20. November 2016

Anwärter und Abwärter

Nach der letzten Abstellungspause dieses Jahres kam der Clubfußball gestern mit einem Sugar Rush zurück. Sieben Stunden am Stück saß ich vor den Schirmen, es begann am frühen Nachmittag mit Arsenal in Old Trafford und endete abends mit Dortmund gegen Bayern. In der Mitte des Sandwiches die für mich wichtigste, allerdings auch die am wenigsten ersprießliche Begegnung: Augsburg gegen Hertha, das ist schon seit einer Weile so etwas wie das entropische Negativziel dieser Liga - entschleunigter Kontrollfußball zweier rechtschaffener Teams, die vor allem nichts falsch machen wollen.

Es war auch ein Test darauf, wie weit Hertha sich schon aus diesem Bereich emanzipieren kann. Das torlose Remis deutet an, dass zu einem echten Anwärter auf das obere Tabellendrittel noch das eine oder andere spielerische Element fehlt. Aber vielleicht kann man das auch einfach ohne großes Herumtun zu den Akten legen. Augsburg ist halt so etwas wie ein "bogey team" für Hertha. Die Begegnung mit fußballerischer Antimaterie ohne "warp effect".

Man kann den Auftritt ziemlich genau in zwei Teile teilen. Der erste dauerte ungefähr eine Stunde, der zweite dann den Rest des Spiels nach der Einwechslung von Schieber und Haraguchi. Das Schlussdrittel bestritt Hertha wie der deklarierte Favorit, da wurde dann auch kombiniert, es fehlte aber ein bisschen an Inspiration. Es fehlte übrigens auch konkret Mitchell Weiser, der schon so oft einen Unterschied gemacht hat. Er war kurzfristig wegen einer Blessur ausgefallen.

Taktisch interessanter waren die ersten beiden Drittel, in denen Hertha aus der Not heraus (Augsburgs gute Staffelung) vor allem ein Mittel wählte: den längeren, vertikalen Ball aus der Eröffnungslinie in das letzte Drittel. Das klappte aus zwei Gründen nicht gut. Erstens waren die Bälle von Brooks, Langkamp oder dem auf eine zentrale Quarterbackposition zurückgegangenen Stark selten präzise genug. Zweitens braucht der in diesem Fall angespielte Kollege eine Option, sofern er nicht Zeit hat, den Ball "festzumachen".

Mit dem langen vertikalen Ball soll im Idealfall ein kleines, gefinkeltes, schnelles Manöver eröffnet werden, das es erlaubt, hinter die letzte Linie zu kommen. Wenige Mannschaften lassen diese eröffnenden Pässe überhaupt zu. Augsburg dagegen schien förmlich dazu einzuladen, weil sie sich davon wohl Kontermöglichkeiten versprachen.

Hertha muss weiter an der Wendigkeit und Agilität des Spiels arbeiten. Immerhin sieht man, dass Skjelbred zum Beispiel sich allmählich auf diese Anforderungen einstellt, während umgekehrt die häufigen Wechsel auf den Außenbahnen, wo immer mal wieder jemand fehlt, die Entstehung von Mustern ("Automatismen") nicht begünstigen.

Am Abend trat dann das ein, worauf ich mit einem guten Teil der Fußballöffentlichkeit auch gehofft hatte: Der BVB schlug den FCB. Das bringt mit sich, dass Hertha nun in einem dichten Pulk aus europäischen Anwärtern steckt, die mit ihren jeweils 21 Punkten ganz unterschiedliche Geschichten verbinden: Für den BVB ist damit das Minimum aus dem ersten Saisondrittel markiert, für Köln und Berlin ist das eine sehr präsentable Ausbeute. Hoffenheim kann heute noch auf 23 kommen, damit wären auf dem "Stockerl" zwei "angeschobene" Teams, die aber aktuell zweifellos gute Arbeit leisten. Frankfurt kann sich noch zu Köln und Berlin gesellen.

Hertha steht also gut da, und zwar ungefähr dort, wo die letzte Saison endete, die einen Höhenflug enthielt. Heuer verläuft die Kurve flacher. Vielleicht wird es gar keine Kurve in dem Sinn. Vielleicht kann Hertha, auf Grundlage von Heimstärke und soliden Leistungen auswärts, eine andere Verlaufsform in die Saison bringen. Als Spitzenteam hat man sich in Augsburg nicht gezeigt. Das wäre aber auch viel verlangt gewesen. Und der eine oder andere Moment hat dann schon einen Unterschied erkennen lassen. Am Ende wollte Augsburg nur noch das 0:0, während für Hertha das Spiel gern noch zehn Minuten hätte dauern können.

Drei Spiele stehen nun an, in denen sich Hertha deutlich positionieren kann, weil es gegen drei Modelle in der Liga geht: solide Konstanz (Mainz), Identitätskrise eines (zu stark?) angeschobenen Teams (Wolfsburg), latente Dauerkrise (Bremen). Dann kommt der große Test: das Auswärtsspiel in Leipzig. Kann Hertha der Planwirtschaft der "Dosen" etwas entgegensetzen? Die Konstellation ist gut, denn anders als gestern wird Hertha dann keine Reisestrapazen hinter sich haben. Fünf Spiele insgesamt noch bis Weihnachten. Auch wenn der Moment nicht so viel zum Genießen hergibt, die Perspektive tut es allemal.



Eingestellt von marxelinho am 20. November 2016.
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