20. März 2015

Alternative Pädagogik

Coach Pal (ich verzichte hinfürder auf die Akzente und ersuche alle Freunde des Finno-Ugrischen um Párdón) erweist sich vor dem Spiel in Hamburg als Integrationspädagoge. Er nimmt 20 Spieler mit auf die Fahrt, wollte den 18-Mann-Kader so spät wie möglich nominieren, selbst Ronny durfte sich am Donnerstag noch Hoffnungen machen, nicht endgültig abgehängt zu sein. No linker Fuß left behind, so könnte man eine Parole für diese Politik formulieren.

Dazu gehört auch, dass Dardai schon während der Woche durchblicken ließ, dass er an John Anthony Brooks als zweitem Innenverteidiger neben dem schon wieder ziemlich souveränen Sebastian Langkamp festhalten will. Das ist ein löblicher Vorsatz, denn es deutet doch nicht wenig darauf hin, dass Hertha in Brooks das größte aktuelle Talent aus dem Eigenbau hat (wäre er nicht für die USA im nationalen Einsatz, niemand, nicht einmal Schwabenjogi, würde großes Aufhebens wegen Antonio Rüdiger machen).

Auch wenn der Vergleich allzu nahe liegt: Jerome Boateng war in dem Alter, in dem Brooks jetzt ist, ungefähr so fehleranfällig, wie Brooks jetzt ist. Er zeigte aber auch diese Ansätze zu enormer Abgeklärtheit, die bei Brooks auch schon zu sehen sind. Er wird, wie die allermeisten Spieler, sich mit verbesserten Mannschaftsleistungen steigern können.

Im Rückblick wird nun noch deutlicher, wie sehr Jos Luhukay gerade mit Brooks ein merkwürdiges Spiel gespielt hat. Die vielen Exempel, die er am ihm statuiert hat, von der frühen Auswechslung im Heimspiel gegen Bremen im Dezember 2013 bis zu der dann eigentlich schon indiskutablen, einseitigen Schuldzuweisung nach dem Debakel gegen Hoffenheim zum Ende der Rückrunde 2014, waren geprägt von einem Hin und Her, das schwer auf eine plausible Pädagogik hin zu durchschauen war - wohl auch für den Spieler nicht.

Das Problem ist, dass die Öffentlichkeit solche "Maßnahmen" in der Regel zuerst einmal überzeugend findet. Sie zeugen von einem starken Coach, der Initiative zeigt, der keine Bequemlichkeiten zulassen will, der "Reize setzt" und der schon eingreift, wo wir von der virtuellen Trainerbank dem Jungen noch auf die Schulter zu klopfen geneigt sind: Kann doch nicht so schwer sein, konzentrier dich!

Man kennt das aber aus den eigenen Beziehungen: schon die frühen, kleinen Entfremdungen tragen die ganze Trennung in sich, wenn sich nicht rechtzeitig gemeinsame Erfolge und Freuden einstellen. Und Luhukay hatte bald mit dem halben Team seine alternativen Bildungswege am Laufen: sie waren in der Regel wenig konstruktiv.

Coach Pal hat nun wieder einen großen Kader zur Verfügung, vor allem aber ist er in Sachen individueller Beziehungen noch weitgehend ohne Probleme (wie das mit Hosogai ist, werden wir sehen). Eine Folge der vielen zurückgekommenen Spieler ist, das Nico Schulz, der zweite Kandidat, an dem Luhukay gern sein Mütchen kühlte, momentan ohne Stammplatz ist. Plattenhardt scheint das größere Vertrauen von Dardai zu genießen, offensiv gibt es Optionen.

Im Idealfall wird das ein guter Schritt auf einem spannenden Weg für Schulz, denn Dardai hat bisher den Eindruck erweckt, dass er positive Reize setzen kann. Gegen den HSV hatte Hertha zuletzt eine exzellente Bilanz (war aber auch oft nicht allzu schwer gegen häufig desolate HSV-Formationen), ungeschlagen seit August 2013, Tordifferenz 7:0. Das 1:0 damals im Sommer nach dem Wiederaufstieg war eines der besten Spiele von Nico Schulz für Hertha. Vielleicht wäre das ein Motiv, ihn heute von Beginn an zu bringen.

Vier Punkte aus zwei Spielen, das war das inoffizielle Ziel für die Begegnungen mit Schalke und Hamburg. Es bedürfte dazu also heute Abend eines Siegs. Denkbar ist das allemal.


Eingestellt von marxelinho am 20. März 2015.
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