24. September 2017

Ein Bild macht man sich immer selber

Die englische Woche endete für Hertha ernüchternd. In Mainz war die Luft deutlich entwichen, eine dritte Luft, wie sie beim Laufen durch Euphorie zu finden ist, lässt sich nicht so ohne Weiteres aus dem Oly in eine Opel-Arena transportieren. In das Auswärtsspiel ging die Mannschaft mit einer Haltung, von der sie sich in diesem Jahr schon mehrfach durch intelligente Aktivität emanzipiert hatte: abwartend, neutralisierend, kalkulierend. Die Kalkulation ging nicht auf: Mainz erzielte ein Tor durch einen Elfmeter nach Videobeweis, danach bekam Hertha nicht mehr ausreichend Initiative zustande. Bei einem Spielstand torloses Remis wäre Hertha wohl insgesamt zufrieden gewesen und hätte sich zum Ende hin (wo nach Pal Dardai bekanntlich das Spielfeld immer größer wird) wohl sogar Vorteile ausgerechnet.

In einem Spiel, das insgesamt wohl keinen Sieger verdient hatte (und für das man die neue Kategorie des Nullpunkteremis einführen müsste), gab ein "Videobeweis" den Ausschlag. Tobias Stieler sah sich eine Szene, die er mit freiem Auge nicht als Foul gesehen hatte, auf einem Bildschirm an der Seitenlinie noch einmal an und wertete das Einsteigen von Rekik danach als Foul. Das kann man so und so sehen, sicherlich aber kann man das nicht kategorisch als Fehlentscheidung werten.

Interessant ist allerdings das Prozedere. Es geht dabei um die grundsätzliche Frage, ob der Schiedsrichter sich in solchen strittigen Situationen eine Einschätzung aus Köln zu eigen machen soll, oder ob er immer noch selbst abwägen soll, was zu tun ist. Die Szene in Mainz hat für meine Begriffe klar gezeigt, dass es da viele Unwägbarkeiten gibt. Denn was Stieler da an der Seitenlinie genau gesehen hat (man muss mitbedenken: Lichtverhältnisse, Heimspielstimmung, Bildschirmwinkel, Bildausschnitt etc), wird wohl nicht einmal er selbst später noch genau rekonstruieren können - seine Bewegung (er war schon entschlossen, und wandte sich dem Bild dann doch noch einmal zu, wenn auch sehr kurz), lässt jedenfalls erkennen, dass die Sache so klar für ihn nicht gewesen sein kann.

Ich sage nicht, dass der Penalty nicht zu geben war. Aber die künftige Entwicklung des "Videobeweises" (für den Begriff sollte man dringend nach einer Alternative suchen, vielleicht sollte man vorläufig einfach vom "Kameraauge" sprechen) wird uns noch so richtig in die Komplexitäten von Faktizität und Geltung führen. Denn was wäre, wenn Stieler sich am Samstag gegen einen Elfmeter entschieden hätte? Dann würde die Liga seine Entscheidung auf jeden Fall als Tatsachenentscheidung verteidigen, obwohl man vielleicht sagen könnte, er hätte nur nicht auf die eine Perspektive gewartet, die ihn anders hätte entscheiden lassen. Sein Zeitdruck ist in dieser Situation jedenfalls ein ganz anderer (und er ist noch einmal exponierter), als bei unmittelbaren (Fehl-)Entscheidungen im Spielfluss.

Niemand will ferngesteuerte Schiedsrichter. Aber auch die Spieler, die Funksprüche aus Köln angeblich ablehnen, müssten eigentlich einsehen, dass mit einem unter extremem Stress bei wechselnden Lichtverhältnissen einsam vor einem Schirm deliberierenden Schiri der Sache vermutlich weniger gedient ist als mit der meist auch prompteren Mitteilung einer in nächster Instanz gefundenen Einschätzung, die im übrigen nicht weniger nachträglich nachvollziehbar wäre, wie das ganze Spiel ja für die Live-Teilnehmer und Live-Zuschauer hinterher sich noch einmal ganz neu darstellt - wenn man es sich als Aufzeichnung ansieht.

Der Schiedsrichter ist auch so schon ein Delegierter, hinter dem ein riesiger Apparat steht (von den Fans gern zum "Scheiß DFB" vereinfacht). Er ist der erste Offizielle in einer langen Reihe von Offiziellen, zu denen nun eben auch noch Adleraugen vor Bildschirmen in einer Datenzentrale zählen.

Ich schreibe über diesen Aspekt deswegen so viel, weil das Spiel vom Samstag darüber hinaus nicht viel hergegeben hat. Die Mannschaft hatte wohl weder den Auftrag noch die Einstellung, konkrete Ansprüche auf eine prägende Rolle in dieser Ligasaison anzumelden - zumal das auch mit der Suche nach Reserven einher gegangen wäre, von denen alle Angst haben, dass der "peak" zu früh erreicht werden könnte.

Da Köln unvermutet in eine prekäre Lage geraten ist, muss Hertha sich in diesem Herbst wohl oder übel an Hoffenheim messen (lassen). Im direkten Duell sah das ganz gut aus, nun aber hat Hertha einen wichtigen, nächsten Schritt nicht gemacht, sondern hat sich - übrigens wieder mit einer sehr homogenen, dieses Mal schwachen Mannschaftsleistung - wieder unter Vorbehalt gestellt. In einem Spiel, das in erster Linie "unangenehm" war (unattraktiver Gegner etc), hätte es wohl einer besonderen Überwindung bedurft, es sich zu eigen zu machen. Das hat sich Hertha für einen Tag aufgespart, von dem jetzt natürlich wieder niemand wissen kann, wann er denn kommt.



Eingestellt von marxelinho am 24. September 2017.
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21. September 2017

Volle Kilometer

Gestern kam ich erst ganz knapp vor Anpfiff der Begegnung von Hertha und Bayer 04 Leverkusen ins Stadion. Ich habe also die Verabschiedung von John Brooks nicht mitbekommen, für den es angeblich Pfiffe gab. Das ist wieder einmal so ein Beispiel für eine gewissen Fanfundamentalismus, denn eigentlich müssten sich doch alle, die Hertha unterstützen, bei ihm tausendmal dafür bedanken, dass er bei Wolfsburg unterschrieben und eine doch ein bisschen überdimensioniert wirkende Ablöse gebracht hat.

