19. November 2017

Sackgassenhauer

Von den zwei Spielen, die ich gestern im Olympiastadion gesehen habe, gefiel mir logischerweise nur das zweite, und ich wünschte, es hätte unter regulären Wettbewerbsbedingungen stattgefunden. Aber da führte Gladbach eben schon 3:0, dann 3:1 und irgendwann auch nur noch 3:2, aber als es dann darauf ankam, ob Hertha Spiel 2 durchsetzen konnte, schaltete Gladbach doch noch einmal zu Spiel 1 um, und damit war die Sache erledigt: 2:4 war der Endstand, in Summe bedeutet das Tabellenplatz 14 für Hertha und Tabellenplatz 16 bei den Gegentoren (insgesamt 19, nur Köln und Freiburg sind defensiv schwächer).

Hertha bekommt einfach keine Tendenz in diese Saison, aber die mangelnde Kompaktheit ist inzwischen eine. Dies wiegt umso schwerer, als sich das Klischee immer noch hält, Hertha wäre schwer zu bespielen. Nur die Gegner wissen es längst besser. Es hatte geradezu etwas Aufreizendes, wie Gladbach gestern in den ersten fünf Minuten an der Mittellinie wartete, und Hertha ein paar mal ins Gewirr der Linien kommen ließ. Die erste Umschaltaktion reichte schon für das frühe Führungstor durch Stindl. Selten hat mich ein Gegentreffer mehr geärgert, denn von dort oben, wo ich sitze, war die Falle ungefähr so deutlich zu erkennen, als hätte Gladbach sie mit einem riesengroßen Sackgassen-Schild markiert.

Danach gab es ein Beispiel für das deflatierende Potential des Videobeweises: Rekik geht dumm in einen Ball von Stindl, niemand merkt was, außer ein Supervisor in Köln. Es gibt Elfmeter, danach ist die Luft für eine Weile draußen, Raffael nützt das zu einem Traumtor.

Dann beginnt Spiel 2. Es ist das Spiel, das insgesamt Mut machen sollte. Denn es zeigte eine potentielle Hertha, eine spielbestimmende Mannschaft, die über die technischen und kombinatorischen Fähigkeiten verfügt, es mit einer Mannschaft wie Gladbach aufzunehmen (deren individuelle Qualitäten insgesamt natürlich eindeutig stärker sind). Von der 20. bis zur 77. Minute musste dieses Spiel auch all die Fans beschämen, die schon nach dem 0:3 das Weite gesucht hatten. (Hier die Reihe vor uns in Minute 60, alles Dauerkarten).

In diesem Spiel ging dann die Idee mit Arne Maier als Sechser und Skjelbred als Achter gut auf, da funktionierte sogar die Idee mit der Doppelspitze Ibisevic-Selke, wobei ich trotzdem der Meinung derer bin, die sagen, dass das nicht das richtige Spiel dafür war. In diesem Spiel zeigte Weiser wieder einmal, dass diese Saison für ihn doch noch irgendwann beginnen könnte.

Eine richtig gute Mannschaft war Hertha auch in dieser Phase nicht, dafür fehlte in den Aktionen die letzte Konzentration ganz vorn, aber es gelang immerhin ein passables Dominanzspiel, und Arne Maier zeigte sich als wirkliche Bereicherung. Ganz auszuschließen ist es nicht, dass Hertha in diesem Jahr die Halbrundentendenz umkehrt: In diesem Team steckt Potential, allerdings muss es seine Labilität ablegen, und dafür spricht zum Beispiel nicht, wie patzig Rekik nachher die Elfmeterentscheidung gegen ihn zu diskreditieren versuche.

Ich hätte auch anders gewechselt. Duda und Lazaro für Ibisevic und Kalou ungefähr zur 60. hätten mehr Sinn gemacht, insgesamt war es nicht ganz verständlich, warum Dardai erst nach dem vierten Gegentreffer das zweite Mal wechselte.

Von den Gegentoren kann man das dritte als "Schicksalsschlag" betrachten, das erste und das vierte aber waren klassische Koproduktionen der gesamten Defensivformation. Was insgesamt schon die gesamte Saison hindurch auffällt, ist eine seltsame Unfähigkeit, das Spiel im Raum zu antizipieren - die naive Ballfixiertheit von Langkamp und Rekik gab den Gladbachern entscheidende, kleine Räume. Lars Stindl hatte diese Woche im Länderspiel eine der schönsten Kombinationen überhaupt abgeschlossen (Özil - Götze - Stindl, ein Move für das Museum). Man musste auf ihn gefasst sein, war es aber nicht.

Neben dem BVB ist Hertha also gerade die defensive Lachnummer der Liga. Deswegen kann man Pal Dardai nicht beipflichten, der nach dem Spiel sagte, er könne der Mannschaft keinen Vorwurf machen. Es gibt einige ganz konkrete Vorwürfe, und es sind die Betreuer, die darauf zu sprechen kommen müssen. Andernfalls lügt Hertha sich nur weiter in die Tasche, und gerät weiter in die Sackgasse.


Eingestellt von marxelinho am 19. November 2017.
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07. November 2017

Nicht jeder Libero ist ein Kaiser

Die Länderspielpause gibt mir Gelegenheit, endlich auch wieder einmal einen Blick auf Arsenal zu werfen. Am Sonntag gab es die schöne Konstellation, dass meine beiden Lieblingsmannschaften hintereinander gespielt haben (und nicht parallel, wie es zuletzt auch immer wieder vorkam). Dabei wurde mir klar, wie teilnahmslos ich derzeit auf Arsenal schaue: Solange Arsene Wenger dort tätig ist, bin ich auf Distanz.

Es war noch dazu ein Spitzenspiel. Arsenal stand vor der Herausforderung, die dominante Mannschaft der Saison in England herauszufordern, nämlich Manchester City unter Pep Guardiola. Es gab die erwartbare Niederlage, wobei es Gründe gab, bei dem 1:3 auch den Unparteiischen einen Vorwurf zu machen. Aber das Gros der Probleme hatte Arsenal schon selber verursacht.

Die Aufstellung hatte zwei Diskussionspunkte: Lacazette blieb eine Stunde lang auf der Bank, stattdessen spielte Sanchez zentral, und Iwobi mit Özil offensiv. Dahinter Ramsey und Xhaka, und eine Viererkette, und dann noch Coquelin als Libero! Arsenal spielte mit Fünferkette, und trotzdem hatte City viele Chancen. Ein paar Minuten in Halbzeit eins spielte Arsenal ganz gut mit, und dann gab es noch eine Phase in der zweiten Halbzeit, als das Spiel nach dem Anschlusstreffer durch Lacazette eine andere Richtung hätte nehmen können. Das war in dem Moment vorbei, in dem David Silva aus Abseitsposition den dritten Treffer für City vorbereitete.

