

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17. September 2017

Matchplan Schneller Pfeil

Die Europa League bringt auch in der Liga interessante Konstellationen, wenn - wie heute Nachmittag - zwei Teams aufeinandertreffen, die auch am Donnerstag im Einsatz waren. Hertha auswärts in Hoffenheim, bei einem Team, das man unabhängig von der Niederlage gegen Braga im internationalen Bewerb inzwischen als echten Gradmesser im deutschen Fußball betrachten muss. Na ja, jedenfalls als solide Konkurrenz, wie sich erwies.

Hertha trat mit einem Matchplan namens Alexander Esswein an. Ibisevic, Kalou und Darida auf der Bank, stattdessen Duda auf der 10, und vor ihm der Mann, der seit seiner Verpflichtung immer eher so etwas wie eine Wild Card als eine kalkulierbare Größe gewesen ist. Die Betreuer haben sich im Sommer darauf geeinigt, in Esswein einen Stürmer zu sehen. Das erwies sich schließlich als kluge Intuition.

Der frühe Führungstreffer durch Wagner machte aus dem Matchplan schnell Makulatur, wenn er denn tatsächlich bloß aus dem Aspekt der Pfeilschnelligkeit bestanden haben sollte. Das wäre aber sowieso ungenügend gewesen, zumal wir wissen, dass gerade Esswein auch manchmal umso chaotischer agiert, je schneller es geht. Er hat aber auch einen Faktor, den man nicht trainieren kann. Nennen wir es freundlich: Unbekümmertheit.

Nach dem 0:1 musste Hertha mehr tun, blieb aber durch die weiterhin dominante Positionsarbeit der TSG darauf verpflichtet, dies mit sorgfältiger Rückversicherung zu tun. Und so entwickelte sich allmählich ein Bundesligaspiel, das man wieder einmal fast als Schulbeispiel für den grundsätzlichen Kompetenzgewinn der Liga nehmen kann, nur mit dem Unterschied, dass es trotzdem interessant war. Sehr sogar.

Das hatte viel mit einer Tugend zu tun, durch die Hertha in den letzten Jahren noch nicht so oft aufgefallen ist: Mentalität. Selbst im Fernsehen (ich habe das Spiel, unter Protest, bei den Steuervermeidern von Amazon gesehen) war zu spüren, dass da unten (draußen) ein Kampf auf Biegen und Brechen stattfand, dem es aber nicht an Leichtigkeit mangelte.

Hertha arbeitete sich mit beachtlicher technischer Qualität in dieses Spiel. Und kam schließlich zum Ausgleich: durch Plattenhardt und Esswein (und die ganze Mannschaft als Formation dahinter und rundherum). Wieder einmal fiel die Ausgeglichenheit der Leistung auf, es gab Finessen selbst von Skjelbred, und wichtige defensive Interventionen selbst von Esswein, der ja doch nominell vorn eingeteilt war.

Für die kommenden Wochen kann man nach den beiden Spielen von heute und vom Donnerstag vorsichtig optimistisch sein. Sollte es gelingen, Selke und Lazaro auf dem erhofften Niveau zu integrieren, dann hätte Hertha tatsächlich einen Kader mit zwei im Grunde gleichwertigen Formationen, zwischen denen die Betreuer je nach Tag und Tagesplan die Wahl haben - keine Mannschaft A und  keine Mannschaft B, sondern ein Team A aus zwei Keepern, einer vermutlich doch seltener variierten Viererkette (auch weil Rekik und Langkamp einander offensichtlich gut verstehen), und dann weiter vorn ist eine Menge denkbar.

Zum Beispiel schon am Mittwoch ein Sturm mit Kalou, Darida und Ibisevic, dahinter vielleicht Stark, und Esswein, der ja gegen Bilbao pausiert hat, wieder einmal auf dem Flügel. Falls Leckie mal durchatmen sollte. Die Umsicht der Betreuer zeigt sich unter anderem darin, dass mit Lustenberger ein Spieler wieder integriert ist, der schon weit weg schien von der Mannschaft.

Pal Dardai hat schließlich das Gegentor beklagt, und er hat recht: Hertha hätte heute sogar die Festung der Macht vom Rhein-Neckar (zwanzig Heimspiele ohne Niederlage) erobern können. So aber war das eine Demonstration von Augenhöhe, und zwar nachdem Wagner einmal Langkamp übersprungen hatte (der aber auch behindert worden war, und dann unglücklich nach hinten wegtauchte). Hertha tauchte danach nicht ab, sondern zeigte sich.