Brooks wurde nämlich exzellent ersetzt. Und zwar nicht nur eins zu eins, durch Karim Rekik, von dem man jetzt schon das Gefühl haben kann, dass er ein Führungsspieler par excellence ist (was bei dem "US-Boy", wie die Medien gern schreiben, immer so halb in der guten Absicht stecken geblieben war). Sondern eben auch noch durch jemand wie Matthew Leckie, und selbst Selke und Lazaro sind alle noch durch die Transfersumme aus der Autostadt abgedeckt. Also: einen besseren Deal hat Hertha nicht oft gemacht.

Wo die Mannschaft in dieser frühen Phase der Saison einzuordnen ist, zeigte dann das Spiel gegen Leverkusen mit einer teilweise begeisternden Klarheit: Im direkten Vergleich mit der Schmach vom 20. Mai war Hertha kaum wiederzuerkennen. Und auch für den laufenden Wettbewerb macht die Reaktion auf den mäßigen Heimauftritt gegen Bremen entschieden Hoffnung.

Leverkusen ist eine der wenigen Mannschaften in der Liga, die sich immer wieder auf das offene Duell einlassen. Das kam Hertha gestern entschieden entgegen, denn die Formation (mit Darida neben Skjelbred und Stark neben Rekik, mit Weiser hinter Leckie und Plattenhardt hinter Kalou, und mit Duda hinter Ibisevic) war ideal für die vielen Umschaltsituationen, die es gegen Hoffenheim (wo das eigentlich Matchplan war) gar nicht so oft gab.

Nach ein paar Minuten war Hertha im Spiel, und zwar bestimmend. Die Treffer durch Leckie (schon wieder mit links) und Kalou (eine elegante Veredelung einer Teamleistung) waren herausgespielt und erzwungen, und begünstigt durch Geistesblitze und Initiative. Wieder fiel vor allem auf, wie homogen das Team wirkt. Mein Liebling an diesem Abend (es gab viele Kandidaten) war Salomon Kalou, vor allem wegen seiner Defensivarbeit.

Die Mannschaft ist insgesamt fast 124 Kilometer gelaufen (Darida kratzt bald an der 14-km-Marke), das sind Welten von vielen Werten der Vorsaison. Es gab darunter nicht wenige Feldüberquerungen, aber der Großteil war doch diese ungeheuer anstrengende Meterarbeit beim Zulaufen von Räumen und beim Verhindern von Flanken und Pässen, für die man ins Stadion kommen muss, um sie wirklich adäquat mitzukriegen. Es kamen nur 32.000 - ein deprimierender Wert. Die aber da waren, sahen das Gegenteil von leeren Kilometern.

Die Passquote von 71 % würde ich zweiteilen: Sie deutet an, dass Hertha dieses Mal mehr probiert hat (was unbedingt zu begrüßen ist, zumal die Kompaktheit darunter nicht litt), sie lässt aber wohl auch die Veränderung des Spiels in der zweiten Halbzeit erkennen. Da kam Hertha nicht mehr so häufig aus der eigenen Hälfte. Mit ein bisschen Pech hätte das auch noch schief gehen können, zumal der vierte Offizielle offensichtlich ein anderes Spiel geschaut hatte, denn fünf Minuten Nachspielzeit waren für das aktuelle eher drei zuviel (wie schon die gelbe Karte gegen Jarstein übertrieben war).

Vor dem Spiel in Hoffenheim konnte man Michael Preetz im Fernsehen über neue Formen der Belastungsdiagnostik bei Hertha sprechen hören. Er verriet keine Geheimnisse, sondern ließ nur erkennen, dass man da auch einiges probiert. Nehmen wir das einfach einmal vorsichtig als ein weiteres Indiz, dass Pal Dardai und das gesamte Betreuerteam über den Sommer wieder wesentliche Professionalisierungsschritte gemacht haben. So deutet es jedenfalls die Mannschaft an, die gegen Leverkusen so ambitioniert gespielt hat, wie man es von der "Power von der Spree" erwarten möchte.

Der negative Lauf beim FC Köln (mit dem Hertha sich aufgrund der Vorjahrestabelle am ehesten vergleichen sollte) zeigt noch deutlicher, wie sehr die Hertha-Fans gerade zufrieden und optimistisch sein können.



Eingestellt von marxelinho am 21. September 2017.
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Jörg
meint um 21. September 2017 14:26:54

Selten habe ich eine bessere Halbzeit von Hertha gesehen als die erste gegen Leverkusen gestern. Zwar hat Leverkusen Hertha 40 Minuten lang viel Raum gegeben. Doch Duda, Darida. Leckie und Weiser haben diesen freien Raum durch wirklich schöne öffnende Pässe und schnelle Läufe auch großartig genutzt. Zudem hat mir die sehr junge Innenverteidigung ausnehmend gut gefallen. Stark und Rekik haben beide viel und gut nach vorn gearbeitet, Rekik mit einem Vorstoß bis in den Strafraum. Warum Tah bei Leverkusen erst nach der ersten Halbzeit hineinkam, hat sich mir nicht erschlossen. Bayer stand danach viel besser und stabiler. Sehr interessant fand ich dann die Situation vor dem Gegentor: Volland bleibt nach einem Zweikampf mit Rekik im Strafraum liegen, Rekik ist sehr aufgebracht, die ganze Mannschaft scheint kurz aus dem Konzept gebracht ob eines möglichen Elfmeters, da fällt das Tor. Hat Volland diese Unsicherheit herbeiführen wollen? Vielleicht wären ältere und erfahrenere Spieler an der Stelle ruhiger und im Fluß geblieben.

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17. September 2017

Matchplan Schneller Pfeil

Die Europa League bringt auch in der Liga interessante Konstellationen, wenn - wie heute Nachmittag - zwei Teams aufeinandertreffen, die auch am Donnerstag im Einsatz waren. Hertha auswärts in Hoffenheim, bei einem Team, das man unabhängig von der Niederlage gegen Braga im internationalen Bewerb inzwischen als echten Gradmesser im deutschen Fußball betrachten muss. Na ja, jedenfalls als solide Konkurrenz, wie sich erwies.

Hertha trat mit einem Matchplan namens Alexander Esswein an. Ibisevic, Kalou und Darida auf der Bank, stattdessen Duda auf der 10, und vor ihm der Mann, der seit seiner Verpflichtung immer eher so etwas wie eine Wild Card als eine kalkulierbare Größe gewesen ist. Die Betreuer haben sich im Sommer darauf geeinigt, in Esswein einen Stürmer zu sehen. Das erwies sich schließlich als kluge Intuition.

