04. November 2016

Balkanroute


Die letzten beiden Spiele von Hertha waren für mich frustrierend. Beide Male konnte ich das Spiel nicht wirklich gut verfolgen (ich war wegen eines Filmfestivals in Wien). Das Pokalspiel bei St. Pauli sah mir nach einer reifen Leistung aus, allerdings war mein Stream von ständigen Unterbrechungen gestört (mein Rechner kommt in die Jahre). Die Niederlage gegen Hoffenheim sah ich in einem Sportcafe (siehe oben). In beiden Fällen war meine Konzentration nicht gut genug.

Am Montagmorgen stand ich dann um vier Uhr früh an einem Busterminal in Wien-Erdberg.


Es war der Auftakt zu einem dreitägigen, kleinen Abenteuer, bei dem ich eine Idee aufgriff, die mich seit meinen Jahren in Wien nie ganz losgelassen hatte. Damals stand ich gelegentlich auf dem Busbahnhof, der nach 1989 noch in der Stadtmitte lag, und sah mir die Fahrtziele an. Besonders Skopje hätte mich gereizt, aber auch andere Orte. Der Osten hatte sich gerade erst geöffnet, es war eine spannende Zeit, allerdings hatte ich in Wien gut zu tun, mein Leben auf die Reihe zu bekommen. Ich fuhr nie.

Die Busfahrt nach Sofia, die ich am Montag auf der umgekehrten Balkanroute (nach Szeged aus Ungarn und aus der EU raus nach Serbien, und unten dann hinter Nis, der Heimatstadt von Radnicki Nis, in östlicher Richtung wieder rein in die EU in Bulgarien) unternahm, stand also in Zusammenhang einer sentimentalen Anwandlung. Ein nachgeholtes Abenteuer aus Studententagen. Ziel war das Vasil Levski Stadion in Sofia, wo am Dienstagabend das CL-Spiel von Ludogorets Rasgrad gegen Arsenal stattfand.


Es war ein mitreißendes Spiel, das durch ein sensationelles Tor von Mesut Özil entschieden wurde. Es fiel allerdings am anderen Ende des Spielfelds, von mir aus gesehen. Und es ging rasend schnell. Aber man sah auch so sofort, dass etwas Außergewöhnliches geschehen war.

Die Aura dieses ehemaligen Vorzeigestadiums eines kommunistischen Regimes ist nach wie vor weitgehend intakt, auch das ist ein Grund, warum ich manchmal Fahrten an solche Orten unternehme - es sind Exkursionen, die mich aus den standardisierten Funktionsarenen der Gegenwart in eine andere Welt versetzen. Sollte Hertha jemals ein Stadion bauen lassen, dann wird sehr darauf zu achten sein, dass es ein guter Ort wird, und nicht irgendwas in der banalen Art, auf die sich das neue Berlin mit seinen Bauten immer wieder versteht.

Heute spielt Hertha gegen Gladbach daheim, ich bin auch wieder in Berlin. Endlich kann ich wieder genau zusehen, wie es mit der Mannschaft in dieser Saison weitergeht.


Eingestellt von marxelinho am 4. November 2016.
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