22. August 2016

Beim Elfer weiß jeder, wo das Tor steht

Fünf sehr professionelle Elfmeter trennten Hertha BSC gestern von einer weiteren Enttäuschung zu Saisonstart. Jahn Regensburg hatte die Mannschaft vor deutlich größere Probleme gestellt, als einem ambitionierten Bundesligisten eigentlich lieb sein kann. Doch als es darauf ankam, behielten Ibisevic, Darida, Weiser, Plattenhardt und schließlich Kalou die Ruhe. Der fünfte Schütze von Regensburg musste gar nicht mehr, es war zu spät, nachdem Jarstein den Elfer von Hofrath abgewehrt hatte.

Der Kader für das Spiel war die erste belastbare Andeutung einer Kerngruppe in diesem Jahr. Dass Allagui statt Hegeler vertreten war, ist ein starkes Indiz. Dass Baumjohann nicht dazu gehört, überrascht nicht mehr. Ronny hatte gegen Napoli wohl seine Abschiedsminuten, wenn auch nicht notwendigerweise von der Gehaltsliste. Die erste Mannschaft war schließlich konserativ gewählt, wie es wohl dem Temperament von Pal Dardai am meisten entspricht: Langkamp, für meine Begriffe angezählt, spielte neben Brooks, Pekarik hat Weiser wohl vorerst rechts hinten verdrängt. Vorne Haraguchi und Stocker neben den Stammoldies Kalou und Ibisevic.

Aus der ersten Halbzeit bleiben vor allem zwei Dinge in Erinnerung: Darida könnte in einer neuen Rolle der bessere, weil beständigere Cigerci werden, immer vorausgesetzt, Hertha hat sich mit Duda keinen Fußballinvaliden andrehen lassen. Die designierte Position für den Slowaken lässt Darida ein wenig zurückrücken, von dort aus entfaltet er sich aber sehr vielversprechend. Die zweite Angelegenheit betrifft ein Detail: ich hatte John Brooks schon einmal für einen denkbaren Kapitän gehalten. Wenn er es aber schafft, aus einer gelben Karte gegen Regensburg zwei für Hertha zu machen, weil er unbedingt auch noch seinen umfänglichen Körper in eine kleine, hitzige Angelegenheit des Kollegen Langkamp werfen muss, dann muss man ihn die Eignung wohl doch absprechen.

Brooks blieb zur Pause in der Kabine. Bald darauf führte Regensburg, durch einen Weitschuss nach einem Eckball. Hertha hatte ähnliche Möglichkeiten, bei Regensburg aber ging er eben rein, der Schuss von Nandzik. Sein Jubellauf war von der Sorte, wie sie nur Begegnungen zwischen Teams aus verschiedenen Ligen hervorbringen. Das ist die Magie des Cups in der ersten Hälfte der Saison. Hertha hatte gut zu tun, sich diesem Zauberbann zu entziehen.

Von den Eckbällen (mehr als ein Dutzend, davon die meisten ziemlich gut getreten) brachte einer etwas ein: Mitchell Weiser traf per Kopf! Er war in der 65. Minute für Haraguchi gekommen, eine ausgesprochen belebende Einwechslung. Schieber für Stocker war schließlich die letzte Option, die Pal Dardai ziehen konnte. Da dachte er vielleicht schon an das Elfmeterschießen, denn abgesehen davon sprach wirklich alles dafür, Kalou zu erlösen, der mit seinem untauglichen Versuch, einen großen Fight mit Eleganz zu bestehen, den Eindruck hinterließ, dass er dieses Jahr nicht mehr die Kapazitäten für die Stammelf hat.

Warum tat Hertha sich so schwer? Zieht man die atmosphärischen Aspekte und die berühmten besonderen Bedingungen von Pokalspielen ab, bleibt der momentan geläufige Befund: Die Mannschaft lässt sich relativ leicht erpressen. Regensburg spielte ein deutlich ausgeprägteres, strukturiertes Anlaufspiel, und unterband damit eine Menge schon vor der Mittelinie. Ich will miich nicht schon vor dem ersten Ligaspiel zu wiederholen beginnen, aber für den degradierten Kapitän Lustenberger muss es doch schmerzhaft sein, wie Skjelbred unangefochten die Zentrale besetzt hält, ohne dass irgendein Unterschied erkennbar wäre, der den einen in der Mannschaft hält, den anderen aber auf die Bank verbannt.

Darida schloss nach Kräften die Lücke, die der anonyme Norweger im Aufbauspiel ließ. Stocker und Haraguchi sind als Spielertypen relativ ähnlich, beiden fehlt ein wenig der Punch. Ibisevic wusste am Sonntag nicht, wo das Tor steht (beim Elfmeter war es dann zum Glück unübersehbar), und Kalou nahm am Spiel nur punktuell teil. All das trug dazu bei, dass Hertha trotz statistischer Überlegenheit offensiv eher unproduktiv war.

Es wurde mit den Einwechslungen ein wenig besser (Weiser!), trotzdem ist bedenklich, dass Regensburg mit der fünften oder sechsten Luft die zweite Halbzeit der Verlängerung eigentlich wieder dominierte.

Im Fußball geht es um die Überwindung von Widerständen. Die dazu erforderlichen Mittel sind für jedes Match neu zu mischen. Was der Mannschaft aber offensichtlich schon eine Weile fehlt, ist Intensität - jene schwer zu fassende Dimension in einem Spiel, die doch wirklichkeitsverändernd sein kann. In Cupspielen wird diese Qualität quasi per Definition der unterklassigen Heimmannschaft zugeschrieben, und Regensburg hat dafür ein großes Beispiel gebracht.

Hertha hat schließlich den Fight angenommen, gewonnen aber hat sie ihn so, wie es halt erst im Elferschießen möglich ist: mit der kalten Überlegenheit von Profis, die sich da schon nicht mehr anmerken ließen, dass sie davor ganz schön hart an ihre Grenzen gestoßen waren.


Eingestellt von marxelinho am 22. August 2016.
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