Der frühe Führungstreffer durch Wagner machte aus dem Matchplan schnell Makulatur, wenn er denn tatsächlich bloß aus dem Aspekt der Pfeilschnelligkeit bestanden haben sollte. Das wäre aber sowieso ungenügend gewesen, zumal wir wissen, dass gerade Esswein auch manchmal umso chaotischer agiert, je schneller es geht. Er hat aber auch einen Faktor, den man nicht trainieren kann. Nennen wir es freundlich: Unbekümmertheit.

Nach dem 0:1 musste Hertha mehr tun, blieb aber durch die weiterhin dominante Positionsarbeit der TSG darauf verpflichtet, dies mit sorgfältiger Rückversicherung zu tun. Und so entwickelte sich allmählich ein Bundesligaspiel, das man wieder einmal fast als Schulbeispiel für den grundsätzlichen Kompetenzgewinn der Liga nehmen kann, nur mit dem Unterschied, dass es trotzdem interessant war. Sehr sogar.

Das hatte viel mit einer Tugend zu tun, durch die Hertha in den letzten Jahren noch nicht so oft aufgefallen ist: Mentalität. Selbst im Fernsehen (ich habe das Spiel, unter Protest, bei den Steuervermeidern von Amazon gesehen) war zu spüren, dass da unten (draußen) ein Kampf auf Biegen und Brechen stattfand, dem es aber nicht an Leichtigkeit mangelte.

Hertha arbeitete sich mit beachtlicher technischer Qualität in dieses Spiel. Und kam schließlich zum Ausgleich: durch Plattenhardt und Esswein (und die ganze Mannschaft als Formation dahinter und rundherum). Wieder einmal fiel die Ausgeglichenheit der Leistung auf, es gab Finessen selbst von Skjelbred, und wichtige defensive Interventionen selbst von Esswein, der ja doch nominell vorn eingeteilt war.

Für die kommenden Wochen kann man nach den beiden Spielen von heute und vom Donnerstag vorsichtig optimistisch sein. Sollte es gelingen, Selke und Lazaro auf dem erhofften Niveau zu integrieren, dann hätte Hertha tatsächlich einen Kader mit zwei im Grunde gleichwertigen Formationen, zwischen denen die Betreuer je nach Tag und Tagesplan die Wahl haben - keine Mannschaft A und  keine Mannschaft B, sondern ein Team A aus zwei Keepern, einer vermutlich doch seltener variierten Viererkette (auch weil Rekik und Langkamp einander offensichtlich gut verstehen), und dann weiter vorn ist eine Menge denkbar.

Zum Beispiel schon am Mittwoch ein Sturm mit Kalou, Darida und Ibisevic, dahinter vielleicht Stark, und Esswein, der ja gegen Bilbao pausiert hat, wieder einmal auf dem Flügel. Falls Leckie mal durchatmen sollte. Die Umsicht der Betreuer zeigt sich unter anderem darin, dass mit Lustenberger ein Spieler wieder integriert ist, der schon weit weg schien von der Mannschaft.

Pal Dardai hat schließlich das Gegentor beklagt, und er hat recht: Hertha hätte heute sogar die Festung der Macht vom Rhein-Neckar (zwanzig Heimspiele ohne Niederlage) erobern können. So aber war das eine Demonstration von Augenhöhe, und zwar nachdem Wagner einmal Langkamp übersprungen hatte (der aber auch behindert worden war, und dann unglücklich nach hinten wegtauchte). Hertha tauchte danach nicht ab, sondern zeigte sich.

Auch wenn man natürlich weiterhin nur von Spiel zu Spiel denken darf, zeigen sich nach dem bescheidenen Auftritt gegen Bremen Indizien für eine Konsolidierung im besten Sinn: eine nach vorne (und nach oben) offene Konsolidierung, eine Konsolidierung, die gruppendynamische Robustheit mit vielen Andeutungen individueller Qualität verbindet. Es macht Spaß, dieser Mannschaft beim Arbeiten zuzusehen. Und wenn das mit der Rotation so weiter geht, dann kriegen die Betreuer am Ende der Saison den HR-Award für exzellenten Einsatz von Human Resources.


Eingestellt von marxelinho am 17. September 2017.
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15. September 2017

Der Blick über die Grenzen

Sieh einer an, in der aktuellen Hertha steckt doch tatsächlich auch eine kleine rote Furie, also ein spanisches Technikerteam mit hübschen Kleinmanövern und eleganten Lösungen im Detail. Das war für mich zumindest eine Erkenntnis aus dem torlosen Remis gegen Athletic Bilbao, das am Donnerstagabend viel mehr als die 28000 Zuschauer verdient gehabt hätte. Es war ein Spiel für Genießer, vor allem zwischen den Strafräumen. Im Vergleich zum Ligaalltag war es etwas wirklich Besonderes, ich wundere mich also, dass die Europa League in Berlin traditionell so wenig Interesse findet. Man kann das nämlich nicht viel anders deuten, als dass viele potentielle Fans von Hertha sich nicht wirklich für Fußball interessieren, sondern nur für Erfolge.

Für die Gruppe J war von Beginn an klar, dass Bilbao und Hertha zu favorisieren sind (bei aller Vorsicht). Das merkte man dann auch in der Anlage der Auftaktbegegnung: es sah eher nach einem Freundschaftsspiel als nach einem Ausscheidungsspiel aus. Beide Mannschaften spielten auf eine schöne Weise offen, es ging viel und her, hinten aber waren sowohl Bilbao wie auch Hertha ziemlich kompetent. Es gab viele halbe Chancen, die meisten endeten mit einem geblockten Schuss (Ausnahme eine wirklich elegante Kombination von Bilbao, nach der, ich glaube es war Muniain knapp verzog).

Die Betreuer hatten mit Duda im zentralen Mittelfeld vor Darida und Lustenberger auch so etwas wie eine spanische Variante aufgeboten. Der Slowake deutete für meine Begriffe an, dass er durchaus das Zeug zum Spielmacher hat. In der ersten Halbzeit passte noch nicht alles, Ibisevic und auch Duda vor allem waren in entscheidenden Momenten ein wenig ungenau.

In der zweiten Halbzeit war dann aber richtig Zug drin, auf die Ostkurve hin gespielt, die für mich der eigentliche Sieger dieses Abends war. Als zu Beginn das Nur nach Hause erklang (das offiziell ja wegen der Uefa-Hymne nicht ingespielt wurde), da wurde mir wieder klar, dass mein Hadern mit dieser Hymne unbegründet ist. Das ist halt unser Lied, gestern klang es mächtig, und auch danach sang die Kurve Europa alle Melodien vor, die an der Spree etwas zählen.

