13. März 2014

Antiklimax

Als Thomas Müller gegen Ende der Begegnung zwischen dem FC Bayern und Arsenal am Dienstagabend zu einem Elfmeter antrat, und der Ball nach einer Fußabwehr von Fabianski heftig rotierend kurz vor der Linie liegen blieb, da war das wieder einer dieser Momente, in denen der Fußball ironische Volten produziert. Die Szene erinnerte natürlich an den berühmten Elfmeter von Schweinsteiger, bei dem der Ball von der Stange zurückprallte und sich irgendwie im Rücken von Cech die Linie entlang schlich, ohne ins Tor zu gehen. Champion's League-Finale 2012. Dieses Mal ging es um nichts. Bayern war sicher durch. Arsenal war für eine seriöse Herausforderung nicht stark genug.

Dass Arsène Wenger später sich ausgerechnet auf einen völlig nebensächlichen Tauchgang von Robben einschoss (von einem "dive" spricht man in England, wo das Deutsche von einem Abflug einer Schwalbe in eine andere Richtung imaginiert), zeugt davon, dass er auch in der Kunst des diplomatischen Ablenkungsmanövers nicht wirklich auf der Höhe ist.

Man kann verschiedene Ansatzpunkte für diese erwartbare Antiklimax finden. Arsenal spielt regelmäßig Champion's League, spielt aber mit ein, zwei Ausnahmen ebenso regelmäßig keine Rolle, wenn es um den Titel geht. Das Achtelfinale ist fast schon das Maximum, was zu erwarten ist.

Der erste Ansatzpunkt betrifft die Kaderplanung. Wenger hat von der Beginn von 2013/2014 alles auf eine einzige Personalie gesetzt: Mesut Özil. Das Manöver ging eine Weile ganz gut auf, mit Fortdauer der Saison zeigt sich aber, dass ein mittlerweile selbst schon ziemlich erschöpfter Spieler die Mängel nicht beheben kann, die der Kader insgesamt hat. In erster Linie fehlt ein zweiter Topstürmer. Ich bin ein großer Fan von Giroud, aber ich kann nicht übersehen, dass er zur Zeit nicht in Form ist. Wenn man dann entweder, wie im Hinspiel, einen Yaya Sanogo aufstellen muss, oder mit dem indisponierten Giroud weiterarbeiten muss, der seit Juli keine Verschnaufpause hatte, dann bekommt man eben ein stumpfes Offensivspiel.

Die Sache mit Özil ist natürlich speziell. Denn sie ist zutiefst rätselhaft. Und gibt Grund zur Sorge über das Spiel hinaus. Bei dem, was der deutsche Superstar in den letzten Wochen auf dem Feld zeigte, würde man als unbefangener Beobachter wohl zuerst einmal sagen: Der Junge muss zum Arzt, und zwar nicht zum Sportarzt, sondern zu einem Spezialisten. Das geht doch deutlich über Verunsicherung hinaus, was Özil an Freudlosigkeit zu erkennen gibt. Vielleicht gefällt es ihm nicht bei Arsenal, aber eigentlich hatte er ja bis vor drei Wochen noch intakte Chancen auf drei Titel. Wenn einer dann so zum Elfmeter antritt wie Özil neulich gegen Neuer, dann sieht doch die Welt, dass etwas Gröberes im Argen liegt. So müde kann einer doch nicht sein, nicht einmal im Kopf, dass er die paar Schritte Entschlossenheit nicht zuwegebringt, die es hier braucht. Doch manchmal ist sie eben unauffindbar, diese Klarheit.

Die Sache ist nun mit einer Muskelverletzung gleichsam geklärt. Özil fällt für ein paar Wochen aus. Und Arsenal geht ohne ihn in die entscheidenden Spiele gegen Tottenham, Chelsea und Manchester City. In England hat sich nun ein interessanter Mann sehr deutlich sehr kritisch zu Wenger geäußert: Raymond Verheijen, Konditionsexperte, wirft dem Trainer von Arsenal (aber nebenbei auch David Moyes von Manchester United) veraltete Trainingsmehoden vor, die für die vielen Verletzungen von Arsenal-Spielern verantwortlich sind. Verheijen stand unter anderem auch hinter der einen oder anderen verblüffenden Laufleistung der russischen Nationalmannschaft unter Guus Hiddink, die damals ja auch von Dopinggerüchten umgeben war.

Dass Arsenal in dieser Hinsicht nicht perfekt gecoacht wird, glaube ich gleich, denn es fehlt ja auch sonst an einem nachvollziehbaren Plan. Gegen den FC Bayern war es allerdings auch sehr schwer, denn es gibt ja im Grunde nur eine extrem riskante Möglichkeit: den Versuch, genau so hoch zu pressen wie der Gegner. Das Risiko, dass eine Mannschaft mit Götze, Robben und Ribéry dabei einmal hinter oder durch die eigene Defensive findet, ist zu groß. Also entschied Wenger sich für eine plausible Lösung. Er brachte Oxlade-Chamberlain neben Arteta, ging also von Balleroberungen hinter der Mittellinie aus, und tatsächlich gingen von dem jungen Dynamiker ein paar gute Szenen aus. Aber der Weg zum Tor war einfach zu weit, und mit den paar Leuten, die nach vorne mitgingen, nicht zu überbrücken.

Das Tor durch Schweinsteiger war dann aber wieder ein Beispiel für die neue Kultur des FCB, die für meine Begriffe ja auch sehr stark aus einem prinzipiellen Laufen in mögliche Räume besteht. Fast im Sprint kam Schweinsteiger an den Elfmeterpunkt, während das Arsenal-Mittelfeld keine Anstalten machte, ihm zu folgen. Ribéry brachte den Ball zur Mitte, er kann das halt, und so stand es "im Aggregat" (Frank Beckenbauer später) 3:0 für die Favoriten.

Podolski glich fast postwendend aus (nach einem wohl doch unzulässigen Schubser gegen Lahm), und dann wäre eigentlich noch Zeit gewesen, um zumindest etwas zu versuchen. Doch Arsenal war auch 2014 "nicht gut genug" (The Telegraph") für die höheren Weihen des europäischen Fußballs.


Eingestellt von marxelinho am 13. März 2014.
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