18. Dezember 2014

Aus nichts wird zu viel

Wenn ein Tor aus dem Nichts fällt, dann bedeutet das, dass die Vorgeschichte sich in einem Spielgeschehen versteckt, das in die andere Richtung wies. So war es gestern mit dem Führungstreffer für Hertha BSC in Frankfurt, mit dem ein denkwürdiges Spiel so richtig in Schwung kam. Am Ende stand es 4:4, und die Mannschaft aus Berlin muss mit langen Gesichtern nach Hause fahren. Denn zehn Minuten vor Ende führte Hertha mit 4:2. Doch der Vorsprung hielt nicht, weil so gut wie nichts hielt in einem Spiel, das bei aller Attraktivität für die Fans doch vor allem zum Haareraufen war.

In den ersten 20 Minuten war die Leistung von Hertha grässlich. Frankfurt spielte nach Belieben, gewann fast jeden Zweikampf, holte sich mit Wonne all die Berliner Fehlpässe. Ein Tor fiel nicht, und so konnte Brooks eben eines aus dem Nichts erzielen: nach einem sehr langen, idealen Freistoß von Ronny, den Brooks selbst herausgeholt hatte, in einem der ersten gewonnenen Zweikämpfe. Es folgte in der nun offeneren Begegnung ein Kopfballtreffer von Ben-Hatira (nach Corner von Ronny, in Manier von Ramos), und ein Stolpertor von Schieber nach Ballgewinn und Umschalten und idealer Hereingabe von Ben-Hatira. 3:0 nach 36 Minuten, von denen mehr als die Hälfte unterirdisch gewesen war.

Es wäre wichtig gewesen, das Zwischenergebnis in die Pause zu bringen, aber Hegeler (neuerlich in der Innenverteidigung neben Brooks) ließ sich in der 43. Minute von Seferovic versetzen wie der sprichwörtlichen Laternenpfosten, und Aigner erzielte per Kopf den Anschlusstreffer auf den Anschlusstreffer. Viele Berliner Fans halten dafür, dass dieser Aigner zu diesem Zeitpunkt in der Kabine hätte sein müssen nach einer roten Karte. Er hatte Beerens aus dem Spiel getreten, die Szene sah für den Schiedsrichter aber nicht so eindeutig aus, für mich auch nicht, ehrlich gesagt. Es kam Haraguchi, und damit war eigentlich Hertha einen Mann weniger, denn der Japaner blieb so gut wie unsichtbar.

Alte Fußballerweisheit: Ein 2:0 zur Pause ist ein schwieriges Ergebnis. Es gilt analog für ein 3:1. Hertha bekam auch in den zweiten 45 Minuten kaum Zugriff auf das Spiel, vergab einige sehr gute Konterchancen, und kassierte nach gut einer Stunde den richtigen Anschlusstreffer. Wieder ließ die rechte Defensivseite eine Flanke zu. Erst danach wurde das Spiel ein bisschen ruhiger, bis in der 80. Minute Niemeyer einen Freistoß von Ben-Hatira zum 4:2 verwertete.

Hertha hätte dieses Spiel gewonnen, wenn der vierte Offizielle nicht unerklärliche fünf Minuten Nachspielzeit anberaumt hätte. Drei Minuten, vielleicht auch vier wären angebracht gewesen, fünf mussten sehr lange erscheinen, vor allem, nachdem Meier mit Beginn der Nachspielzeit den zweiten Anschlusstreffer für seine Mannschaft erzielte. Zu diesem Zeitpunkt herrschte in der Hertha-Defensive nackte Anarchie, dabei hätte die Hereinnahme von Langkamp eigentlich das Gegenteil bewirken sollen. Frankfurt schloss an den Anschlusstreffer mehr oder weniger postwendend mit dem Ausgleich an.

Danach war das Spiel noch ein paar Minuten halbwegs ausgeglichen. Es wäre interessant, eine Mikroanalyse dieser Minuten 89-92 schreiben, vielleicht finde ich dazu noch Gelegenheit. In einem vergleichbaren Fall habe ich das einmal versucht.

Hertha hat also aus Frankfurt einen Punkt mitgenommen, und die Erfahrung, dass Abgeklärtheit von dieser Mannschaft nur punktuell zu erwarten ist. Der Konjunktive sind viele, ich hätte mir nach der Verletzung von Roy Beerens eigentlich Stocker gewünscht, den Luhukay noch viel zu selten als Winger eingesetzt hat. Gegen Haraguchi bringe ich hiermit den ersten offiziellen Misstrauenseintrag ein. Hegelers Schicht da hinten sollte bald ein Ende finden. Pekarik bräuchte irgendwann einen stärkeren Konkurrenten als Ndjeng, gestern war der Kapitän porös. Hosogai ist nicht in Form, warum also nicht Lustenberger wieder einmal im defensiven Mittelfeld?

Ich greife vor, auf das Spiel vom Sonntag, das Hertha dazu nützen sollte, sich um ein bisschen mehr Ordnung zu bemühen. Denn so spannend das gestrige Spiel war, aufbauen lässt sich darauf wenig. Berliner des Tages: Änis Ben-Hatira. Teil der Lösung: Kraft, Niemeyer, Schieber. Machten wenig Unterschied: Ronny, Beerens, Stocker. Teil der Probleme: Pekarik, Schulz, Hegeler, Hosogai, Brooks. Richtig schwach: Haraguchi.


Eingestellt von marxelinho am 18. Dezember 2014.
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