Bilbao war genau der Gegner, der Hertha zeigen konnte, welcher Fußball denkbar ist, wenn sie sich nicht auf die Vorbehaltslogik einlässt, die in der Bundesliga den Spielbetrieb oft so dröge werden lässt. Es war auch ein Gegner, der zeigte, dass man kompakt und agil zugleich sein kann. Viele der Lösungen, die einem das Herz aufgehen lassen konnten, waren gestern eher solche im Detail: Weiser oder Duda schafften manchmal so kleine Beschleunigungen aus der Bedrängnis heraus, überraschende Befreiungsmanöver, die im Idealfall (bei einer großen Mannschaft) für die plötzliche Konstellation sorgen können, die einen erfolgreich zu Ende gespielten Angriff ergibt.

Dafür blieben dann doch beide Mannschaften zu solide in ihren Grundordnungen. Abgesehen von dem Konter mit Haraguchi gegen Ende und dem tollen Spielzug, der die zweite Halbzeit mit einem plötzlich freien Plattenhardt eröffnete, gab es selten wirklich Räume. Und doch war es nie langweilig.

Hertha ist mit diesem Spiel nicht nur im Europacup angekommen, es sollte auch Mut für die Liga gemacht haben. Die "power von der Spree" sollte sich doch auch gegen Hoffenheim oder Leverkusen zeigen lassen.





Eingestellt von marxelinho am 15. September 2017.
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10. September 2017

Schwache Hierarchie

Das Heimspiel von Hertha gegen Werder Bremen konnte ich leider nur aus der Ferne verfolgen. Ein Stream auf einem Laptop ist natürlich keine ideale Situation, und so wäre es im Grunde am besten, über dieses 1:1 einfach einen Mantel des Schweigens zu breiten. Ein paar Gedanken haben mich aber doch beschäftigt während dieser eher dürftigen Bundesligabegegnung.

Die Ergebnisse vom Samstag haben angedeutet, wofür Hertha gegen Bremen dann schon eine Folgeerscheinung war. Die Liga ist wohl in diesem Jahr noch enger als im Vorjahr, und wenn man nicht gerade wie Köln eine manifeste Startschwäche zeigt, so kann man sich schon mit einer Heimspielniederlage (siehe Gladbach) eine kleine Zwischenkrise einfangen. Hertha und Bremen haben daraus die verständlichste, aber auch die bedauerlichste aller Konsequenzen gezogen: sie haben auf ein Spiel so weitgehend wie möglich verzichtet, und sich dann nach dem Ausgleich durch Delaney auch insofern auf ein Remis geeinigt, als ein später Siegestreffer nicht mehr Ausdruck strukturierter Bemühungen gewesen wäre, sondern halt ein lucky punch.

Bei Werder kann man diese Vorgehensweise nachvollziehen, bei Hertha schon ein bisschen weniger. Auch wenn man die englischen Wochen mitbedenkt, die jetzt kommen, war das Spiel gegen Bremen ein sehr bescheidener Versuch. Man hat den Eindruck, dass die Qualität in der Mannschaft sich gerade nivelliert: niemand ragt heraus, aus einer flachen Hierarchie wird eine schwache Hierarchie, die Spielidee beruht auf Einzelaktionen (Leckie), die eher hektisch enden als planvoll.

Zu einem Umschaltspiel kommt es nicht, weil Balleroberungen auch eher einer zufälligen Bemühung folgen (wie im Fall von Ibisevic vor dem Führungstreffer) als einem erkennbaren organisierten Spiel gegen den Ball (ich spreche jetzt nicht von der Kompaktheit in der eigenen Hälfte, das ist ja die unterste Schwelle der Teilnahmekompentenz an diesem jetzt schon wieder merkwürdig stockenden Betrieb Bundesliga). Die übergroße Bereitschaft von Hertha, Offensivaktionen abzubrechen, kennen wir zur Genüge.

Mit vier Punkten aus drei Spielen liegt Hertha für meine Begriffe zwei Punkte hinter den Ansprüchen. Aber die Ansprüche sind ja bewusst vage gehalten, und in dieser frühen Phase der Saison sieht es nicht so aus, als würden sich die Betreuer und die Mannschaft dieses Jahr aus der Deckung einer sorgsam kultivierten Diskretion bewegen wollen: ja, wir sind auch da, und wir nehmen gern wieder einen Europa League-Platz, sollte wie im Vorjahr niemand sonst wollen, aber zu erkennen wollen wir uns nicht geben.

So steht Hertha also vorerst mitten drin im Pulk einer Liga, in der nur ganz wenige Teams Verantwortung übernehmen wollen. Zum Glück ist das nur ein früher Befund, und schon am Donnerstag gibt es gegen ein europäisches Topteam die Gelegenheit, sich zu zeigen. Da bin ich dann nicht vom Laptop aus dabei, sondern mit eigenen Augen. Die Vorfreude ist groß.


Eingestellt von marxelinho am 10. September 2017.
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Jörg
meint um 11. September 2017 09:20:33

Auch aus der Stadionperspektive wirkte die Mannschaft insgesamt so, als wäre sie gerade aus dem Urlaub gekommen, merkwürdig passiv und alles andere als fit. Mehrfach fand Plattenhardt keine Anspielstation beim Spielaufbau auf dem linken Flügel. Und am schlimmsten war ein riesengroßes Loch auf der 10er-Position. Die offensiven Außen waren zwar besetzt, häufig jedoch sehr dicht am Strafraum positioniert oder sogar im Strafraum, so dass man sich den Platz wegnahm. Recht spät im Spiel ist dann Stark auch mal nach vorn nachgerückt, und auch der Stocker-Wechsel hat ein wenig Besserung gebracht. Ich hätte Duda gern auf dem Platz gesehen.

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28. August 2017

Ein Kader ist nicht immer ein Gefüge

Das Debakel des Arsenal FC am Sonntagnachmittag in Liverpool ließ an Deutlichkeit spielerisch noch viel weniger zu wünschen übrig als vom Ergebnis her. Es gab ein Gefälle zwischen den beiden Mannschaften, das sich sicher taktisch aufdröseln lässt, und das auch mit mentalen Faktoren zu tun hat. In erster Linie aber hat das dritte Saisonspiel in der Premier League den Fans von Arsenal gezeigt, dass das kleine Comeback, das zum Ende der vergangenen Saison hin immerhin den fünften Platz in der Liga und einen FA-Cup-Titel, vor allem aber die Vertragsverlängerung für Arsene Wenger mit sich brachte, trügerisch war - für die, die sich in Sicherheit wiegen wollten.