Katar könnte in diesem Jahr gleich drei wichtige Bewerbe gewinnen, wenn man die Ligue 1 dazuzählt. Die Premier League wird City nur schwer zu nehmen sein, auf die Champions League kann man gespannt sein. Aber die beiden am stärksten angeschobenen Teams im europäischen Fußball spielen jedenfalls in diesem Herbst eine große Rolle. Die Uefa macht immer nur gerade so viel, dass sie die Machenschaften nicht wirklich stört.

Bei City ist es vor allem De Bruyne (Zugang 2015, Transferminus damals knapp 150 Millionen), der den Unterschied ausmacht - auch zu Mesut Özil, der wie Alexis Sanchez vielleicht in der Winterpause noch verkauft wird. Arsenal ist in einer merkwürdigen Situation: Alles geht halbwegs so weiter wie gewohnt (das bedeutet nun aber eben schon Platz 6 in der Liga und nicht Platz 4). Zugleich sind fast alle Fragen offen. Zum Beispiel auch, wer denn künftig für Arsenal verteidigen soll: Mertesacker ist schon halb auf der anderen Seite (bei den Betreuern), Koscielny zeigt deutliche Spuren des Alters, Monreal ist ein wackerer Aushelfer im Zentrum, Mustafi traut niemand so richtig, und Holding - na ja, er ist vielleicht doch nur der neue Calum Chambers, also ein Talent, das sich nicht durchsetzen wird.

Ähnlich unklar ist für fast alle Spieler, was die Zukunft bringen wird, mit wem sie spielen könnten - und das alles bei laufendem Spielbetrieb. Nominell ist Arsene Wenger im ersten von zwei weiteren Vertragsjahren, aber die Stimmung ist eine andere: allgemeines Abwarten. Gegen City war Arsenal relativ nahe dran, vielleicht ein Remis zu schaffen (wie es Chelsea zum Beispiel nicht gelungen ist), aber letztlich doch definitiv nicht gut genug. So gewöhnt man sich eben langsam an die neue Situation: Arsenal als das neue Everton. Da trifft es sich gut, dass bei den Paradise Papers auch Alisher Usmanov wieder auftaucht, der Dritteleigner aus Usbekistan, der enge geschäftiche Beziehungen zu dem Eigentümer von Everton hat.

Manchester City gegen Arsenal war ein interessantes, spannendes Fußballspiel, an dem ich nach der Auswechslung von Coquelin und vor der Fehlentscheidung beim 3:1 für eine Weile sogar richtig Anteil genommen habe. Aber es ist umgeben von Umständen, die mich anwidern. Die Sorgen, die die deutschen Fans mit ihrem "Scheiß DFB" haben, sind lächerlich im Vergleich zu dem, was im Fußball global schief läuft. Und manche Probleme sind auch ganz einfach nur die Folge von schlechtem Management. Deswegen ist Arsene Wenger immer noch Trainer von Arsenal. Und ich derweil Fan unter Vorbehalt.


Eingestellt von marxelinho am 07. November 2017.
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06. November 2017

Chaostheorie

Es trifft sich gut, dass jetzt Länderspielpause ist, denn Hertha BSC hat am Sonntagabend in Wolfsburg ein Spiel gemacht, für dessen Analyse man auch mehr als eine Woche aufwenden könnte. Mit dem 3:3 zeigte sich der Trainer am Ende zufrieden. Aber mit der Leistung vor allem in der ersten Halbzeit kann er es unmöglich sein. So chaotisch hat man Hertha lange nicht gesehen, allerdings haben sich die Schwächen, die da erkennbar wurden, schon des Längeren abgezeichnet.

Eine Rolle spielte sicher das frühe Führungstor. Ibisevic traf nach nur zwanzig Sekunden, in Folge einer frühen Balleroberung und eines guten Passes von Lazaro. Danach aber flog Hertha das Spiel vierzig Minuten lang um die Ohren. Ein Elfmeter (verschossen), zwei Tore (abseits, aber in der Entstehung trotzdem Ausweis katastrophaler defensiver Abstimmung), zwei reguläre Tore.

Wenn in der zweiten Halbzeit nicht ein Tor nach einem Standard (Koproduktion Plattenhardt-Rekik) den Gleichstand wiederhergestellt hätte, hätte Hertha gegen Malli, Didavi, Origi und Gomez auch untergehen können. Einen weiteren Gegentreffer nach einem Eckball egalisierte dann aber Selke nach Vorarbeit von (!) Skjelbred. Das Spiel war zu diesem Zeitpunkt schon so entfesselt, dass der Norweger, der sich normalerweise weigert, selbst einen fünftletzten Offensivpass zu spielen, dieses Mal einen "final pass" erbrachte, und zwar fast schon im Strafraum. So weit vorn sieht man ihn sonst manchmal ganze Halbserien nicht.

Vermutlich muss man bis zu einem gewissen Grad akzeptieren, dass es Spiele gibt, die so konfus sind, dass man sie nicht mehr richtig einfangen kann. Aber auch in diesem Fall war vieles aufschlussreich. Den ersten Sachverhalt kennen wir ohnehin schon: Herthas Kompaktheit ist ein Mythos. Die Mannschaft ist häufig porös, besondere Schwächen zeigen sich in der Geistesgegenwart und im Zweikampfverhalten (Skjelbred vor dem Elfmeter, typische Aktion).

Der offensive Sachverhalt ist auch interessant. Pal Dardai ließ nach dem Spiel durchklingen, dass es einen Matchplan gegeben hat, den er sogar bis zu einem gewissen Grad bestätigt sehen kann. Er wollte gut verteidigen und dann sorgfältig nach vorne kombinieren. Er sprach ausdrücklich von Kurzpassspiel, und im Fernsehen konnte man ihn auch einmal dabei sehen, wie er Rekik auf einen langen Ball ansprach (spieleröffnend, gegnerbeliefernd) - das wollte er so nicht wieder sehen.

Herthas "Kurzpassspiel" lahmt aber schon und vor allem im ersten Drittel, aus Gründen, die hier schon mehrfach angesprochen wurden. Mit der Einwechslung von Maier wurde die Sache besser, was eine Weile nicht so deutlich war, weil da Wolfsburg immer noch dominierte. Ich habe Maier vor ein paar Wochen einmal bei der U23 gesehen, damals wäre mir kaum aufgefallen, was er nun schon mehrfach bei den Profis gezeigt hat. Er ist der erste Sechser beinahe seit überhaupt bei Hertha, der einen echten Verbinder zwischen den Linien spielen kann. Sein Vertrag läuft bis 2019. Er wird von Rogon beraten. Es wäre mehr als ratsam, ihn sofort langfristig zu binden.

