29. Oktober 2014

Almabtrieb

Das Ausscheiden von Hertha aus dem diesjährigen DFB-Pokal durch ein 2:4 im Elfmeterschießen bei DSC Arminia Bielefeld stellt sich mir als ein Problem des (mangelnden) Seriellen dar. Ich weiß nicht genau, wo ich es hintun soll. Fällt es einfach in die Tradition ungenügender Auftritte, die Hertha sich für diesen Bewerb irgendwie verordnet zu haben scheint? Oder gehört es in die Wellentaldramaturgie, zu der die laufende Saison immer mehr wird? Daheim ein Schaumkrönchen, auswärts aber meist schlaffes Abgurgeln.

Anders als im letzten Jahr, als der Coach eine stark veränderte, letztlich nicht konkurrenzfähige Mannschaft gegen Kaiserslautern antreten ließ (ich war damals eigens auf den Betzenberg gepilgert, und fühlte mich auch persönlich ein bisschen missachtet), spielte in Bielefeld weitgehend das A-Team, abzüglich der verletzten Schulz und Ben-Hatira, zuzüglich der A-nahen Haraguchi, Brooks und Hegeler. Heitinga wich aus der Viererkette.

Es wurde ein Spiel, bei dem allmählich alle zu vergessen schienen, dass es zwei Enden haben muss. Hertha spielte in der ersten Halbzeit relativ normal, nicht sonderlich engagiert, aber doch mit einem Interesse daran, in die Nähe von Abschlüssen zu kommen. Nach der Pause spielte sie so, als würde dieses Spiel ewig weitergehen, als ginge es nur darum, den Ball zu bewegen, in einer antidramatischen Form, als wäre die Alm auf einem Planeten, auf dem die Luft dicker ist, sodass man alles ein wenig entschleunigen muss.

Ich habe das Spiel auf dem Rechner gesehen, musste mir also die atmosphärischen Bedingungen dazudenken. Es war gewiss kein angenehmer, inspirierender Abend, der Rasen auch eher keine Grundlage für elegantes Spiel (Brooks bekam eine gelbe Karte, die er sofort an den Greenkeeper weiterreichen könnte). Aber das war doch zu erwarten gewesen.

Unweigerlich schaut der Fan in so einem Spiel besonders auf diejenigen, die neu dazugekommen sind. Sind sie plausible Alternativen? Brooks, der insgesamt schwerfälliger wirkt als noch vor einiger Zeit, hatte eher mit Scharmützeln zu tun, insgesamt wirkte die Abwehr nicht immer hundertprozentig konzentriert. Die Spieleröffnungen von Brooks, sobald sie über das normale Angeschiebe eines Spiels mit Querquer und Halblang hinausgingen, waren von großer Verlegenheit geprägt.

Die andere, für meine Begriffe die wesentliche Personalie betraf Jens Hegeler. Ihn hatten wir bisher noch wenig zu Gesicht bekommen, gestern konnte er sich ausführlich zeigen, er ließ die Gelegenheit aber ungenutzt verstreichen. In der ersten Halbzeit versteckte er sich zwischen den Linien im vorderen Mittelfeld, in der zweiten Halbzeit ließ er sich öfter fallen, um früher in die Spieleröffnung einzugreifen - das Ergebnis waren fünf Ablagen nach hinten en suite innerhalb kurzer Zeit. Also Alibiaktionen. Er schoss auch einmal gefährlich, und er verwertete seinen Elfmeter.

Auskenner mögen einwenden, dass Hegelers Beitrag zum Spiel diskret aussieht, vielleicht aber wichtige "Winkel" (diesen nützlichen Begriff führte Lucien Favre am Sonntag in die Fachsprache ein) aufmacht. Ich meinte zu sehen, dass er sich gern im Deckungsschatten bewegt, dass er meint, anspielbar zu sein, wo sein Mitspieler sieht, dass er mit einem Pass auf ihn ein Risiko eingeht. Insgesamt war Hegeler für mich in Bielefeld die repräsentative Figur für einen phlegmatischen Auftritt.

Wie findet man den Schlüssel zu so einem Spiel? Durch ein bisschen Risiko. Dieses ist vor allem dann angebracht, wenn der Ballbesitz gerade gewechselt hat. Es kommt also darauf an, dass die Spieler erkennen, wann sie etwas Unvermutetes tun könnten und sollten. Unvermutet für den Gegner, für die Mitspieler notfalls auch, allerdings müssen die zumindest eine Chance haben, an den Ball zu kommen.

Sichere Pässe zu spielen, ist angeraten, aber nicht prinzipiell um den Preis, in nahezu allen Fällen den Weg hinten herum vorzuziehen (siehe Hegeler). Die Mannschaft sucht nicht nach den Lücken im Spiel, die sich dort auftun, wo gerade (am Dienstag selten genug) ein bisschen Bewegung herrscht. Sie findet auch das Maß zwischen Forderung und Überforderung ihrer selbst nicht. Ein Fehlpass ist eine Überforderung des Mitspielers, ein interessanter Pass ist eine Herausforderung. Ein sicherer Pass ist in der Regel kein wichtiger. Hertha fehlen gerade Spieler, die wichtige Pässe spielen.

Der Coach hat das Spiel, das am Ende (vor dem Elfmeterschießen) zu gemächlichem Rasenziegelschach geworden war, ziemlich reglos verfolgt. Entweder ist er auch in diesem Jahr heimlich froh, diesen unangenehmen Wettbewerb los zu sein, oder er weiß auch nicht so recht, warum dieses Team immer wieder, und derzeit vor allem auswärts, so unbeteiligt spielt. Kommenden Sonntag in Paderborn werden die Bedingungen ähnlich sein. Wir können nur hoffen, dass dieses Pokalspiel während der Woche die Serienlogik durcheinanderbringt. Zweimal hintereinander in Ostwestfalen durchhängen, das wäre eine Serie in sich, die aber keiner sehen will.


Eingestellt von marxelinho am 29. Oktober 2014.
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