Der Auftritt in Anfield ließ vor allem erkennen, dass Arsenal nun endgültig über einen Kader verfügt, dem es in jeder Hinsicht an Perspektive mangelt. Damit meine ich nicht die individuelle sportliche Perspektive, sondern das innere Momentum, das so einer Gruppe innewohnt.

Arsene Wengers Karriere bei Arsenal lässt sich ja inwischen recht deutlich in drei Phasen einteilen. Die erste endete 2004 mit dem Titel der Invincibles, wenn man noch genauer datieren würde, dann endete sie mit der ersten Niederlage nach dieser Serie - einem berüchtigten Spiel in Old Trafford.

Die zweite Phase dauerte vielleicht bis gestern, für meine Begriffe endete sie allerdings schon vor ungefähr einem Jahr. Es war die Zeit, in der die Teams von Arsene Wenger immer gerade nur um ein entscheidendes Detail zu wenig durchdacht schienen, um wirklich prägend sein und vor allem auch gegen große Mannschaften definitiv auftreten zu können. Die Details waren unterschiedlichster Art, aber man hatte sich im Grunde schon an den schönen Mythos gewöhnt, dass Arsenal knapp dran ist - und dass irgendwann einmal der Knopf aufgehen würde. Auch dem Trainer, der seine einmalige Machtfülle offensichtlich für ein seltsames Laissez-faire nützte, das ihm Kredit von Spielern wie Mesut Özil eintrug, die Mannschaft aber immer öfter arm aussehen ließ.

Am Sonntag stand aber eine Mannschaft auf dem Platz, die nicht einmal mehr in Ansätzen als eine potentiell große gesehen werden kann. Das hat damit zu tun, dass die Skepsis, von der Arsenal umgeben ist, inzwischen so groß ist, dass es offensichtlich auf einzelne Leistungen durchschlägt.

Das konnte man am besten bei den beiden Spielern sehen, die am deutlichsten die späte Wenger-Innovation vertraten, die angeblich so mutige Umstellung auf Dreier/Fünferkette, die sich gegen Liverpool als absoluter Missgriff erwies. Sicher auch aus Gründen, die mit der individuellen Motivation von Bellerin (kam in der ersten Halbzeit über links) und Oxlade-Chamberlain (ließ in der ersten Halbzeit rechts das Spiel an sich vorbeisausen) zu tun haben. Aber auch aus taktischen: die mangelnde Abstimmung zwischen dem zentralen Trio und den beiden Außenspielern öffnete Liverpool von Beginn an Möglichkeit um Möglichkeit, sich mit einfachen Doppelpässen gefährlich in Szene zu setzen.

Vorne spielten mit Özil und Sanchez zwei Weltstars, von denen völlig unklar ist, wie man sie in die schwierige Mission integrieren soll, die Arsenal heuer bevorsteht: noch einmal ein Jahr mit dem endlosen Klickspiel Wenger In/Out, während sich rundherum der Fußball weiterentwickelt, während Arsenal schon jetzt nicht mehr weiß, wie der teuerste Neuzugang dieser Saison - Lacazette - am besten einzusetzen ist.

Das gilt nach wie vor auch für den teuersten Neuzugang aus dem Vorjahr, für Granit Xhaka, der weit von einer Form entfernt ist, in der man ihn auf der Position des Sechsers unbesehen agieren lassen würde. Unter Wenger ist schon lange kein Spieler mehr besser geworden, inzwischen muss man sein Projekt als eine große Talentevernichtung sehen. Kein Wunder, dass so viele Spieler von Gerüchten um Wechselwünsche umgeben sind. Und die, die es nicht sind, müssen sich sowieso blöd vorkommen.

Für den FC Chelsea war eine Niederlage bei Arsenal in der frühen Phase der Saison im Vorjahr ein Initialerlebnis, auf das der Trainer Antonio Conte mit einer Systemumstellung reagierte, die in einem schwachen Ligajahrgang zu einem souveränen Meistertitel reichte. Arsenal hat diese Umstellung spät in der Saison abgekupfert, und auch noch ein bisschen was daraus gemacht.

Im Grunde müsste Arsenal nun ähnlich auf das Spiel von gestern reagieren wie Chelsea im Vorjahr. Aber die taktischen Karten sind gespielt, es geht darum, das vorhandene Personal (dazu wissen wir am Donnerstag mehr) auf eine Idee zu verpflichten, die weit über die Formationsfrage hinaus geht: auf eine Struktur, die etwas von der großen Freiheit bewahrt, die einmal das Markenzeichen von Wenger war, die aber zugleich den Anforderungen an Zusammenhalt (Kohäsion) genügt, die aus einer Elfergruppe erst eine Mannschaft macht. Ich kann nicht erkennen, wie das in der vorhandenen Konstellation (ein angezählter und schon lange offensichtlich ratloser Trainer und viele Schlüsselspieler mit individuellen Problemen) gelingen soll.

Das Drama geht vorerst weiter. Das Schlimmste wäre, wenn es eine weitere Saison lang gerade so undramatisch verliefe, dass man es gerade noch ertragen kann. Aber das ist nun einmal die Natur des Fußballs: es geht meistens irgendwie auf und ab, dabei liegt meistens auch offen zutage, in welche Richtung die Entwicklung geht. Offener als bei Arsenal schon seit geraumer Zeit allerdings selten.




Eingestellt von marxelinho am 28. August 2017.
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27. August 2017

Das schärfere Auge ist immer das geistige

Der Samstag gestern hätte eigentlich nur noch in einer Hinsicht besser sein können: wenn die erste Mannschaft von Hertha auch ein Heimspiel gehabt hätte, dann hätte ich den ganzen Nachmittag mit Live-Fußball zubringen können. Denn am Nachmittag war ich schon im Stadion Lichterfelde. Über die deutliche Niederlage der U 23, vor allem aber über das unvermutete Wiedersehen mit Abou-Bakarr Kargbo schreibe ich nach dem Wochenende noch was auf. Danach wäre es natürlich besser gewesen, ins Oly zu fahren als nach Hause.