Auch wenn man natürlich weiterhin nur von Spiel zu Spiel denken darf, zeigen sich nach dem bescheidenen Auftritt gegen Bremen Indizien für eine Konsolidierung im besten Sinn: eine nach vorne (und nach oben) offene Konsolidierung, eine Konsolidierung, die gruppendynamische Robustheit mit vielen Andeutungen individueller Qualität verbindet. Es macht Spaß, dieser Mannschaft beim Arbeiten zuzusehen. Und wenn das mit der Rotation so weiter geht, dann kriegen die Betreuer am Ende der Saison den HR-Award für exzellenten Einsatz von Human Resources.


Eingestellt von marxelinho am 17. September 2017.
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15. September 2017

Der Blick über die Grenzen

Sieh einer an, in der aktuellen Hertha steckt doch tatsächlich auch eine kleine rote Furie, also ein spanisches Technikerteam mit hübschen Kleinmanövern und eleganten Lösungen im Detail. Das war für mich zumindest eine Erkenntnis aus dem torlosen Remis gegen Athletic Bilbao, das am Donnerstagabend viel mehr als die 28000 Zuschauer verdient gehabt hätte. Es war ein Spiel für Genießer, vor allem zwischen den Strafräumen. Im Vergleich zum Ligaalltag war es etwas wirklich Besonderes, ich wundere mich also, dass die Europa League in Berlin traditionell so wenig Interesse findet. Man kann das nämlich nicht viel anders deuten, als dass viele potentielle Fans von Hertha sich nicht wirklich für Fußball interessieren, sondern nur für Erfolge.

Für die Gruppe J war von Beginn an klar, dass Bilbao und Hertha zu favorisieren sind (bei aller Vorsicht). Das merkte man dann auch in der Anlage der Auftaktbegegnung: es sah eher nach einem Freundschaftsspiel als nach einem Ausscheidungsspiel aus. Beide Mannschaften spielten auf eine schöne Weise offen, es ging viel und her, hinten aber waren sowohl Bilbao wie auch Hertha ziemlich kompetent. Es gab viele halbe Chancen, die meisten endeten mit einem geblockten Schuss (Ausnahme eine wirklich elegante Kombination von Bilbao, nach der, ich glaube es war Muniain knapp verzog).

Die Betreuer hatten mit Duda im zentralen Mittelfeld vor Darida und Lustenberger auch so etwas wie eine spanische Variante aufgeboten. Der Slowake deutete für meine Begriffe an, dass er durchaus das Zeug zum Spielmacher hat. In der ersten Halbzeit passte noch nicht alles, Ibisevic und auch Duda vor allem waren in entscheidenden Momenten ein wenig ungenau.

In der zweiten Halbzeit war dann aber richtig Zug drin, auf die Ostkurve hin gespielt, die für mich der eigentliche Sieger dieses Abends war. Als zu Beginn das Nur nach Hause erklang (das offiziell ja wegen der Uefa-Hymne nicht ingespielt wurde), da wurde mir wieder klar, dass mein Hadern mit dieser Hymne unbegründet ist. Das ist halt unser Lied, gestern klang es mächtig, und auch danach sang die Kurve Europa alle Melodien vor, die an der Spree etwas zählen.

Bilbao war genau der Gegner, der Hertha zeigen konnte, welcher Fußball denkbar ist, wenn sie sich nicht auf die Vorbehaltslogik einlässt, die in der Bundesliga den Spielbetrieb oft so dröge werden lässt. Es war auch ein Gegner, der zeigte, dass man kompakt und agil zugleich sein kann. Viele der Lösungen, die einem das Herz aufgehen lassen konnten, waren gestern eher solche im Detail: Weiser oder Duda schafften manchmal so kleine Beschleunigungen aus der Bedrängnis heraus, überraschende Befreiungsmanöver, die im Idealfall (bei einer großen Mannschaft) für die plötzliche Konstellation sorgen können, die einen erfolgreich zu Ende gespielten Angriff ergibt.

Dafür blieben dann doch beide Mannschaften zu solide in ihren Grundordnungen. Abgesehen von dem Konter mit Haraguchi gegen Ende und dem tollen Spielzug, der die zweite Halbzeit mit einem plötzlich freien Plattenhardt eröffnete, gab es selten wirklich Räume. Und doch war es nie langweilig.

Hertha ist mit diesem Spiel nicht nur im Europacup angekommen, es sollte auch Mut für die Liga gemacht haben. Die "power von der Spree" sollte sich doch auch gegen Hoffenheim oder Leverkusen zeigen lassen.





