06. November 2015

Aus dem Tritt in die Spur

Hertha eröffnet dieses Bundesliga-Wochenende mit einem Auswärtsspiel in Hannover. Hanoi, sagen die Freunde in gewohnt respektloser Lingo. Hanoi wird, nachdem das Heimspiel gegen Gladbach (da kenne ich keine linguistische Verunglimpfung) die Verhältnisse in der engen Liga doch deutlich gerade gerückt hat, vielleicht eine Richtung weisen. Hertha muss sehen, wieder Tritt zu fassen. Zuletzt sahen wir doch drei Spiele, in denen von den konstruktiven Ansätzen zu einer integrierten Spielanlage nicht so viel erkennbar war.

Es gibt auch Personalfragen. Keine dringenden, aber der Coach muss ein bisschen moderieren. Spielt Müdigkeit auch eine Rolle? Manches deutet darauf hin, zum Beispiel die eine oder andere Zerstreutheit von Skjelbred. John Brooks ist wieder fit, er wird nicht auf Dauer auf der Bank sitzen wollen, oder wenn, dann wird das vermutlich sein Bedürfnis nicht steigern, sich vertraglich länger an Hertha zu binden. Stark hat sich auch als zu interessant erwiesen, als dass man ihn wieder an den Rand schieben sollte.

Marvin Plattenhardt wurde langfristig bis 2020 gebunden, das riecht schon ein wenig nach Beamtenpragmatisierung, wir können nur hoffen, dass er das Vertrauen mit gedeihlichem Wachstum rechtfertigt. Mit zunehmender Konzentration bei den Standards, mit Dynamik im Offensivspiel. Die Voraussetzungen hat er, um Herthas bester Mann auf dieser Position seit Menschengedenken zu werden. Das Menschengedenken beginnt für mich bei Michael Hartmann, dem ersten in einer langen Reihe von bestenfalls durchschnittlichen linken Außendeckern bei Hertha. Plattenhardt hat gegenüber allen seinen Vorgängern einige Vorteile, seine Entwicklung wird aber auch davon abhängen, ob es der Mannschaft mittelfristig wieder besser gelingt, ein Spiel zu gestalten.

Das wird stark mit jener Mittelfeldzentrale zu tun haben, bei deren Besetzung Pal Dardai mehr denn je aus einer Vielzahl von Varianten wählen kann. Skjelbred, Darida, Lustenberger, Stark und Cigerci sind die fünf Namen für zwei Positionen, auf jeden Fall sollte, wie immer sich das Duo jeweils konkret zusammensetzt, darauf geachtet werden, dass es nicht zu sehr auf einer Linie spielt - das meine ich buchstäblich, aber auch sinnbildlich. Einer muss offensiv stärker eingreifen, idealerweise kann das immer der sein, der gerade aussichtsreicher in einen Spielzug eingebunden sein. Der Kader erlaubt Flexibilität, der Coach sollte die gestalterischen Möglichkeiten nützen.

Vermutlich wird Baumjohann gegen Hanoi beginnen. Es wäre eine kleine Ansage, dass Hertha den Kampf um die erworbene Position in der vorderen Hälfte der Tabelle annehmen will, und drei Punkte als Ziel ausgibt. Kalou ist in Abwesenheit von Ibisevic die logische Sturmspitze. Das sieht der Coach nicht ganz so eindeutig, es könnte auch eine überraschende Formation geben, zumal Beerens wieder im Kader steht.

Wenn sich niemand verletzt, wird das für die letzten Spiele in der Hinrunde personell ein ganz schönes Gedränge. Vier Gegner auf Augenhöhe, ein keineswegs unschlagbarer Werksclub und der extraterrestrische FCB stehen noch auf dem Programm. Vor zwei Jahren waren wir alle bass erstaunt, als Hertha mit 28 Punkten in die Winterpause ging. Es folgte eine rätselhafte Stagnation, die beinahe zu einem dritten Abstieg geführt hätte. Vielleicht gelingt ja dieses Jahr eine bessere Balance zwischen den Saisonhälften. In jedem Fall kann sich die Mannschaft heute mit einer guten Leistung und einem Erfolg eine Richtung geben: Mittelmaß oder Ambition? Ambition ist das Gegenteil von Größenwahn. Mittelmaß ist das Gegenteil von gar nichts.



Eingestellt von marxelinho am 6. November 2015.
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