Aber auch in der Fernsehübertragung war das Spiel gegen den BVB höchst interessant und aufschlussreich. An der Niederlage gab es nichts zu rütteln, aber "mäßig" (wie die SZ schreibt) fand ich Hertha eigentlich nicht. Dortmund spielt unter Bosz einen beeindruckenden Fußball. In der ersten Halbzeit hat - neben Sahin - vor allem der sehr junge Linksverteidiger Zagadou einen Unterschied ausgemacht. Er hat im Grunde im Alleingang eine Seite von Hertha lahmgelegt, und auch noch das Führungstor vorbereitet.

Bei Hertha konnte man die leichte Anpassung der Formation erwarten, die darin bestand, dass Stark neben Skjelbred auflief, und Darida eine Position nach vorn rückte. Ein kleines Detail am Rande darf man in der Tatsache sehen, dass Stocker im Kader war, und nicht Duda - das deutet darauf hin, dass die Betreuer aktive Kaderpflege betreiben, und niemand auf das Abstellgleis schieben.

Von Darida hing gestern viel ab, an ihm lag es schließlich auch, dass es mit der Entlastung nicht so richtig klappte. Hertha brachte nicht viel mehr zuwege, als das Spiel doch über weite Strecken ganz gut zu entschärfen - das bringt aber natürlich nichts, wenn der Gegner dann doch zweimal zuschlagen kann. Es war eigentlich von Beginn an ein Spiel, das man mit einem geistigen Auge zu betrachten hatte: mit einem Auge, das in den aktuellen Bewegungen schon denkbare künftige erkennen wollte.

Da fiel vor allem auf, dass in Ansätzen doch deutlich Spielzüge erkennbar sind, die gegen gleichwertigere Gegner (der BVB sieht zumindest in der frühen Phase der Saison durchaus nach Titelkandidatur aus) interessanter werden könnten. Die neuralgische Zone bleibt, trotz der Verpflichtung von Leckie, das Flügelspiel - da musste man wirklich schon großzügig und mit der Fanlupe hinschauen, um auch da Ansätze zu erkennen. Zudem war der nach rechts beorderte Kalou nach einer Weile mehr oder weniger auf die Aufgabe reduziert, Zagadou mannzudecken.

Nach einer Stunde mussten die beiden Talismänner vom Platz. Das war doch ein deutliches Eingeständnis, dass mit Ibisevic und Kalou - vor allem gegen Topgegner - nur noch in Altersteilzeit zu rechnen ist. Ich verstehe das Kalkül, das sich mit Esswein im Sturmzentrum bei einem hoch stehenden Gegner verbindet, meine aber, dass der Spieler nicht wirklich das Zeug hat, es einzulösen. Die Betreuer setzten mit ihrer Einwechslung einseitig auf Geschwindigkeit, aber weder Haraguchi noch Esswein haben die Ruhe am Ball, aus der erst eine Beschleunigung der ganzen Mannschaft erwachsen kann. Wenn Stocker schon im Kader war, wäre das gestern eventuell eine Gelegenheit für ihn gewesen.

Der BVB hat wohl in diesem Sommer einen größeren Schritt gemacht als Hertha. Das macht aber nichts, denn wir brauchen Dortmund, wenn wir auf die gesamte Liga schauen. Und Hertha geht ohnehin einen eigenen Weg, und der muß sicher darin liegen, in diesem Jahr eher gegen die benachbarten Teams zu bestehen (also fast alle), als gegen die Top Zwei. Im Vorjahr sah Hertha gegen Bayern daheim und den BVB nicht schlecht aus, oft aber gegen die direkte Konkurrenz.

Das geistige Auge sah natürlich auch künftige Konstellationen, in denen Darida wieder auf der Acht (neben Stark) besser aufgehoben wäre, weil ein bisschen weiter vorn Selke oder Lazaro (oder doch irgendwann Duda) für eine konzentriertere Ballverteilung vor dem letzten Drittel sorgen könnte. Der Kader gibt auf jeden Fall etwas her, und man sieht, dass im Sommer gearbeitet wurde. Man sieht auch, dass die Mannschaft insgesamt sehr gut integriert wirkt - also alle Positionen ansprechend besetzt sind, während allerdings andererseits auch kaum jemand durch Brillanz herausragt.

Der Saisonauftakt passt soweit, in zwei Wochen beginnt Hertha nicht ganz bei null (Tordifferenz) von vorn.


Eingestellt von marxelinho am 27. August 2017.
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26. August 2017

Fernweh kann auch nah gestillt werden

Die Auslosung für die Gruppenphase der Europa League gestern Mittag war einer der besten Momente meines Lebens als Hertha-Fan. Und das Ergebnis finde ich richtig gut: mit Athletic Bilbao gibt es eine europäische Topmannschaft als echten Gradmesser, mit Östersunds FK ein mögliches, sehr interessantes Reiseziel (wenn das Heimspiel denn tatsächlich in der Jämtkraft Arena stattfinden sollte), und mit Luhansk hat es für mich sowieso eine besondere Bewandtnis, weil ich das Geschehen in der Ukraine seit einigen Jahren sehr intensiv verfolge - begonnen hat dieses Interesse auf einer Fußballreise im Jahr 2012.

Auch das ist ja einer der Aspekte des Lebens als Fan: die Verbindung von zyklischen Momenten (jedes Jahr Liga, hoffentlich erste) mit besonderen Ereignissen (diesen Herbst sechs europäische Spiele, im nächsten Jahr vielleicht sogar noch mehr) macht uns unsere eigenen Veränderungen sehr intensiv bewusst. Als Hertha zuletzt europäisch spielte, da wusste ich vom östlichen Europa noch ganz wenig, obwohl der Fall des Eisernen Vorhangs mit einer spontanen Reise nach Prag in den ersten Tagen des Jahres 1990 ein prägendes Erlebnis gewesen war.

2008 musste Hertha für die Qualifikation zum Europacup nach Moldawien. Damals recherchierte ich immerhin schon einmal Varianten, wie ich nach Otaci kommen könnte, was dann aber ohnehin hinfällig war, weil das Spiel gegen Nistru Otaci in der Hauptstadt Chisinau stattfand. Den restlichen Bewerb dieses Jahres habe ich nicht mehr so präsent, damals gab es auch einen merkwürdigen Modus, der zur Folge hatte, dass Hertha anscheinend einmal in Kharkov spielte, zu dieser Begegnung gab es aber kein Retourmatch in Berlin.