Selbst dem Sky-Reporter fielen die Qualitäten von Maier auf: Er ist geschickt im Zweikampf, und seine Ballbehandlung ermöglicht ihm schnelles Umschalten auf engstem Raum. Umschalten ist ja ein komplexer Prozess, der im Grunde bei der Ballannahme geistig schon abgeschlossen sein muss. Man bemerkt da bei Hertha auch einen Generationenunterschied. Maier und Selke können Dinge, die nicht viele bei Hertha können, auch Mitch Weiser nicht, jedenfalls nicht in der rätselhaft schwachen Form dieser Saison.

Selkes Einwechslung machte dann tatsächlich den Unterschied zwischen einer Blamage und einem relativen Erfolgserlebnis. Dardai deutete auch Konditionsvorteile zum Ende hin an, eine interessante Behauptung, der aber zumindest vom Augenschein her nichts entgegensteht. Hertha ist mit drei blauen Augen davon gekommen, hat sich aber in der unteren Tabellenhälfte konsolidiert. Für das Erreichen auch nur des defensiven Saisonziels (Top Ten) müssen sich mehrere Spieler ganz gehörig nach der Decke strecken.


Eingestellt von marxelinho am 06. November 2017.
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03. November 2017

Das Schattenkabinett tritt aus dem Schatten

Es war eine interessante Mischung aus Trotz und Kühnheit, mit der Pal Dardai das UEFA Europa League Heimspiel gegen FC Zorya Luhansk anging. Bei der Pressekonferenz vor dem Spiel gab er sich schlecht gelaunt, und man konnte fast schon den Eindruck bekommen, dass ihm an diesem Bewerb nicht mehr viel gelegen ist ("bald wird weniger Spiele geben", das klang nicht nach unbedingtem Willen, im Frühjahr noch im Bewerb zu sein).

Der relativ sichere 2:0-Sieg am Donnerstagabend war dann aber auch Ausweis eines sehr gescheiten Personalmanagements: Mit Torunarigha und Mittelstädt in der Viererkette, mit Maier als Skjelbred, und mit Selke als Goalgetter war das eine Formation, die nicht so sehr nach Rotation aussah, sondern nach einer Mischung aus Schattenkabinett und Dreijahresplan.

Ich sah das Spiel aus einer für mich ungewohnten Perspektive, weil ich eine Karte in der Ostkurve bekommen hatte. Es war ein großartiges Erlebnis, nicht nur wegen der Stimmung, sondern auch wegen der Perspektive: die Breite des Felds, und ein Spiel, das ständig auf dich zukommt - jedenfalls, wenn Hertha so offensiv spielt, wie es am Donnerstag war. In der zwoten Halbzeit kam dann auch das Spiel von Luhansk das eine oder andere Mal auf uns zu, vor dem zweiten Treffer hatte es auch eine seriöse Ausgleichschance gegeben.

Man konnte die Aufstellung so ein bisschen wie einen aktuellen Themenzettel bei Hertha lesen: das Comeback von Mittelstädt machte bewusst, dass auch Plattenhardt einen "understudy" braucht. Stocker im defensiven Mittelfeld schloss an eine Idee aus dem Sommer an, die vielleicht zu schnell zu den Akten gelegt worden war. Die Kombination Maier-Stocker-Duda erwies sich als variabler als das in der Liga meist deutlich konservativere Mittelfeldspiel. Selke ist immer noch auf dem Weg in die Stammformation, es ist aber offensichtlich ein guter Weg. Kalou, dem das Tempo schon fehlt für die wirklich entscheidenden Momente, ist ein Topmentor für so eine Mannschaft.

Eine kleine Extrabemerkung zu Jordan Torunarigha: Mit seiner Stilistik hat er das Zeug zu einem absoluten Kultspieler. Er bewegt sich ein bisschen so, als würde er sich über sein virtuelles Double lustig machen (ich spiele nie digital Fußball, aber ich nehme an, es gibt ihn dort schon). Auf ihn können wir auf jeden Fall sehr gespannt sein.

Mit diesem Sieg hat Hertha (oder Gertha, wie viele Fans von Luhansk sagen würde, die auch Gitler sagen, wenn sie Hitler meinen, und Lugansk, wenn sie sagen, dass sie aus Luhansk kommen) in der Gruppe noch Chancen. Es würde wohl einen Sieg in Bilbao brauchen, damit das abschließende Heimspiel gegen Östersund noch spannend sein kann. Aber da kann Hertha sich ein Vorbild bei dem gestrigen Gegner nehmen: Luhansk hat in Bilbao gewonnen, in Berlin gab es eine verdiente Niederlage. Ergibt nach Adam Riese, dass Hertha in Bilbao klarer Favorit ist.

Auch wenn der Fußball natürlich solche Logik ständig ad absurdum führt, hat der Abend mit dem 20000 Superfans im Oly gezeigt, dass der Bewerb es wert ist, dass man um ihn kämpft. Pal Dardai sieht die Europa League offensichtlich eher als eine Art Praktikum, aber gerade deswegen ist sie so wertvoll. Nach ein paar dürren Wochen, zu denen das HSV-Spiel durchaus noch zu zählen ist, ist nun das Jahresthema wieder da: einen tiefen Kader mit flacher Hierarchie zu schaffen, in dem Spieler einander positiv unter Druck setzen.

Jetzt kann man nur hoffen, dass sich die Energie vom Donnerstag nicht auf dem kurzen Weg in die Autostadt (und beim Wechsel zu einer weniger experimentellen Elf) wieder verflüchtigt, und der alte Trott zurückkehrt.



Eingestellt von marxelinho am 03. November 2017.
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01. November 2017

Vorstellungsgespräch


Bei einem sehr interessanten Abend, zu dem Fankurve Ost und Gesellschaftsspiele eingeladen hatten, traf ich Ihor Kovtun, Fan (Ultra) von Zorya Luhansk, morgen Abend Gegner von Hertha in der Europa League. Ich konnte ihn für ein kleines Propädeutikum zu dem Spiel gewinnen.


Eingestellt von marxelinho am 01. November 2017.
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31. Oktober 2017

Die Gabe der Läuterung

Der Name des Vereins, für den Änis Ben-Hatira derzeit spielt, ist passend: Hoffnung Tunis (Espérance Sportive de Tunis). Der gebürtige Berliner ist im Land seiner familiären Wurzeln angelangt, und bei einem Marktwert von 500.000 Euro. Das ist eine Summe, bei der man fragen könnte, ob da die politischen Umstände eingerechnet sind, die es mit sich gebracht haben, dass Ben-Hatira in Deutschland keinen Verein mehr finden dürfte.

Als Unterstützer der muslimischen Charity Ansaar International hat er sich dem Vorwurf ausgesetzt, sich nicht ausreichend und ausdrücklich von salafistischer Ideologie distanziert zu haben. Es war eine Menge öffentlicher Druck im Spiel, als sein Vertrag bei Darmstadt 98 zu Beginn dieses Jahres aufgelöst wurde.