Eingestellt von marxelinho am 15. September 2017.
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10. September 2017

Schwache Hierarchie

Das Heimspiel von Hertha gegen Werder Bremen konnte ich leider nur aus der Ferne verfolgen. Ein Stream auf einem Laptop ist natürlich keine ideale Situation, und so wäre es im Grunde am besten, über dieses 1:1 einfach einen Mantel des Schweigens zu breiten. Ein paar Gedanken haben mich aber doch beschäftigt während dieser eher dürftigen Bundesligabegegnung.

Die Ergebnisse vom Samstag haben angedeutet, wofür Hertha gegen Bremen dann schon eine Folgeerscheinung war. Die Liga ist wohl in diesem Jahr noch enger als im Vorjahr, und wenn man nicht gerade wie Köln eine manifeste Startschwäche zeigt, so kann man sich schon mit einer Heimspielniederlage (siehe Gladbach) eine kleine Zwischenkrise einfangen. Hertha und Bremen haben daraus die verständlichste, aber auch die bedauerlichste aller Konsequenzen gezogen: sie haben auf ein Spiel so weitgehend wie möglich verzichtet, und sich dann nach dem Ausgleich durch Delaney auch insofern auf ein Remis geeinigt, als ein später Siegestreffer nicht mehr Ausdruck strukturierter Bemühungen gewesen wäre, sondern halt ein lucky punch.

Bei Werder kann man diese Vorgehensweise nachvollziehen, bei Hertha schon ein bisschen weniger. Auch wenn man die englischen Wochen mitbedenkt, die jetzt kommen, war das Spiel gegen Bremen ein sehr bescheidener Versuch. Man hat den Eindruck, dass die Qualität in der Mannschaft sich gerade nivelliert: niemand ragt heraus, aus einer flachen Hierarchie wird eine schwache Hierarchie, die Spielidee beruht auf Einzelaktionen (Leckie), die eher hektisch enden als planvoll.

Zu einem Umschaltspiel kommt es nicht, weil Balleroberungen auch eher einer zufälligen Bemühung folgen (wie im Fall von Ibisevic vor dem Führungstreffer) als einem erkennbaren organisierten Spiel gegen den Ball (ich spreche jetzt nicht von der Kompaktheit in der eigenen Hälfte, das ist ja die unterste Schwelle der Teilnahmekompentenz an diesem jetzt schon wieder merkwürdig stockenden Betrieb Bundesliga). Die übergroße Bereitschaft von Hertha, Offensivaktionen abzubrechen, kennen wir zur Genüge.

Mit vier Punkten aus drei Spielen liegt Hertha für meine Begriffe zwei Punkte hinter den Ansprüchen. Aber die Ansprüche sind ja bewusst vage gehalten, und in dieser frühen Phase der Saison sieht es nicht so aus, als würden sich die Betreuer und die Mannschaft dieses Jahr aus der Deckung einer sorgsam kultivierten Diskretion bewegen wollen: ja, wir sind auch da, und wir nehmen gern wieder einen Europa League-Platz, sollte wie im Vorjahr niemand sonst wollen, aber zu erkennen wollen wir uns nicht geben.

So steht Hertha also vorerst mitten drin im Pulk einer Liga, in der nur ganz wenige Teams Verantwortung übernehmen wollen. Zum Glück ist das nur ein früher Befund, und schon am Donnerstag gibt es gegen ein europäisches Topteam die Gelegenheit, sich zu zeigen. Da bin ich dann nicht vom Laptop aus dabei, sondern mit eigenen Augen. Die Vorfreude ist groß.


Eingestellt von marxelinho am 10. September 2017.
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Jörg
meint um 11. September 2017 09:20:33

Auch aus der Stadionperspektive wirkte die Mannschaft insgesamt so, als wäre sie gerade aus dem Urlaub gekommen, merkwürdig passiv und alles andere als fit. Mehrfach fand Plattenhardt keine Anspielstation beim Spielaufbau auf dem linken Flügel. Und am schlimmsten war ein riesengroßes Loch auf der 10er-Position. Die offensiven Außen waren zwar besetzt, häufig jedoch sehr dicht am Strafraum positioniert oder sogar im Strafraum, so dass man sich den Platz wegnahm. Recht spät im Spiel ist dann Stark auch mal nach vorn nachgerückt, und auch der Stocker-Wechsel hat ein wenig Besserung gebracht. Ich hätte Duda gern auf dem Platz gesehen.

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