13. Juli 2014

An einem Tag wie diesem

Heute Abend ist es also so weit: Die Welt ermittelt den Fußball-Weltmeister 2014. Wer soll es werden? Für die meisten meiner Freunde ist die Sache klar. Deutschland soll es werden. Warum eigentlich? Weil sie selbst Deutsche sind. Ein einfacher Schluss, der aber voller Merkwürdigkeiten steckt. Denn die Form der Delegation, die hier stattfindet, ist zugleich elementar und absurd. Ein Land von 80 Millionen bestimmt durch einen Verein einen Mann, der eine Auswahl aus Spielern trifft, die in aller Welt (na ja) berufstätig sind und heute Abend die deutsche Bundeshymne entweder im Geiste oder aus voller Brust mitsingen werden. Bei Mesut Özil wäre ich mir nicht einmal sicher, ob er sie im Geist mitsingt.

Nicht wenige Deutsche sind unzufrieden, wenn einer der jungen Männer die Lippen nicht aufkriegt bei "Einigkeit und Recht und Freiheit". Da wird die Delegation problematisch, denn abgestellt sind sie ja zum Fußballspielen. Andererseits gefiel mir das ganze Turnier hindurch die Inbrunst, mit der Brasilien die Hymne nicht nur gesungen, sondern regelrecht geschrien hat. Da lag eine Aktualisierung drin, die das Team überfordert hat. Da war der Gemeinsinn weiter als der brasilianische Fußball, der ja wie alle einer aus Verbänden, Strukturen, Gewohnheiten ist, und der die Talente nicht zum Blühen bringt im Moment. Eigentlich schon längere Zeit nicht mehr, genau genommen.

Ein Brief einer brasilianischen Frau, den 11 Freunde veröffentlicht hat, spitzt die Sache zu: Sie möchte, dass Deutschland Weltmeister wird, weil Brasilien es nicht verdient hat. Sie meint Brasilien, den Staat, die Nation, das Gemeinwesen. Das 7:1 von Belo Horizonte sieht sie als "Triumph von Können über Gaunerei". Als "eine Lehre". Und dabei gebraucht sie eine interessante Formulierung: "ein Land durch ein Fußballspiel zu lieben". Ein Land durch ein Fußballspiel zu lieben geht nur, wenn man sich auch in allen anderen Bereichen ehrenhaft verhält.

1978 war ich glücklich, als Argentinien Weltmeister wurde. Der Grund waren vermutlich in erster Linie die langen Haare von Mario Kempes, die in meinem Vorstellungshaushalt die Erbfolge der langen Haare von Wolfgang Overath antraten. Dass es ein rundheraus unehrenhafter Titel war, war mir damals nicht bewusst und auch egal. 1990 war ich unzufrieden, als Deutschland gegen Argentinien Weltmeister wurde, weil ich das Match öde fand, weil Brehme den Glamour einer deutschen Eckkneipe hat, weil ich nicht wusste, was ich mit den irren Veränderungen der weltpolitischen Landschaft anfangen sollte. Eine Wiedervereinigung, die Helmut Kohl sich auf die Fahnen schrieb, wollte ich nicht durch ein Team ratifiziert sehen, das eine Dominanz auf Jahre hinaus einläuten sollte.

Der Brief von Fabiola Moura hilft mir, eine Position zu dem Finale von Rio de Janeiro zu beziehen. Es gibt inzwischen etwas an Deutschland, das man tatsächlich durch ein Fußballspiel lieben (lernen) könnte. Einen Professionalismus, den man auch mit Leuten teilen kann, die ich privat nicht mögen würde. Ich finde immer noch, dass dieser simple Übertragungseffekt persönlicher zufälliger Staatsbürgerschaft auf ein Team, das die nationalen Farben trägt, die man dann auch trägt, eigentlich nicht geht. Er geht erst dann, wenn er mit Geschichten verbunden wird, konkreten Geschichten.

So sagt auch niemand meiner Freunde: Na, Deutschland, weil Deutschland. Sie alle beginnen etwas zu erzählen, entwickeln Semantiken, werden zu vergleichenden Zeit- und Systemdeutern. Acht Jahre dauert das Sommermärchen nun schon, in manchen Fenstern hängt die Fahne seit damals ununterbrochen. In diesen acht Jahren ist die Welt nicht besser (oder ehrenhafter, was allerdings eine zweifelhafte Kategorie ist) geworden. Heute Abend wird Putin von Sepp Blatter das Mandat für die Spiele 2018 bekommen - was für eine ekelhafte Paarung!

Davor aber wird Deutschland das Finale spielen, eine Abordnung des vielleicht modernsten Gemeinwesens, das die Welt derzeit kennt. Gegen alle meine Instinkte, die im Zweifel immer und in jeder Hinsicht für die Südhalbkugel sind, werde ich heute für Deutschland sein. Soll heißen: ich werde gespalten sein. Auf jeden Fall aber sollten wir eine Fanbewegung starten, die Fabiola Moura in den Exekutivrat der FIFA bringt.


Eingestellt von marxelinho am 13. Juli 2014.
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