Wie es ihm seither ergangen ist, das zeigt eine Reportage des SWR, die nun den ganzen November hindurch in der Mediathek von Arte abrufbar sein wird: Profi im Abseits. Offensichtlich konnten die Gestalter dieser Sendung ihn über einen längeren Zeitraum hinweg begleiten, es gibt Material aus Gaziantep, wo er eine Weile gespielt hat. Gaziantepspor ist inzwischen aus der SüperLig abgestiegen. 2015 war ich einmal in der Stadt, ein Spiel konnte ich damals nicht sehen, aber das Stadion habe ich fotografiert.

Die SWR-Reportage bemüht sich um Ausgewogenheit in einer diffizilen Angelegenheit. Denn man sollte doch unterscheiden zwischen der Tätigkeit von Ansaar International insgesamt und deren Politik (zum Beispiel den Predigern, mit denen man sich einlässt) und dem Engagement von Änis Ben-Hatira und seiner Motivation. Auch wenn er vermutlich mit den Leuten bei Ansaar auch persönlich gut bekannt ist, muss man davon ausgehen, dass er nicht im vollen Sinn überblickt, was diese Organisation macht. Das könnte für ihn auch Grund genug sein, sich (präventiv) vollständig von ihr zu distanzieren, dafür hat er aber offensichtlich bisher keinen Grund gesehen.

Was erfahren wir nun in diesem Film über Ansaar? Der Chef, der deutsche Konvertit Joel Kayser, ist bei einem Hilfseinsatz an der türkisch-syrischen Grenze zu sehen. Er weist darauf hin (und hat damit Recht), dass im sogenannten freien Syrien (ein Begriff, der in den Monaten, seit diese Szene gedreht worden sein muss, durch die Erfolge des Bündnisses Assad-Putin an Sinn verloren hat), die Unterscheidung zwischen Freiheitskämpfern gegen das Assad-Regime und islamistischen Bewegungen nicht mit der wünschenswerten Klarheit zu treffen ist. (Hier das Twitter-Profil eines exzellenten Kenners der Lage: Charles Lister.)

Interessanterweise zeigt der Film Ansaar in Suruc bei Hilfestellung für Kurden, die aus Syrien über die Grenze gekommen waren. Hier wären Nachfragen sinnvoll gewesen, denn dieser Umstand akzentuiert sowohl die Verbindung von Ansaar zu türkischen Autoritäten, als auch das Wohlfahrtsverständnis der Organisation, die behauptet, ihre Hilfe käme nicht nur Muslimen zugute. Die Kurden sind zwar Muslime, in der Türkei aber unterdrückt - die Szene wird nicht so ausgewertet, wie es sinnvoll gewesen wäre.

Die Reportage versucht, allen Seiten in der Angelegenheit gerecht zu werden, und das gelingt auch ganz gut. Allerdings ist genau das meiner Meinung auch der Nachteil bei diesem Format: man holt eben von verschiedenen Seiten Stimmen ein, und verlässt sich darauf, dass sich daraus ein Gesamteindruck entsteht.

Es ist ein Eindruck, der auf Schnipseln beruht. Was man mit Änis Ben-Hatira einmal machen müsste, wäre ein sorgfältiges, ausführliches, ungeschnittenes Interview, in dem man ihn zu seinem Verhältnis zum Islam, zu seinem daraus folgernden Verständnis von (Geo-)Politik und zu Deutschland befragt. Daraus könnte man eine Menge lernen. Bei Joel Kayser gilt natürlich das Gleiche, und auch Mesut Özil hätte sicher eine Menge zu sagen, aber der wird in dieser Angelegenheit offensichtlich besser beraten.

In Tunesien hat Änis Ben-Hatira, soweit ich sehe, bisher noch wenig Einsatzzeiten bekommen, und von seinem Ziel, 2018 bei der WM für Tunesien zu spielen, dürfte er weit entfernt sein. Dass er als Spieler, auch bei Hertha, nirgends wirklich und vor allem längerfristig überzeugen konnte, sehe ich latent auch als ein Symptom für seine zwiespältige Position: potentiell ein absoluter Sympathieträger, allerdings in einer Gesellschaft, in der mit seiner Religion von verschiedenen Seiten viel dubiose Politik gemacht wird (das gilt sicher auch für Ansaar).

Ich nehme es ihm absolut ab, dass er alles immer gut gemeint hat. Aber seine "Läuterungsgabe" (schon über die islamischen Begriffe Zakat und Sadaqua könnte man ihn eine Menge fragen) ist nun einmal nicht nur eine soziale Tat, sondern auch ein Zeichen. Und darüber hat er nur bedingt Kontrolle. Er zahlt nun auch den Preis dafür, dass ihm die perfekt durchkalkulierte Inszenierung einer öffentlichen Persönlichkeit nicht so wichtig war, vielleicht auch zu hoch. Er wollte wohl authentisch sein, und er ist es immer noch. Mögen zumindest seine sportlichen Hoffnungen sich erfüllen!

Hier ein gutes Weblog zu einschlägigen Fragen: Erasmus-Monitor


Eingestellt von marxelinho am 31. Oktober 2017.
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29. Oktober 2017

Stabile Seitenlage

Fußball ist ein Sport, bei dem (halbwegs) organisierte Bewegung zu Zahlenreihen führt. Es bräuchte also im Grunde das Erzählen gar nicht, denn das, was auf dem Platz passiert, sieht man, und danach kann man die Tabelle lesen. Damit wäre der windige Samstagnachmittag in Berlin wahrscheinlich auch angemessen verhandelt: Hertha BSC - Hamburger SV 2:1 (Halbzeit 1:0). Das ergibt in der Summe der bisherigen Saison die ausgeglichen wirkende Bilanz von drei (Heim-)Siegen, vier Unentschieden und drei Niederlagen (gegen Dortmund, Schalke und Mainz), eine Tordifferenz von minus 1 (bei elf erzielten Toren), 13 Punkte und Platz 10 (der am Sonntag noch an Augsburg gehen könnte).

Hätte der HSV nicht in der zweiten Halbzeit noch einen Anschlusstreffer erzielt, wäre das alles ganz herrlich ausbalanciert, denn dann wäre mit einer Tordifferenz von 0 auch deutlich sichtbar gewesen, dass Hertha derzeit in beide Richtungen offen ist. Oder vielleicht sogar genauer: in beide Richtungen geschlossen. So halbwegs jedenfalls.

