26. April 2015

Aufbauphase

Ein unbedachter Moment, und vorbei ist es mit der schönen Serie unter Coach Pal: 0:1 beim FC Bayern. Das Spiel hatte man im Grunde so einplanen müssen, die konkreten Umstände (eine starke Hertha, eine stark mit Ergänzungsspielern bestückte Mannschaft des Gastgebers) wiesen dann aber 80 Minuten in die Richtung eines torlosen Remis. Dann bekam der nach einer Kamera benannte Spieler Weiser halblinks (aus Hertha-Sicht) an der Außenlinie einen Abschlag, der zu diesem Zeitpunkt bereits eingewechselte Hegeler ging naiv in den Zweikampf, Weiser nahm Tempo auf, Skjelbred und Plattenhardt waren auch nicht auf der Höhe, die Hereingabe verwertete Schweinsteiger, der sich damit auch noch als wertvoll zeigen konnte nach sehr viel Quergeschiebe.

Hertha ist derzeit in einer Aufbauphase, sagte der Coach hinterher, Bayern ist viel weiter, aber auch weiterhin in der Aufbauphase. Denn der Meistertitel, der ja auch schon vor dem Spiel de facto feststand, ist für den "Stern des Südens" so etwas wie das Sparbuch (kleine Zinsen, aber regelmäßige Einzahlung), während die Champion's League ein ganz anderes Hebelpapier ist.

Durch den Sieg des HSV muss Hertha ihrerseits weiterhin Aufbauphase und Abstiegskampf in einem machen. Es könnte ohne Weiteres noch einmal eng werden, sodass die beiden letzten Spiele, gegen weniger übermächtige Gegner als den BVB und die schwer zu spielenden Gladbacher, echte Nervenproben werden könnten.

Bei all dem kann man leider nicht darüber hinwegsehen, dass Hertha den Aufbaukampf ohne Stürmer bestreitet. Eine Weile hatte es so ausgesehen, dass Salomon Kalou die Bedingungen der Bundesliga annimmt, dass er sich für eine Führungsrolle bei Hertha interessieren könnte. Davon ist längst keine Rede mehr. Er spielt wie ein Träumer, der auch nach mehrfachen Ballverlusten nicht aufwachen will. Sein defensives Engagement erschöpft sich in gelegentlichen Interventionen, aber von einer integrierten Anstrengung kann keine Rede sein.

Es mag verkehrt erscheinen, ausgerechnet Kalou hervorzustreichen nach diesem Spiel, aber das war es doch, was gefehlt hat: ein Mann für den letzten Pass. Dass Nico Schulz in einer der vorentscheidenden Szenen allein auf Neuer zulief, hatte auch mit der ungefähren allgemeinen Beteiligung von Kalou zu tun. Es war eine Situation, in der ein junger Profi berühmt hätte werden können. Schulz löste sie gut, aber nicht gut genug, Neuer konnte parieren, es wäre vielleicht besser gewesen, einen Haken zu machen und Neuer zu umrunden. Diese Entscheidung vor einer vollen Allianz-Arena und vor dem German Ungetüm Neuer zu treffen, dafür wäre Kalou vielleicht besser geeignet gewesen, aber sein Spiel ist nicht so, dass er leicht in so eine Situation kommt.

Schulz und Haraguchi (mit ihren Buddies Plattenhardt und Pekarik) waren gut gegen Bayern, insgesamt war das eine respektable Leistung. Die erste Viertelstunde war sogar mehr als nur klassisches Upsetting, da machte Hertha das Spiel, und kam selbst ein paar Mal schön über die Flügel. Danach zogen die Bayern den Belagerungsriegel auf, beließen es aber weitgehend bei Riegelpflege. Erst als in der zweiten Halbzeit die Flanken zunahmen, kam Burchert mehrfach in Bedrängnis. Umgekehrt muss man leider sagen, dass Hertha ausgerechnet in so einem Spiel die Standards herschenkte: sie waren durchwegs schlecht getreten.

Es sieht so aus, als ließen sich bestimmte Qualitäten nicht so ohne Weiteres verstetigen. Wenn man eine Woche Verschieben und Doppeln übt, verkümmert der Bananenfuß schon wieder ein wenig.

Insgesamt war das gestern ein etwas unwirkliches Spiel, zu sehr musste Hertha leider einsehen, dass ihr nicht mehr als eine Statistenrollen zukam in den großen Dramen der südlichen Hemisphäre, zu denen gestern nur eine Fußnote angefügt wurde. Immerhin war zu erkennen, dass momentan eine personelle Konstellation vorhanden ist, die zu mehr in der Lage ist als nur einen Sparringpartner abzugeben.

Und Kalou war vielleicht von den Erinnerungen an 2012 so selig, dass er vergaß, dass seither fast drei Jahre vergangen sind. Es könnte ja sein, dass er noch aufwacht, aber ich habe doch stark den Eindruck, das Management sollte sich schon einmal um einen starken Herausforderer für Schieber umsehen.


Eingestellt von marxelinho am 26. April 2015.
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