27. November 2015

April, April

Wie es sich trifft, bin ich an diesem Wochenende, an dem Hertha beim FCB antreten muss (also ein Freispiel hat), aus beruflichen Gründen in München. Ich habe die Kröte gefressen und bei einem eigentlich verpönten Portal eine Karte erworben, die ein anderer nicht in Anspruch nehmen kann. Ein Platz auf dem sogenannten Juchhee, also ganz oben im Winkel. Wurscht, ich freue mich schon sehr.

Passenderweise lese ich in der SZ heute morgen einen Bericht über einen Besuch von Karl-Heinz Rummenigge (in Beisein eines Anwalts) beim Bundeskartellamt. Es ging dabei um Alternativen oder Anpassungen bei der zentralen Vermarktung der Übertragungsrechte, bei der Deutschland ein einzigartiges Solidarmodell hat, das zwischen 36 Vereinen einen Ausgleich sucht, also auch zwischen erster und zweiter Liga.

Die Bayern wollen da schon lange irgendwie aussteigen, sie wissen, dass sie mit einer individuellen Vermarktung, von der man zum Beispiel in Spanien zuletzt abgegangen ist, mehr Geld erwirtschaften könnten. Rummenigge sprach, so die SZ, über eine mögliche Mischform: Die Clubs vermarkten sich selbst, zahlen aber 50 Prozent der Profite in einen Solidarfonds ein. Die Frage ist, ob der dadurch insgesamt größer oder kleiner würde. Der Hausverstand sagt: er würde deutlich kleiner.

Das Dilemma das FCB ist nicht schwer zu sehen. Die Liga ist längst nur noch ein langes Trainingslager, das den Luxuskader bis April in Spannung halten muss, bis dann die zwei, vier oder fünf Spiele kommen, auf die es eigentlich ankommt: das Viertel-, Halb- und eventuell Finalfinale der Champion's League. Die vielgescholtene Premier League mit ihrem starken Solidarmodell, das sich allerdings nur auf den Kreis der Erlauchten bezieht, kann im Vergleich mit der Bundesliga auf eine enorm größere globale Attraktivität verweisen, da kann in Deutschland nur der FCB individuell mithalten, und der BVB neuerdings, also seit gut fünf Jahren.

Rummenigge weiß sich mit der DFL in einer Sache sicher einig: Insgesamt soll die nächste Ausschreibung der Übertragungsrechte im kommenden Jahr eine deutliche Steigerung der Einnahmen ergeben. Die Frage ist, was man den Fans dafür zumuten will. Bisher ist die Situation relativ luxuriös, pro Spieltag werden alle 36 Spiele der ersten und zweiten Liga bei einem Bezahlsender übertragen, die Einschaltziffern für so manches Spiel auch in der ersten Liga werden sich sicher im sehr überschaubaren Bereich bewegen.

Man könnte da für "Wettbewerb" sorgen, also die Übertragungsrechte aufteilen in Pakete, wie das in England der Fall ist, wo es ein extrem teurer Spaß ist, wenn man der Lieblingsmannschaft im Fernsehen (den Begriff verwende ich jetzt mal im weitesten Sinn) folgen will. Naheliegender und, nach schlechten Erfahrungen zum Beispiel mit "Arena" (wer erinnert sich?), praktischer wäre es, die verschiedenen Übertragungsformen differenzierter auszuschreiben. Im Internet gibt es noch ein großes, unausgeschöpftes Potential gerade für große und beliebte Clubs, das sollte man sich nicht mit ein paar Almosen für Schnipsel auf dem Digitalportal des Tabloids aus dem Springerkonzern ablösen lassen.

Der springende Punkt bleiben aber die Verwertungsrechte im Ausland. Die Premier League hat als globales Produkt erstens einen riesigen Vorsprung, zweitens den Vorteil der weltweit verständlichen Sprache, und drittens einen höchst spannenden Wettbewerb. Deutschland hingegen hat schon fast nicht einmal mehr spanische Verhältnisse, zudem drängeln sich auf den CL-Plätzen diverse unfair quersubventionierte Werksclubs, an deren internationalem Geschick nur eine Handvoll Fans und die allergrößten Opportunisten Anteil nehmen.

Die Liga muss sich also überlegen, wie sie die internationale Attraktivität steigern kann. Das geht nur allmählich, durch gute Konkurrenz und professionelle Arbeit an vielen Orten, wie in Mönchengladbach. Ich schreibe das ein wenig leichter, weil Hertha zum Glück gerade ein paar Anstalten macht, da auch gute Schritte zu tun. Rummenigge und der FCB können auf die Liga keine Rücksicht nehmen, sie sind Aprilisten geworden, denken nur noch an diesen einen Monat im Jahr. Die Liga muss aber danach trachten, auf sich und nicht auf das Flagship Produkt aus dem Süden Rücksicht zu nehmen.

Ohnehin ist es schwierig, zwischen dem sportlichen Abschneiden in den letzten beiden Semifinals der CL und den finanziellen Reichtümern einen Zusammenhang herzustellen. In beiden Fällen ist der FCB aufgrund von Umständen ausgeschieden, die sich nicht einfach auf finanzielle Nachteile umrechnen lassen. Es waren nämlich sehr stark sportliche Faktoren, die dabei eine Rolle gespielt haben.

Der FCB kann unter den Topclubs in Europa auch jetzt schon locker mithalten, zumal es da ja auch noch andere knappe Ressourcen gibt: Zum Beispiel ist es sehr schwierig, für so einen Club einen passenden Trainer zu finden. Bayern hat einen, Barcelona hat einen, Manchester United hat keinen, Chelsea auch nicht, bei Real habe ich Zweifel, Juventus hat eher einen, da ist aber schon nicht mehr so sicher, ob das auf Dauer ein Topclubs ist. Arsenal hat keinen, ist aber auch nur am Rande ein Topclub.

Rummenigges Besuch ist auf jeden Fall des falsche Signal. Der FC Bayern hätte viele gute Gründe, nun wahre Größe zu zeigen, und auch im eigenen Interesse alles für eine starke Bundesliga in Deutschland zu tun. Wenn er sich abkoppeln will, dann wünsche ich den Fans hier schon mal viel Vergnügen bei neun Monaten mit faden Exhibitions oder einem permanenten Playoff, in dem Barcelona, Real und der FCB in einer Saison acht oder zehn Mal gegeneinander spielen.


Eingestellt von marxelinho am 27. November 2015.
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