Denn in den Details lauern die Geschichten, und aus den kleinen Geschichten werden Erzählungen. Die Erzählung der vergangenen Woche war die einer (von außen) "hereingeredeten Krise" (Pal Dardai) oder einer "Negativspirale" (Sebastian Langkamp). Die Krise - über die man natürlich genauer sprechen muss - wurde durch zwei Kopfballtreffer von Stark und Rekik nach Eckbällen von Plattenhardt und Weiser abgewendet. Der Gegentreffer war dagegen eher noch Krisenmodus, denn einmal mehr ließ sich da die ganze Formation einen Ball in neuralgischen Zonen um die Ohren spielen.

Dem HSV reichte schließlich aber nicht einmal eine merkwürdig überproportionierte Nachspielzeit von vier Minuten für den Ausgleich, sodass wir uns ein bisschen entspannter der Frage zuwenden können, welcher Art die Krise von Hertha ist oder war - und ob sie abgewendet worden ist, nie existiert hat oder vielleicht immer noch besteht?

Ich neige zu der dritten Möglichkeit, würde dabei aber gern genauer fassen, um was für eine Krise es geht. Ich würde von einer Lernkrise sprechen. Pal Dardai greift ja selbst gern immer wieder auf den Topos von einem Ausbildungsverein zurück, zuletzt klang das aber schon manchmal nach einer Ausrede dafür, dass bei Hertha derzeit keine Fortschritte erkennbar sind. Und wenn ich neulich die Zwischenbilanz seines Wirkens bei Hertha mit dem Wort Stagnation benannt habe, dann liegt das an bestimmten einfachen Tatsachen, an denen sich nie wirklich etwas geändert hat, die aber grundlegend für die Schwierigkeiten der Mannschaft sind.

Hertha tut sich schwer, das (oder ein) Spiel zu machen. Das ist - im Kommentatorendeutsch - der Grundbefund. Aber warum ist das so? Ein Faktor ist sicher die individuelle Qualität der Spieler. So konnte man gegen den HSV sehen, dass Lazaro (derzeit noch?) in etwa die Qualität hat, die Haraguchi auch hat (und die ihn seinen Stammplatz gekostet hat). Defensiv würde ich Lazaro sogar als schwächer als Haraguchi einschätzen. Er ist aber nun einmal ein Neuzugang, und muss natürlich seine Chancen bekommen.

Lazaro war auch keineswegs der Schlüssel für die Schwierigkeiten, gegen den HSV ein Spiel zu machen - auch wenn es frustrierend ist, wenn die offensiven Spieler ihre raren Momente vergeuden. Der Schlüssel zu den Hertha-Problemen liegt im defensiven Mittelfeld - und zwar seit der Bestellung von Pal Dardai zum Cheftrainer (de facto noch viel länger, aber es macht keinen Sinn, hier noch einmal das Fass aufzumachen, in dem Niko Kovac lange der Berliner Diogenes war). In der Konstellation Skjelbred-Stark war die Doppelsechs im defensiven Mittelfeld am Samstag noch ein bisschen flacher als sonst. Vor allem aber lohnt es sich, den beiden zuzusehen, wenn Hertha von ganz hinten das Spiel eröffnen muss.

Dass von Langkamp und Rekik keine interessanten längeren Bälle kommen, damit kann man sich abfinden - auch wenn es dem Ziel einer integrierten Mannschaftsleistung und einer variablen Spielanlage nicht dienlich ist. Dass Skjelbred und Stark aber in dieser Situation in der Nähe eines Gegenspielers einfach herumstehen, weil sie ganz fest davon ausgehen, dass der Ball sowieso nach außen gehen muss, das ist eine der großen Merkwürdigkeiten, die aber bei Hertha (in unterschiedlichen personellen Besetzungen) ganz normal sind.

Zu Saisonbeginn gab es in so einer Situation oft noch eine Dreierreihe, weil sich einer aus der Doppelsechs zurückfallen ließ (dann schaltete der andere eben allein ab), diese Variante war aber nichts anderes als eine taktische Verstetigung des Umstands, dass Hertha nur über außen aufbauen will. Inzwischen ist man von dieser Variante mit Aufbaulibero auch wieder weitgehend abgekommen, weil sie nicht viel mehr ergab als das, was schon davor die Regel war - nämlich Spiel über die Seite. Die Seite hat bei Hertha selten eine zweite.

Wie könnte eine Spieleröffnung aussehen, mit der jenes Tempo entsteht, das den Gegner zu Fehler zwingt? Die Lösung ist so naheliegend, dass sie anscheinend niemandem einfällt. Es müssten sich einfach nur alle bewegen. Und zwar gar nicht hektisch und mit sinnlosen Sprints, sondern so, dass sich in dem Bereich, in den das Spiel geht, immer vier, fünf Spieler für die Situation zuständig fühlen, dass sie mit ihren Bewegungen Optionen anbieten und dem Gegner Dilemmata. Bei Hertha fühlen sich aber immer nur zwei bis drei Spieler in eine Situation einbezogen.

So kommt es fast nie zu der eigentlich logischen Variante, dass der Ball über die Außenposition in die Mitte geht (dort allerdings eine Reihe weiter vorn, wozu Plattenhardt allerdings auch einmal seinen rechten Fuß benützen müsste, nachdem nun allerdings sein linker so MAGISCH ist, sei ihm das halt erspart), und von dort in verschiedene Richtungen. Der alte Topos von den Dreiecken, über die man nach vorn kommt, gilt bei Hertha nicht, weil das zentrale Mittelfeld dafür keine Eckpunkte (Anspielmöglichkeiten) anbietet. (Arne Maier fällt deswegen auf, weil er das schon ein wenig anders macht.)

Ergo Plattenhardt oft wieder auf Rekik, und dann ein langer Ball (und analog auf der anderen Seite). Die "Krise" von Hertha liegt darin, dass die paar Halbzeiten, in denen sich dieses Jahr schon ein anderes Spiel angedeutet hat (Leverkusen, Hoffenheim), derzeit wieder vergessen scheinen. Das hat natürlich auch mit Integrationsfragen zu tun: Ibisevic muss mitgeführt werden, Selke herangeführt, Duda darf nicht jetzt schon abgeschrieben werden (auch wenn sein Stil ihn dafür zu prädestinieren scheint), Lazaro muss positionell erst einmal ausprobiert werden.

Der Sieg gegen den HSV hat wieder einmal gezeigt, dass eine Mannschaft wie Hertha wirklich bei jedem Standard maximale Konzentration braucht (in diesem Fall hat auch Weiser sie gezeigt). Der erste Treffer durch Stark war eigentlich ein Klassiker (Hertha hat solche Tore auch schon markant kassiert, ich denke an Gentner vom VfB Stuttgart). Das zweite war glücklicher, das kann man auch eigentlich nicht verteidigen, denn ein exzellent getretener Eckball kommt einfach irgendwo dort an, wo der Keeper nicht hinkommt, und wo sich auf einer Linie vier, fünf Köpfe bereithalten, die nicht bis ins letzte Detail reagieren können. Bei Rekik passte es dann genau, Ibisevic war knapp dran, und doch hatte er keine Chance auf diesen Ball.

