04. Dezember 2016

Allmählich ansteigendes Oberwasser

Wie es aussieht, steuert die Liga auf zwei Topspiele in den beiden Runden vor Weihnachten zu, in denen die Dosen aus Leipzig auf die direkte Konkurrenz treffen werden. Hertha hat dabei mit einem Auswärtsspiel den Vorteil, dass die außergewöhnliche Heimbilanz nicht zur Sache stehen kann - die vorher aber noch gegen Bremen zu bestätigen ist. Nach dem in vielerlei Hinsicht äußerst aussagekräftigen 3:2 am Samstag in Wolfsburg führt aber kaum noch ein Weg daran vorbei, dass es in zwei Wochen ein richtig besonderes Spiel geben wird. Und danach muss Leipzig ja bekanntlich nach München.

Gegen den VfL Wolfsburg gab es einen enorm befriedigenden Sieg - weil er so spät besiegelt wurde, weil er am Ende so folgerichtig erscheinen konnte, und weil er auf einem Umschwung beruhte, bei dem mentale Komponenten wohl eine große Rolle spielten.

In der ersten Phase des Spiels war die Mannschaft nämlich keineswegs gefestigt. Sie war ungefähr so kompakt wie ein Hühnerhaufen, um ein gebräuchliches Bild für eine ungeordnete Sozialformation zu bemühen. Dazu kam der nicht allzu häufige Umstand, dass Wolfsburg zwei Tore erzielte, die man wie konkrete Übersetzungen von taktischen Manövern ins Zählbare sehen kann.

Schon der frühe Führungstreffer durch Mayoral hatte ursächlich mit dem 3-5-2 zu tun, mit dem Trainer Ismael einen Akzent setzen wollte. Gerhardt, halb Außendecker, halb Flügelspieler, machte diese Doppelrolle gleichsam anschaulich, indem er zwischen Haraguchi und Pekarik einfach hindurch lief. Während die noch mit Abstimmungsproblemen beschäftigt waren, flankte Gerhardt, aus dem Trubel, den er auslöste, fiel das Tor.

Plattenhardt glich prompt durch einen bemerkenswerten Freistoß aus (Anlauf: eineinhalb Schritte, Banane über die Mauer, Krümmungslinie gerade noch EU-konform), doch dann kam das zweite Ismael-Tor, dieses Mal durch einen Mittelfelspieler. Notabene durch einen überzähligen, wie er bei einem 3-5-2 eben auftaucht. Lustenberger wäre am ehesten in der Verantwortung gewesen, da mitzudenken. Er ließ Seguin, dessen Lauf sich dem Fernsehzuschauer eine halbe Ewigkeit andeutete, den freien Raum.

Danach ging aber bei Wolfsburg nicht mehr viel, der taktische Vorteil half nur 20 Minuten, in der zweiten Halbzeit wurde das Spiel immer einseitiger, ohne dass Hertha wirklich einen Schlüssel gefunden hätte, um Schieber (der Ibisevic vertrat) in eine aussichtsreiche Position zu bringen. Der Mittelstürmer war in einer bedauerlichen Rolle - das Spiel kam selten zu ihm.

Bezeichnenderweise fiel auch das zweite Hertha-Tor von außerhalb des Strafraums, durch einen Flachschuss von Esswein (eingewechselt für den schwachen Haraguchi). Esswein ist ein etwas unsteter Spieler, aber er kann etwas, was bei Hertha nicht so häufig vorkommt: er kann besondere Momente. Sein Flachschuss war brillant. Danach wurden dann sogar noch die Kombinationen besser, Plattenhardt kam immer besser ins Spiel, er holte schließlich ganz spät noch einen Elfmeter heraus, den Kalou richtig cool verwandelte. Wenn man ihn mit dem vom Chicharito vergleicht, der ungefähr zur selben Zeit in Leverkusen ein jämmerliches Exempel darbot, dann war das sogar ein herausragender Treffer.

Er verdeutlicht, was es mit dieser Mannschaft wohl auf sich haben könnte. Am Ende war der Sieg verdient, es war auch ein Sieg des Selbstbewusstseins und der Geduld. Denn bis zum Ausgleich hatte Hertha nicht gut gespielt, sondern umständlich und uninspiriert, mit langwierigen Ballverarbeitungen und wenigen interessanten Läufen. Der einzige Effekt dieser wenig ansehnlichen Phase des Spiels: Wolfsburg lief sich müde (über die gesamte Spieldauer waren es fünf Kilometer mehr). Und dann schlug Hertha zu.

Wolfsburg ist in der Krise, keine Frage. Aber man muss auch in der Lage sein, so eine Krise zu nützen, zumal wenn der Gegner zweimal in Führung geht. Hertha hat noch eine Menge Arbeit auf dem Weg zu einer auch spielerisch erfreulichen Fußballmannschaft, aber für einen Arbeitssieg, der am Ende sogar noch Finesse bekommt, war das ein herausragendes Beispiel. Und damit eine gute Übung für das Duell in zwei Wochen, gegen eine Mannschaft, die mit dem Prinzip (Akkord-)Arbeitssieg derzeit die Liga rockt.

Nächste Woche kommt aber vorher noch Werder Bremen ins Olympiastadion. Da führt dann nichts daran vorbei, dass Hertha eindeutig als Favorit in die Begegnung geht. Die Mannschaft hat die Mittel, diese Rolle nicht nur anzunehmen, sondern sie auch interessant zu interpretieren.


Eingestellt von marxelinho am 4. Dezember 2016.
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