14. Oktober 2016

Archipel Gulasch

Die Saison ist noch zu jung, um echte Ironien mit sich zu bringen. Aber ein klein wenig Gegensinn steckt doch schon in dieser Auftaktbegegnung zur 7. Runde, in der Hertha zum BVB muss - als Tabellenzweiter und eine der aufstrebenden Mannschaften mit einem vernünftigen Gesamtpaket und moderatem Gesamtanspruch. Dortmund hingegen steht schon deutlich unter Druck, denn von den gewachsenen Ansprüchen her müsste der BVB dort stehen, wo Hertha gerade steht.

Vor allem aber gab es in den sechs Spielen schon zwei, in denen die Tuchel-Mannschaft auf Granit gebissen hat. Leipzig und Leverkusen (zwei Werksteams mit Störfaktorenmentalität) haben das Begabtenensemble jeweils geschickt in den Leerlauf versetzt. Und daran wird Hertha nun gemessen werden. Vermutlich wird der Coach die Mannschaft aber so einstellen, dass sie sich daran nicht messen lassen wird. Das bedeutet aber auch, dass Hertha trotz der Ausfälle, die Dortmund nach der Länderspielpause hat, einen schweren Stand haben dürfte.

Die letzte Begegnung fand nicht in der Liga statt, sondern im Pokal bei dem denkwürdigen Spiel im Frühling: die Atmosphäre war Weltklasse, die sportliche Erfahrung ernüchternd. Hertha war vollkommen chancenlos, es war ein schier unüberwindlicher Klassenunterschied zu erkennen. Der ist sicher nicht gewachsen über den Sommer, aber unter normalen Umständen gibt es daran doch wenig zu rütteln.

Das torlose Remis, das Hertha im Winter im Olympiastadion ertrotzt hat, ist allerdings auch nicht mehr ganz der Anspruch, auch wenn Pal Dardai das Resultat vermutlich unterschreiben würde. De facto wird das heute die erste Probe darauf, was Hertha in dieser Saison wirklich zustande bringen könnte. Der Sieg gegen Schalke muss die Richtschnur sein, die anderen Gegner waren nicht wirklich stark, und Hertha war gegen den HSV (gegen die Eintracht sowieso) deutlich zu verwundbar, als dass man sich der Kompaktheit sicher sein könnte, die ein wenig zu leichtfertig von der Fußballpresse als Hertha-Charakteristikum genannt wird.

Leipzig und Leverkusen haben den BVB mit einer Taktik entnervt, unter der auch Hertha schon gelitten hat - in dem neuralgischen Spiel gegen Gladbach in der vergangenen Rückrunde, im Grunde aber auch gegen Brondby. Es ist wiederum ein direkteres Pressing, zu dem Hertha selbst sich in der Intensität und Massiertheit selten versteht, und das wird wohl auch heute nicht der Fall sein.

Hertha arbeitet üblicherweise weiter hinten gegen den Ball, mit dem gewachsenen Vertrauen auf bestimmte offensive Möglichkeiten (Kurzpasskombinationen, aber auch die halbdiagonalen Läufe von Mitchell Weiser, oder der Lochpass in der Mitte), die besser funktionieren, wenn der Weg zum Tor ein bisschen weiter ist. Das erhöht allerdings auch das defensive Risiko.

Viel mehr kann man eigentlich nicht voraussagen, als dass es vermutlich ein offeneres Spiel wird als die beiden Niederlagen des BVB. Das ist aber auch schon wieder Beleg dafür, was Hertha mit dem gelungenen Saisonauftakt und mit der eigentlich komplett überraschenden Weiterentwicklung der Mannschaft geschafft hat.

Viele Spieler kommen mit Erfolgserlebnissen zurück. Alex Esswein war mit dem Hund am Strand. Salomon Kalou steht wieder zur Verfügung, aber es wird sehr spannend, ob er noch einmal in die Mannschaft findet - er hat den Effizienzfaktor von Hertha oft erhöht, aber es gibt da ja auch noch den Faktor Arbeit.

Eine Mannschaft besteht aus Zutaten, die Rezepte variieren, doch bei Pal Dardai kommt nie Gulasch heraus (allenfalls in die Spieler hinein), sondern zunehmend eine überzeugende Mischung. Wir dürfen im besten Sinn gespannt sein auf das heutige Spiel.




Eingestellt von marxelinho am 14. Oktober 2016.
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