Krisen sind immer auch Anpassungskrisen. Bei Hertha sind wir es gewöhnt, die Ansprüche ständig anzupassen. Derzeit zum Beispiel den Anspruch, dass das Wort vom "Ausbildungsverein" nicht im Sinne einer Ausrede gebraucht wird. Wenn schon, dann auch Lernerfolge. Lernen ist immer Detailarbeit. Und von diesen Details ist derzeit eher wenig zu sehen. Das ist die Krise. Der Heimsieg gegen den HSV hat sie nur numerisch behoben. Sie ist nicht dramatisch, aber man sollte ihr doch abhelfen.


Eingestellt von marxelinho am 29. Oktober 2017.
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Jörg
meint um 29. Oktober 2017 09:20:32

Was ich beim Spiel gegen Köln als besonders frustrierend empfand, das war, dass Hertha etwa 30 Minuten gut gespielt hat, gut und dynamisch stand, so dass ich den Eindruck hatte, es ist nur eine Frage der Zeit, bis das erste Tor für Blau-Weiß fällt. Dann kam eine Kombination von Fehlern, die der Gegenmannschaft das erste Tor ermöglichte. Daraufhin wurde Hertha immer unruhiger und verzweifelter, bis es am Ende ein Fiasko wurde, nicht unbedingt vom Ergebnis, sondern von der Spielweise. Mehrfach war man im Angriff so unkoordiniert, dass man sich entweder auf den Füßen stand oder gar beide Stürmer dem jeweils anderen den Vortritt lassen wollten (vor allem Selke sah nicht gut aus). Vor dem gestrigen Spiel hätte ich nicht gewußt, wie man darauf reagieren soll. Von der Taktik der Aufstellung gegen Hamburg war ich dann auch überrascht. Es stand wieder sehr viel Erfahrung auf dem Platz. Langkamp, Kalou, Ibisevic, Pekarik. Und nicht nur das, die Spielanlage war auch so, wie ich sie von vor etwa einem oder zwei Jahren bei Hertha kannte. Zwischendurch glaubte ich auch ein leicht verschobenes 4-3-3 erkennen zu können. Und gleichzeitig habe ich Stark und Lazaro als sehr gut empfunden (Lazaro vielleicht nur im Vergleich zu Kalou und Ibisevic). Für mich sah das gestern gegen den HSV also aus wie ein Rückgriff auf Altbewährtes mit Einsprengseln von Neuem. Hoffentlich war das nicht der Anfang des Verzichts auf die neue Idee der Spielanlage, wie ich sie gegen Leverkusen noch so bewundert habe. Hoffentlich war das nur der Erweis, dass Hertha inzwischen sehr unterschiedliche Spielstrategien für unterschiedliche Anforderungen im Repertoire hat.

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26. Oktober 2017

Tradition an der falschen Stelle

Die Zukunft gehört Berlin. So stand es gestern auf meiner Eintrittskarte für das Pokalspiel gegen Köln. So steht es über der ganzen Saison von Hertha BSC, die mit dem 125. Geburtstag begann. Die Gegenwart gehörte dann leider Köln. 3:1 für die Gäste, die nähere Zukunft für Hertha liegt in einer Zweifachbelastung, hinter der sich schon deutlich eine Einfachbelastung abzeichnet. Wenn die dann mal bloß keine Überforderung darstellt!

Das Motto klang gestern besonders anmaßend angesichts der Besucherzahl im Olympiastadion: 33459 Leute kamen, darunter neben mir ein desinteressierter HSV-Fan, der nach 40 Minuten mit seinen Whatsapp-Chats offensichtlich so weit vorangekommen war, dass er aufstand und nicht mehr gesehen ward. Hätte die gleiche Begegnung in Köln stattgefunden, sie wäre ausverkauft gewesen. In Berlin liefen nach dem 0:3 auch schon die treueren Fans nach Hause. Und da war noch eine halbe Stunde zu spielen.

Aber so ist das halt mit der Hertha und Berlin. Das ist keine Liebesbeziehung, schon gar keine traditionelle, und eine erarbeitete wird es bei den aktuellen Leistungen der Mannschaft auch nicht. So bleibt, nicht zuletzt nach dem Kniefall von neulich vor dem Schalke-Spiel, der Eindruck, dass das Kerngeschäft (der Sport) mit der Markenbewirtschaftung nicht Schritt hält. Und das lässt dann halt auch die Markenbewirtschaftung immer wieder komisch aussehen.

Denn im Sport ist natürlich die Leistung die Golddeckung. Hertha hat keine alten Meriten, von denen sich zehren ließe, dass sie aber jetzt schon wieder einmal so auf Null stehen würde, wie sie es derzeit tut, das ist doch verblüffend. Aus dauerndem déjà-vu lässt sich jedenfalls keine Zukunft basteln.

Die drei Gegentore gegen Köln hatten jeweils eine Geschichte. Interessant daran sind nicht so sehr die individuellen Fehler, sondern die Muster, die sich dabei zeigen. Hertha ist in diesen Wochen auf eine merkwürdige Weise begriffsstutzig, es fehlt markant an Geistesgegenwart: Plattenhardt läuft beim entscheidenden dritten Gegentor mit nach hinten, vollkommen fixiert auf einen Ball, von dem ihm nicht einmal in Ansätzen in den Sinn kommt, dass er es mit ihm noch zu tun bekommen könnte. Die Wahrscheinlichkeit, dass er an den Pfosten geht, ist ja auch gering. Fußball ist aber nun einmal der Versuch, in die Lücken der geringen Wahrscheinlichkeit zu gehen. Das gilt offensiv genauso wie defensiv.

Köln hat den ganzen Abend nach diesen Lücken gesucht, in jedem Zweikampf, mit jedem Lauf von Handwerker, der so viel wirkungsvoller war als Lazaro, mit einem Eckball von Jojic, der so viel konzentrierter getreten war als einer von Lazaro, den er auch persönlich bei Horn hätte abgeben können.

Warum sucht Hertha so halbherzig nach ihren Möglichkeiten? Die Mannschaft ist in der derzeitigen personellen Situation so verfasst, dass sich alle hinter ihren (eng definierten) Aufgaben und voreinander verstecken können. Die Innenverteidigung ist nicht auf der Höhe, verzichtet dafür aber fast vollständig auf einen Beitrag zum Aufbauspiel. Das defensive Mittelfeld arbeitet konservativ und unkoordiniert an einem Wechseldienst, bei dem einer immer abschaltet, wenn der andere sich anbietet. Die Oldies Ibisevic und Kalou werden möglicherweise nicht mehr in diese Saison finden. Bei Duda könnte das auch so sein.

