16. April 2016

Ausbruch aus der Konterliga

Fünf Ligaspiele vor der Sommerpause steckt Hertha tief im Abstiegskampf. Nur einen Punkt beträgt der Vorsprung noch auf den Relegationsplatz - aus der Königsklasse! Diese Sorgen möchte man haben, werden sich viele Fans im Land denken. Aber auch Luxussorgen sind Sorgen. Gute Sorgen, so wie Pal Dardai in einer früheren Phase der Saison einmal guten Druck von schlechtem Druck unterschieden hat. Zur Zeit sehen wir gerade, dass der Unterschied so groß nicht ist.

Das Spiel gegen Hoffenheim kommt nach einer phasenweise großartigen Europacup-Woche, in der wieder einmal deutlich wurde, dass es am oberen Ende des Spiels vor allem darum geht, Reserven zu mobilisieren, von denen ich gern wüsste, ob das noch Plan oder nur noch reine Intuition ist: Sturridge läuft aus dem Pulk heraus, und macht aus einer eigentlich leicht zu verteidigenden Standardsituation einen Überraschungsangriff von der Grundlinie aus, Liverpool dreht das Spiel, wir haben einen weiteren Klassiker gesehen.

Hertha muss nun auch Reserven mobilisieren. Die Mannschaft hat die Chance, etwas Großartiges zu schaffen, wobei ich die Qualifikation für die Europa League da eindeutig mitgemeint haben will. Um dieses Ziel, idealerweise ein Platz im ersten Tabellendrittel, zu erreichen, bedarf es einer Zusammenführung der beiden Entwicklungslinien dieses Jahres. Die sind zuletzt auseinander gelaufen.

Die eine Linie hebt Hertha ein bisschen aus der Konterliga heraus, um die es sich bei der Bundesliga handelt: Das stellt nicht nur Pep Guardiola fest, weil gegen den FC Bayern der Umschaltfußball Marke Gladbach oder Wolfsburg (oder dieses Jahr Mainz) das einzige Rezept ist. Hertha hat 2015/2016 auf ein Konzept umgestellt, in dem geduldige Spieleröffnung eine große Rolle spielt. Rune Jarstein war in diesem Zusammenhang fast schon die Toppersonalie, ich würde sagen, im gleichen Maße wichtig wie die Tore von Ibisevic, die Agilität von Weiser, die Effizienz von Kalou und die Kohäsion durch Darida.

Die andere Linie war eine Professionalisierung des Minimalansatzes, für den das Stichwort normalerweise Kompaktheit lautet. Das Heimspiel gegen Dortmund war in dieser Hinsicht der Maßstab, der in den beiden großen Spielen nächste Woche idealerweise noch einmal erreicht werden würde.

Allerdings ist die Saison inzwischen älter, und in beiden Bereichen hat Hertha zuletzt nachgelassen. Der Fehler von Jarstein, mit dem die Niederlage gegen Gladbach anfing, war symptomatisch über das einzelne Spiel hinaus, weil Hertha zunehmend Schwierigkeiten hat, sich gegen gut pressende Gegner zu behaupten. De facto spielt derzeit individuell niemand im Team auf dem besten Niveau, das er in dieser Saison schon erreicht hatte. Um so wichtiger wäre es, dass Spieler wie Cigerci, die später dazu kamen, nun Verantwortung übernehmen. Leider klappt das (noch) nicht so richtig, andere Alternativen wie Stocker oder Baumjohann scheinen keine Chance mehr zu haben.

Ob der Faktor Fitness, ob die Belastungssteuerung dabei eine große Rolle spielt, können wir im Detail nicht beurteilen. Die Berliner Blätter vermelden immer mit einer gewissen Befriedigung, wenn Pal Dardai mal wieder eine strenge Schicht anordnet, zumindest in Ansätzen kann man da doch herauslesen, dass er in dieser Hinsicht eher klassische Ansichten hat. Aber was soll man sagen: Barcelona, heißt es immer, trainiert Fitness nur mit dem Ball, und sie sind auch platt.

Einen Platz zwischen 3 und 6 hat Hertha sich mit dieser Umstellung des Spielansatzes auf jeden Fall redlich verdient. Nun muss er eben noch erarbeitet und erspielt werden, in einer noch einmal intensivierten Verbindung von Ballbesitz und Balleroberung. Der springende Punkt schien in den letzten Wochen häufig zu sein, dass die Spieler die drei, vier Situationen pro Halbzeit nicht erkannten, nicht erkennen wollten, in denen es sich lohnt, ein wenig ins Risiko zu gehen. Im aktuellen System Hertha ist die Ablage nach hinten niemals zu beanstanden, weil man interessante Situationen lieber gründlich vorbereitet.

Das führt aber dazu, dass mehr als fünfzig Prozent der Pässe so ankommen, dass sie mit dem Rücken zum Spiel verarbeitet werden müssen (ich schätze das, Statistiken werden diesbezüglich ja nicht erhoben). Dieses retardierende Moment wäre einmal nähere Beobachtung wert, vielleicht sollte Jens Hegeler es in seine Analyse-Tools integrieren. Ich habe deswegen Marvin Plattenhardt zuletzt ein paar Mal hervorgehoben, denn auf seiner Seite wird besonders oft abgebrochen, was mit seinem tauben rechten Fuß zu tun hat, aber auch mit einer leichten Rechtslastigkeit im zentralen Mittelfeld (das geht von Darida aus, würde ich sagen). Plattenhardt hat in der Regel nur die Möglichkeit, entlang der Linie zu spielen, oder zurück. Der halboffensive, erste kombinatorische Pass ins Mittelfeld ist die Ausnahme, die fehlt.

Es würde mich nicht wundern, wenn die Betreuer gegen Hoffenheim eine eher abwartende Taktik wählen würden, also zuerst einmal die zuletzt brüchig gewordene Kompaktheit betonen. Angesichts der nächsten drei Spiele ist das ohnehin angebracht. Hertha muss sich vielleicht noch einmal in die Konterliga einreihen, um aus ihr erfolgreich hervorzugehen.


Eingestellt von marxelinho am 16. April 2016.
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