19. Februar 2013

Ausredefreiheit

Der Arsenal FC geht heute als klarer Außenseiter in das CL-Duell gegen den FC Bayern. Das müsste nicht so sein, denn eigentlich hat der Club aus Nord-London ähnlich gute Standort-Faktoren wie der Krösus aus München. Und das nominelle erste Team ist zumindest auf dem Papier eine interessante Herausforderung für die in diesem Jahr so sagenhaft dominante Mannschaft von Jupp Heynckes, von dem Arsène Wenger in seiner Pressekonferenz bekannt, dass er ihn als Spieler "geliebt" habe (er ist deswegen auch bis heute Gladbach-Fan).

Wo liegt also das Problem bei Arsenal, das 2004 in England ungeschlagen den Titel gewann, und das 2006 immerhin noch in das CL-Finale gegen den FC Barcelona kam, damals mit Cesc Fabregas und Jens Lehmann, wobei der deutsche Keeper nur wenige Minuten auf dem Platz war? Das Problem ist, so weit man das von außen beurteilen kann, der Mann, der bei Arsenal ziemlich einsam das Sagen hat: Arsène Wenger ist recht eindeutig in die späte Phase seines Wirkens eingetreten, er vermag keine positiven (und vor allem auch: keine taktisch strukturierten) Impulse mehr zu geben, er hält sich zunehmend an Verdiensten fest, die man nach den Maßstäben des modernen Fußballs als historisch begreifen muss, die aber mit der Gegenwart nichts zu tun haben.
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Immerhin kann man dem Club zugute halten, dass sie die deutlich gereizte Pressekonferenz im hauseigenen Fanfernsehen ungeschnitten zugänglich halten. Man sieht dort einen Mann, der nach dem Ausscheiden im FA-Club gegen Blackburn am vergangenen Samstag sehr angegriffen wirkt. Er weiß auch, was Stewart Robson in einem sehr interessanten Interview, das die SZ heute bringt, unverhohlen ausspricht: Vielen Fans wäre eine Niederlage gegen Bayern willkommen, weil sie hoffen, dass danach endlich über die Wenger-Nachfolge gesprochen würde. Doch die Strukturen bei Arsenal sind so, dass Veränderungen schwer durchzusetzen sind. Und dass der "Boss", wie er sich nennen lässt, selbst einer sinnvollen Lösung der Weg bereiten könnte, ist bisher nicht abzusehen.
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Ich werde es nicht schaffen, das Spiel "sub specie longevitatis" anzuschauen. Wie jedes Mal, wenn Arsenal ein Spiel anfängt, werde ich auch dieses Mal darauf hoffen, dass das Team so spielt, wie es das im Grunde kann, aber eben selten tut. Personell hat die Elf, die vermutlich antreten wird, nicht die Weltklasse der meisten Bayern-Spieler, aber es ist eine interessante Formation, die zudem taktisch auch deswegen einiges verspricht, weil die Spielsysteme einander sehr ähneln.
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Was beim FCB die zentrale Triangel Martinez-Schweinsteiger-Kroos ist, sind bei Arsenal Arteta-Wilshere-Cazorla. Dies allerdings nur, wenn Walcott auf dem Flügel spielt - ich würde allerdings nicht ganz ausschließen, dass Wenger heute anders aufstellt, Giroud draußen lässt, Walcott zentral aufbietet, Cazorla über rechts kommen lässt, Wilshere vorzieht, und Abou Diaby oder Ramsey neben Arteta als Sechseinhalber. Podolski auf links dürfte gesetzt sein. Die Verteidigung könnte (falls Koscielny wirklich verletzt ist) unorthodox aussehen, nämlich so: Vermaelen-Mertesacker-Sagna-Jenkinson. Das würde einen Feiertag für Ribéry bedeuten.
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Beginnt Walcott vorne zentral, wäre dies ein strategisches Eingeständnis der Außenseiterrolle, denn dann spielt Arsenal im eigenen Stadion auf Konter. Die letzte taktisch wirklich interessante und auch erfolgreiche Darbietung von Arsenal in der CL brachte vor ziemlich genau zwei Jahren auf ähnlicher Grundlage einen 2:1-Heimsieg gegen Barcelona (den dann ausgerechnet Cesc Fabrègas mit seinem Fersler im Camp Nou entwertete). Damals spielte Arsenal im Grunde Vabanque: eine extrem hohe Defensivlinie verengte das Spielfeld so weit, dass Barcelona Mühe hatte, sein Offensivpressing ins Laufen zu bekommen; hinten hinaus schoss Arsenal zwei Tore, und auch im Rückspiel war das Konzept noch zu erkennen (eine rote Karte gegen van Persie trug damals auch zum Ausscheiden bei).
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Interessant wird es heute sicher, aber es ist eben nur ein Spiel, dem ein größeres Bild gegenübersteht: Arsenal spielt zwar jedes Jahr CL, sorgt aber mit schwachen Hinrundenleistungen wie in diesem Jahr gegen Schalke dafür, dass meist schon im ersten Frühjahrs-Duell eine sehr starke Mannschaft kommt; dazu ist Arsenal in der EPL seit Jahren ohne Chance, verliert zudem kontinuierlich an Boden, bei soliden Jahresgewinnen, die in die USA zu Stan Kroenke und nach Usbekistan zu Alisher Usmanow abfließen (der Letztere immerhin würde eigentlich gern reinvestieren, darf aber nicht mitreden).
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Stewart Robson spricht von einer Diktatur, die Arsène Wenger errichtet habe. Sein Unmut dürfte auch persönliche Gründe haben. Im Vorjahr arbeitete er noch für Arsenal TV, machte dort die Match-Analysen, in dieser Saison wurde er durch Adrian Clarke ersetzt. Die Hintergründe sind unklar. Klar ist nur, dass Arsenal gegen Bayern eine Topleistung brauchen wird, um eine Chance zu haben. Der Trainer spielte schon einmal die Erwartungshaltung für das Hinspiel ein wenig hinunter: Ein 0:0 wäre ein gutes Ergebnis. Ganz falsch liegt er damit nicht, denn im Rückspiel hat der FCB einen Nachteil: Ein Auswärtstor kann dann nicht mehr erzielt werden. Allerdings sollten sie dafür auch aus London keines mit nach Hause nehmen. Ich bin gespannt.


Eingestellt von marxelinho am 19. Februar 2013.
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