Ein Jahr später war ich dann im Dezember zwei Tage in Lettland, stattete der Kleinstadt Ventspils einen Besuch ab und sah tags darauf in Riga das dazugehörige Spiel, das in die Hauptstadt verlegt worden war. Es war ein denkwürdiges Erlebnis, seither zieht es mich aus Gründen, die ich vermutlich nur in einer Psychoanalyse wirklich herausfinden würde, eher in den Osten als in die klassischen europäischen Fußballländer.

Mit diesem Umstand hat auch zu tun, dass ich die Europa League eigentlich mehr mag als die Champions League, auch wenn dieser andere Bewerb natürlich das Ziel sein muss. Die Auslosung von 12 Vierergruppen war gestern ein geographisches Memoryspiel der ganz eigenen Art, das die Phantasie auf wunderbare Weise angeregt hat. Und so sehr ich mir wünsche, dass Hertha vielleicht eines Tages eine halbwegs seriöse Opposition für Real Madrid oder den FC Barcelona (oder vielleicht sogar den FC Arsenal, wenn der seinen Niedergang irgendwann aufhalten kann) sein möge - die vielfältige Welt, die sich für uns nun einen Herbst lang mit den Städtenamen Bilbao, Östersund und Luhansk verbindet, ist doch die wichtigere.

Weil ich gerade so Fernweh habe, werde ich heute Hertha gleich zweimal zuschauen, und am frühen Nachmittag nach Lichterfelde zu Viktoria 1889 fahren, auch das eine Auswärtsfahrt, mit der U23, die in diesem Jahr deutlich "näher dran" ist an der ersten Mannschaft als zuletzt meistens. Abends dann der Auftritt beim BVB im Fernsehen. Morgen noch Arsenal beim Liverpool FC.



Eingestellt von marxelinho am 26. August 2017.
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20. August 2017

Generation Praktikum

Von Begeisterung über den Ligastart war nicht sonderlich viel zu spüren gestern Nachmittag, an einem wunderbaren Sommertag, an dem Berlin kaum Notiz zu nehmen schien von der Veranstaltung im Olympiastadion. 45000 Zuschauer kamen, um Hertha gegen den VfB Stuttgart zu sehen, das sind gerade mal so die Unentwegten. Der Ligaalltag hat uns wieder, und er zeigte sich dann auch so richtig in seiner Alltäglichkeit.

Zu dieser Alltäglichkeit zählt bei Hertha auch eine Selbstironie, der man den Schweiß der Praktikanten in der zuständigen PR-Agentur regelmäßig ansieht. In diesem Fall kursierte ein Witz über die mögliche Tabellenführung, der ungefähr das Niveau des Humors hat, mit dem man sich auf den Rängen ein wenig Luft verschafft, wenn das Spiel fad ist.

Hertha gewann dann mit einem soliden Arbeitssieg gegen einen dürftigen Gegner mit 2:0, steht also zumindest bis Sonntag auf einem Europacup-Platz (zwinker zwinker). Dem Coach war die Leistung sichtlich zu viel Routine. Er machte in den Interviews noch ein Fass auf, weil das Spiel ausgerechnet nach der Führung ein wenig spannender wurde. Stuttgart kam in der zweiten Halbzeit zu Chancen, aber so richtig gefährdet wirkte der Sieg nie. Inspirierend war er allerdings auch nicht.

Zum Glück gab es die Geschichte mit Matthew Leckie, dem australischen Neuzugang aus Ingolstadt, für den Hertha immerhin drei Millionen ausgegeben hat, eine halbe mehr als vor einem Jahr für Alex Esswein, der nun ins Sturmzentrum beordert wurde. Mit Leckie soll der schnelle Chaot Esswein durch einen besser integrierten Feger ersetzt werden. Eine Halbzeit lang sah das wenig vielversprechend aus, weil Leckie sichtlich Mühe hatte, gegen eng deckende Stuttgarter den Ball auf seinen rechten Fuß zu bekommen, mit dem er Tempo aufnehmen wollte.

Gleich nach der Pause aber legte ihm der Kapitän den Ball mit einem sehr schönen Lupfer perfekt in die Bahn. Die Sache wäre aber ergebnislos geblieben, hätte Leckie nicht den Trademark Move von Mitch Weiser zur Anwendung gebracht (Haken nach innen, Verteidiger wird Opfer der Fliehkraft), und dann mit links abgeschlossen. Von Esswein haben wir vergangenes Jahr auch ein paar solcher cooler Momente gesehen. Bei Leckie wird sich weisen, ob er auf Sicht insgesamt produktiver am Spiel teilnehmen kann (sonst droht, wie bei Esswein, das Ellery-Cairo-Syndrom).

Hertha hat das Spiel in einer ähnlichen Weise gewonnen wie schon ein paar Tage davor das Cupspiel in Rostock, das ich leider nur mit einem ruckelnden Stream mit schlechtem WLan in einem Hotel in Sarajevo sehen konnte: auch dort war die Sache insgesamt relativ klar, ohne dass groß Fantasie aufkam.

Dass der Coach beim Stand von 2:0 (Leckie war der Ball nach einem Eckball noch einmal glücklich vor die Füße gesprungen, manchmal ist Fußball auch eine Sache des Horoskops oder des Hokuspokuskops) Niklas Stark und nicht Ondrej Duda brachte (beide brauchen Spielpraxis, stehen aber für unterschiedliche Spielpraxen), war schon wieder so eine Andeutung von Pragmatismus, mit der Pal Dardai Mühe haben wird, das 46. Tausend zu finden.

Die Bundesliga ist sicher nicht die beste Liga der Welt, aber sie tut manchmal so, als wäre sie die anständigste. Das ist aber erstens ein Trugschluss, und bedeutet zweitens kein Recht auf Langeweile. Der erste Spieltag 2017/18 enthielt aber schon wieder die eine oder andere Andeutung (HSV - Augsburg, Mainz - Hannover, Berlin - Stuttgart), dass eine flache Hierarchie auch zu einer Nivellierung nach unten führen kann. Hertha sehe ich in diesem Jahr stärker in der Verantwortung dafür, auch ein wenig Inspiration in den Bewerb zu bringen.