Pal Dardai wirkte in der kurzen Pressekonferenz nach dem Spiel ratlos. Er sprach von einer Lähmung. Es ist eine, die im Grunde seine gesamte bisherige Tätigkeit geprägt hat. Hertha hat ab und zu Ansätze zu einer Verbesserung gezeigt, aber insgesamt ist die Signatur der bisherigen zweieinhalb Jahre von Pal Dardai als Cheftrainer bei Hertha BSC doch sehr eindeutig: Stagnation.

Wie oft kann man alles schon einmal gesehen haben? Prinzipiell wohl so oft, wie es die Zukunft hergibt, die in der eigenen Lebenszeit enthalten ist. Immerhin hat Hertha mit dem schwachen Spiel gegen Köln ein bisschen Tradition gestiftet. Denn traditionell ist die Mannschaft im Pokal ja nicht gut. Darauf scheint sie sich ausgerechnet in einem Jahr besonnen zu haben, das wir gern für zukunftsträchtig gehalten hätten.



Eingestellt von marxelinho am 26. Oktober 2017.
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Valdano
meint um 27. Oktober 2017 11:31:32

Bist ja doch ein alter Aristoteliker, wenn Du schreibst: "wie es die Zukunft hergibt, die in der eigenen Lebenszeit enthalten ist". In Herthas Entwicklung, derart entelechetisch betrachtet, müsste dann der Abstieg notwendig enthalten sein. Gruß von Valdano

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23. Oktober 2017

Der Beweis ist im Video und im Pudding


"Hertha ist auch scheiße." Das war gestern der erste Satz zum Thema Fußball, den ich im schönen Freiburg zu hören bekam. Ich aß Pfifferlinge mit Spätzle, und dachte darüber nach, wen die Gruppe am Nebentisch wohl noch gemeint haben könnte. Wer ist - außer Hertha - auch noch "scheiße"? Von den Fans des SC Freiburg würde man ja eigentlich nicht erwarten, dass sie so über die eigene Mannschaft sprechen.

Auf dem Weg ins Schwarzwaldstadion bekam ich dann noch die eine odere andere Expertenmeinung mit, die Hertha eher in der Preisklasse der Heimmannschaft verortete, als bei den Großen der Liga. Leider trug das Spiel dann nichts dazu bei, diese Geringschätzung zu entkräften. Hertha hat keinen Nimbus. Hertha macht niemand nervös. Hertha ist ein dankbarer Gegner für Mannschaften wie den SC Freiburg, die sich derzeit eher so recht und schlecht abmühen.

Das 1:1 erschien mir dann insgesamt als ein angemessenes Ergebnis. Nach der schwachen ersten Hälfte beider Mannschaften gab es in der zweiten immerhin noch die eine oder andere Aufregung. Und Hertha fand nach einigen Einwechslungen dann doch noch in ein Spiel, von dem man schon den Eindruck haben konnte, die Mannschaft wäre unter Protest angetreten. Gegen die Mehrfachbelastung? Gegen die Chance, eine spannende Geschichte zu schreiben? Gegen jegliche Erwartungshaltung?

Auswärtsspiele in kleinen Stadien geben dem mitgereisten Fan manchmal die Gelegenheit, ein paar Beobachtungen zu machen, die sonst nicht möglich sind. So fand ich den desinteressierten Vortrag in Halbzeit eins nicht mehr ganz so rätselhaft, nachdem ich der Mannschaft beim Aufwärmen zugesehen hatte. Da war schon deutlich zu sehen, dass niemand unter Spannung war.

Und so pendelte sich die Sache auch bald in eine Art Routine ein, mit dem Mittelfeldduo Lustenberger-Skjelbred als dem bestens bekannten Epizentrum der Gemächlichkeit. Zur Pause zogen die Betreuer eine erste Konsequenz und ersetzten Ibisevic durch Selke. Das hatte vorerst keine Folgen, auch deswegen, weil Niklas Stark im zweiten Spiel hintereinander maßgeblich durch schlechtes Zweikampfverhalten zu einem Gegentreffer beitrug. Freiburg ging durch einen Elfmeter in Führung, und Stark hatte danach noch zwei Aktionen, in denen er sich über eine zweite gelbe Karte nicht hätte beschweren dürfen.

Zusammen mit den gelben Karten gegen Leckie (früh!) und Ibisevic ergibt das insgesamt den Eindruck einer Mannschaft, die jetzt schon nicht mehr auf einem Fitnesslevel zu sein scheint, das es für eine gute Koordination zwischen Absicht und Ausführung braucht. In der Halbzeit wärmten sich die Ersatzspieler noch einmal auf, auch diese kleine Einheit sah bei allen reichlich nachlässig aus.

Selke blieb lange wirkungslos, das Gleiche galt für Lazaro, der für Duda kam. Ich hätte Kalou ausgewechselt, aber das hätte dem Spiel den besten Moment geraubt: die beiden Elfmeter kurz hintereinander. Den ersten jagte er über das Tor, mit dem zweiten hätte er sich dann schon einigermaßen legendär blamieren können, aber da blieb er cool.

Zu diesem Zeitpunkt war das Spiel endlich in Bewegung. Das hatte bei Hertha vor allem mit der Einwechslung von Arne Maier zu tun. Er war nur eine Viertelstunde auf dem Platz, machte aber eine Menge Unterschied. Schon eine seiner ersten Aktionen ließ das en miniature erkennen: ein Zuspiel, das Skjelbred oder Lustenberger mit Sicherheit zu einer Ablage (mit dem Innenrist) nach hinten genützt hätten, nahm Maier an, und dann legte er sich - mit einem winzigen Manöver, in einem Sekundenbruchteil - den Ball auf den Außenrist. Damit hatte er das Spiel vor sich. Eine Sache von zehn Zentimetern und dreißig Metern zugleich.

Es sind solche Kleinigkeiten, auf die es heute im Fußball ankommt, auch in den Zweikämpfen, bei denen das Urheberrecht an Fouls meist in einem Joint Venture zu suchen ist: der eine Spieler bietet ein bisschen was an, der andere macht was draus. Selke kann das viel besser als Ibisevic. Der irritable Kapitän hinterließ in Freiburg leider den deutlichen Eindruck aktuell mangelnder Konkurrenzfähigkeit. Im Verbund mit einer mehrfach zerstreuten Defensive und nicht gerade sprühenden Flügelspielern ergibt das eine Mannschaft, die auf der Suche ist. Immerhin haben Maier und Selke angedeutet, dass da noch mehr möglich ist.

Mit dem Remis kann Hertha halbwegs undramatisch in die nächste englische Woche gehen. Ich bin spätnachts nach Berlin zurückgekommen. Zwischen den vielen Spielen muss ich jetzt erst mal sehen, wo ich die normale Arbeit unterkriege.



Eingestellt von marxelinho am 23. Oktober 2017.
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Jörg
meint um 25. Oktober 2017 09:12:22

Dardai sagt, dass er momentan zufrieden ist. Schützt er damit nur die Mannschaft oder spiegelt sich das auch in seiner taktischen Aufstellung wider? Im Spiel gegen Freiburg hat man in der ersten Halbzeit gesehen, dass Hertha nicht in der Lage ist, konsequent nach vorn zu spielen und sich Torchancen zu erspielen, das war ein krasses Gegenteil zu dem Spiel gegen Leverkusen. Waren Arne Maier und Davie Selke wirklich nur zwei leicht andere Spielertypen als Lusti und Kalou? Oder hat sich damit auch die "Statik des Spiels" geändert, haben sich dadurch neue Vektoren ergeben, hat Dardai auch die Taktik geändert, so dass sich plötzlich potentiell Elfmeter-generierende Situation ergeben konnten?

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20. Oktober 2017

Das Pochen der Wahrheit

Oje, oje, oje, oje! Die Wochen der Wahrheit lassen sich für Hertha BSC gar nicht gut an. Nach der Heimniederlage gegen Schalke nun also eine Auswärtsniederlage gegen Zorja Luhansk in der Europa League. Damit bleiben nur noch drei Begegnungen, und schon jetzt ist klar, dass es allenfalls dann noch eine relativ eindeutige Wahrheit werden kann, wenn sie negativ ausfällt. Denn der Auftritt in Lemberg war bedenklich, am besten kommt man mit ihm vielleicht zurecht, indem man die Wochen der Wahrheit verlängert und das Retourspiel daheim in zwei Wochen gleich noch dazu zählt. Und zur Not auch noch das Auswärtsspiel in Wolfsburg am Sonntag darauf.

Man muss die Wahrheit bei Hertha derzeit möglichst strecken, um ihr nicht zu direkt ins Gesicht schauen zu müssen. Hilft aber nichts. Das Spiel gegen Luhansk war eine Blamage. Nebenbei hat Hertha, wie auch der FC Köln, der zweite "reluctant European" aus der Bundesliga, derselbigen schon wieder eine schlechten Dienst erwiesen. Und die Gruppe steht weiterhin auf dem Kopf, weil Bilbao in Östersund remisiert hat.

Gute Spieler und gute Mannschaften wachsen mit Herausforderungen. Das unterscheidet Hertha bisher noch ganz entscheidend von einer guten Mannschaft. Luhansk war ein unangenehmer Gegner, bot aber auch Angriffsflächen. Hertha bot schließlich die größeren. Das entscheidende Gegentor hatte eine Vorgeschichte in einer der zerstreutesten Defensivleistungen von Salomon Kalou. Jarstein konnte eine hochbrisante Situation zur Ecke klären, die Ecke wurde auch provisorisch geklärt, und dann lief Hertha in einen Konter, der mangels geistiger Teilnahme der Auswärtsmannschaft am Spiel ungestört ablaufen konnte, und auch den Vorteil hatte, dass er nur 25 Meter bis zur Grundlinie zu überbrücken hatte.

Fabian Lustenberger, der kurz davor schon einmal Karavaev in einen gähnend offenen Raum hatte laufen lassen, konnte gegen eine Hereingabe nichts ausrichten, bei der Karavaev dieses Mal der Absender war. Svatok fand den Dreh, dem vier Herthaner nicht einmal so richtig zuschauten. Sie waren geistig immer noch bei dem eben geklärten Corner und wunderten sich, warum das Spiel schon wieder auf sie zukam.

Drei Aspekte fielen mir insgesamt auf. Luhansk ist keine Klassemannschaft, man hatte aber in vielen Szenen den Eindruck, dass die Spieler individuell ausgebuffter waren als alle Herthaner. Es gab eine Menge Zweikämpfe, die schwierig zu bewerten waren. Hertha bot aber - nicht zuletzt vor dem Freistoß zum ersten Gegentor - immer genug an, damit jemand wie Lunyov Fouls ziehen konnte. Esswein hätte wohl einen Elfer bekommen müssen, Pekarik hätte aber auch einen verschuldet. In diesen Details hatte Luhansk ganz klar das bessere Ende. Das deutet auf eine Mischung aus mangelnder Frische, mangelnder Einstellung und auch technischem Ungeschick bei Hertha hin.

Die Mannschaft schien schwer damit zurechtzukommen, dass der agile Auftakt ohne Ergebnis blieb. Nach zehn Minuten hatte Luhansk den simplen Dreh heraus, mit dem fast alle Mannschaften es schaffen, Hertha auf die Außenbahnen hinauszupressen. Dort stagniert dann das Spiel. Ein ähnlich geordnetes Pressing spielt Hertha selbst interessanterweise nie.

Besonders genau haben viele Fans sicher der Arbeit im Mittelfeld zugeschaut. Dort war nämlich neben Lustenberger mit Arne Maier ein Nachwuchsspieler tätig, der zwar nicht fehlerfrei agierte, der aber doch mehr als nur Andeutungen machte. Nach einer Weile verließ er nämlich die flache Linie mit seinem Nebenmann, und begann eine Art Einfädler zu spielen. Da funktionierte beileibe nicht alles, aber es war doch eine deutlich modernere Interpretation dieser Rolle, als wir sie bei Hertha zuletzt gesehen haben. Maier spielte im Grunde das, wofür Darida zuletzt die Form fehlte. Ich fand ihn fast den besten Herthaner, in einer allerdings insgesamt schwachen Mannschaft.

Dass Hertha mit dieser Gruppe so extrem fremdelt, hat wohl nicht nur mit der mangelnden europäischen Erfahrung der meisten Spieler zu tun, sondern mit einer Rotation, die man eigentlich noch immer als eine erweiterte Saisonvorbereitung (bei nun aber schon eine Weile laufendem Spielbetrieb) sehen muss. Lazaro und Selke sind noch nicht integriert, und wenn dann rundum auch eher Unklarheit herrscht (Esswein ist sich ja traditionell selbst ein bisschen ein Rätsel, bei Weiser sieht es derzeit auch stark danach aus), kann ein interessantes Offensivspiel kaum stattfinden. Ohne Plattenhardts Hereingaben wäre Hertha vermutlich aktuell Abstiegskandidat.

Gegen Freiburg sollte Duda wieder spielen, und Selke für meine Begriffe in der Mannschaft bleiben. Vielleicht sogar Maier auch. Irgendwo über den Wolken zwischen Lemberg und Breisgau muss Hertha die Konzentration und die Mentalität finden, die in Europa derzeit fehlen. In zwei Wochen wird dann abgerechnet: Derzeit stehen die Zeichen auf Krisendiagnose, aber noch sind andere Wahrheiten drin.



Eingestellt von marxelinho am 20. Oktober 2017.
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