Daß die Fans landesweit den DFB dafür auspfiffen, dass die DFL die Kommerzialisierung der Liga vorantreibt, ist ein sekundäres Missverständnis, das vor allem zeigt, dass der Fußball in Deutschland derzeit in einer großen Modernisierungskonfusion begriffen ist: Ultras suchen nach einem harten Kern für etwas, was immer schon Spielball der Weltverhältnisse war, und die Weltverhältnisse suchen nach Bemäntelung für eine brutale Ausbeutung, die sich gerade epochal durchsetzt. Das ist in etwa die Spannweite, vor deren Hintergrund eine Begegnung zwischen Hertha BSC (herausgehauen durch den internationalen Finanzkapitalismus) und dem VfB Stuttgart (gerade noch mal eben so aus den Niederungen des Vereinslebens herausgehauen durch einen Teil der Deutschland AG) dann doch vor allem ein triviales Fußballspiel blieb, in dem sich nicht viel zeigte.

Außer, dass es eben doch auf jeden Lupfer, jeden Haken, jeden guten Move ankommt. Hertha hatte davon keineswegs zuviel im Angebot, aber wir wissen natürlich auch: Kunst kommt von Arbeit. Und für die Arbeit gibt es ab jetzt wieder Punkte, für die Kunst aber gibt es viel mehr, nämlich Begeisterung und Glück.


Eingestellt von marxelinho am 20. August 2017.
1 Kommentare

Jörg
meint um 20. August 2017 18:39:26

Mich hat es ein wenig glücklich gemacht zu sehen, wie Leckie in der ersten Halbzeit das erste Mal den linken Außenverteidiger Ailton überlief. Ich hatte das Gefühl, dass damit ein komplexer Plan aufging, der eine lange Vorlaufzeit hatte. Hertha hat jetzt die Möglichkeiten, wirklich das ganze Feld zu beackern, und das in einer Schnelligkeit, die dem Wettbewerb angemessen ist. Dardais Drei-Jahres-Story wurde für mich mit dieser Aktion realisiert. Für ein einziges Spiel zumindest ...

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07. August 2017

Der Himmel über Kapfenberg

Die kleine Stadtgemeinde Schladming in der Steiermark (oder, wie fiese Österreicher gern sagen, in der Sankt Eiermark) liegt gar nicht so weit entfernt von dem Ort in Öberösterreich, aus dem ich komme. Man muss nur einmal über den Pyhrnpass (oder unten durch den Bosrucktunnel) und dann ein wenig in westlicher Richtung durch das Ennstal - schon ist man in Schladming. Als gebürtiger Österreicher denke ich dabei in erster Linie an Wintersport, nun denke ich natürlich an Hertha BSC.



Am Samstag habe ich in Windischgarsten, wo die TSG 1899 Hoffenheim diesen Sommer trainiert hat, einen Zug nach Bruckmur bestiegen (Bruck an der Mur, Bahnknotenpunkt in der Mur-Mürz-Furche, einer seinerzeit bedeutenden österreichischen Industrieregion). Von dort nahm ich ein Taxi nach Kapfenberg, wo um 18 Uhr im Franz-Fekete-Stadion ein Freundschaftsspiel zwischen Hertha BSC und Galatasaray Istanbul angesetzt war.

Bei dem Stichwort Kapfenberg denkt in Österreich jeder sofort an einen berühmten Satz von Helmut Qualtingers Kunstfigur Travnicek, der außerhalb der engeren Heimat nichts gelten lassen mag, und der sich deswegen auch geringschätzig über die spanischen Stierkämpfe äußert. Er hat von Spektakel ganz andere Vorstellungen. "Simmering-Kapfenberg, das nenn i Brutalität."

Eine Begegnung zwischen Simmering und Kapfenberg ist derzeit im regulären Spielbetrieb nicht möglich, denn der KSV 1919 (Kapfenberger Sportverein) spielt in Österreich immerhin Erste Liga (d.h. zweite Liga), während der 1. Simmeringer SC in der zweiten Wiener Landesliga herumgrundelt, wie man in Österreich sagt. Bemerkenswert ist für einen Herthaner das Gründungsjahr des Vereins aus Simmering: 1892!

Das Heimstadion des KSV 1919, benannt nach einem sozialdemokratischen Langzeitbürgermeister mit ungarischer Verwandtschaft, war also am Samstagabend Austragungsort des letzten Testspiels von Hertha BSC in diesem Sommer. Die Fans des türkischen Spitzenclubs saßen auf der Haupttribüne, die zahlenmäßig deutlich unterlegenen Fans von Hertha auf der Murauer Tribüne. Wir hatten eindeutig den besseren Blick, denn neben dem Spiel gab es auch die ganze Zeit beeindruckende Himmelserscheinungen. Das Gewitter blieb aber in der Ferne, es zeigte sich nur in immer neuen Wolkenformationen.



Hertha gewann das Spiel nicht unverdient mit 2:1, wobei die Formation in vielerlei Hinsicht (Pekarik/Weiser, Skjelbred/Darida, Ibisevic/Esswein/Duda) noch nicht wie der Weisheit letzter Schluss aussah. Deutlich erkennbar war jedenfalls, dass die Systemalternative zwischen Dreier- bis Fünferkette sich in diesem Jahr vermutlich für die meisten Teams erledigen wird - sie werden, wie Hertha das auch angedeutet hat, alle diese Möglichkeiten situationsbedingt in einem Spiel verwenden.

Das wird zum Beispiel Salomon Kalou zugutekommen, der bei Spieleröffnung Hertha ein Stück nach innen geht, weil Plattenhardt dann im Grunde an der Mittellinie steht. Skjelbred (später hoffentlich bald Stark) lässt sich auf die  Beckenbauerposition fallen. Insgesamt war ein Bemühen um ein schnelleres, trickreicheres Spiel zu erkennen. Vor allem in Halbzeit zwei gab es aber auch zahlreiche Chancen für Galatasary.

Die Fahrt nach Kapfenberg habe ich als Vorgeschmack auf dieses Jahr genommen. Denn in der Europa League könnte es ja durchaus ein paar eher entlegene Reiseziele geben. Dafür muss ich dann vielleicht doch irgendwann eine etwas bessere Kamera kaufen, denn mit meinem 100-Euro-Touristenapparat komme ich nicht weit. Immerhin aber habe ich dieses Mal von beiden Toren entscheidende Momente eingefangen: den Kopfball von Rekik, und den schnell ausgeführten Freistoß, mit dem Mitchell Weiser den Siegestreffer vorbereitete.






Aus dem vielversprechenden Anlass habe ich auch eine Tradition wieder aufgenommen, die ich längere Zeit vernachlässigt habe: das Selbstporträt "auf fremden Pfaden". Marxelinho war im Franz-Fekete-Stadion. Es war super.



Eingestellt von marxelinho am 07. August 2017.
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