08. April 2017

Bereichssportfeld


Ich stelle mir vor. Heute ist Samstag, morgen ist Sonntag, Hertha spielt gegen Augsburg. Wir schreiben das Jahr 2026, Rückrunde in der deutschen Fußballbundesliga. Wo fahre ich hin? Nach den Ergebnissen der Standortanalyse, die Hertha BSC vor einer Weile vorgestellt hat, könnte es auch Ludwigsfelde sein. Es sollte aber der Olympiapark sein.

Ein neues Stadion, eine reine Fußballarena, wird Hertha brauchen, und vermutlich war der Zeitpunkt dafür, alles auf den Weg zu bringen, niemals so günstig wie derzeit, da eine sportlich passable Situation auf eine globale Liquiditätsschwemme und niedrige Zinsen trifft. Es passt auch dazu, dass nicht nur Hertha ein bisschen Aufbruchsstimmung verbreitet, die Stadt Berlin selbst hat gerade so ein bisschen die Aura einer kleinen Gründerzeit.

Was sollen wir von der Alternative Olympiapark vs. Ludwigsfelde halten? Wo sind die anderen Varianten geblieben? Die Sache ist recht klar: Hertha will (und muss in meinen Augen) den Senat erpressen. Die Option Ludwigsfelde wird nur rhetorisch schöngeredet, in Wahrheit geht es darum, dass Berlin das Einverständnis geben muss, dass auf dem Gelände neben dem Olympiastadion gebaut werden darf. Da gibt es Einschränkungen, es braucht Genehmigungen, und die sind politischer Natur.

An drei Standorten der Liga habe ich erlebt, wie das ist, wenn ein Stadion in der Pampa liegt. Der Borussiapark in Mönchengladbach, die Coface-Arena (wie sie bei meinem Besuch damals hieß) in Mainz und die Wirsol Rhein-Neckar-Arena in Sinsheim, die in bester (schlechtester) Sprawl-Mentalität radikal auf den automotorisierten Besucher zugeschnitten ist, das sind alles Lösungen, die bei Hertha dem Modell Ludwigsfelde entsprechen würden. Die Sache ist ganz einfach: dort draußen darf Hertha niemals bauen. Der Club pokert derzeit also ziemlich hoch.

Die aktuellen Auslastungsprobleme in Mainz haben sicher viele Gründe, immer wieder wird aber auch die Lage des Stadions genannt, das wirklich im Niemandsland liegt. Hertha hat schon im Olympiastadion immer wieder Probleme, gegen weniger attraktive Gegner auch nur die 40000-Zuschauer-Marke zu knacken. Man möchte nicht wissen, wie das 2026 in Ludwigsfelde gegen Augsburg (oder vielleicht stattdessen die wiedererstarkten Sechzger, oder den zurückgekommenen Club) wäre.

Aber das ist wie gesagt ja ohnehin nur Drohkulisse. Die Lösung im Westen der Stadt ist so überzeugend, dass man sie nur noch beschließen muss. Doch so einfach muss die Sache nicht sein. Politik ist ein kompliziertes Geschäft, und vor allem selten vernünftig. Das sieht man zum Beispiel bei den aktuellen Versuchen, mit dem Flughafen Tegel ein bisschen Stimmung zu machen.

Ein Stadionprojekt im Olympiapark, auch wenn es rein privat finanziert wird, kann ohne Weiteres auch nach der Genehmigung noch auf Widerstand stoßen. Wer weiß, welche Wutbürger sich da plötzlich formieren, wenn es zum Beispiel um ein Amateurkricketfeld oder einfach ein paar Bäume geht. Und Hertha hat in Berlin nicht das Standing, das die Bayern in München hat. Im Gegenteil: Hertha zieht auch das Ressentiment an. Die in vielen Bereichen sehr provinzielle Metropole Berlin könnte da schnell einen weiteren Fall wie beim Tempelhofer Feld haben. Unwägbarkeiten gibt es also noch zur Genüge, aber das Rendering der beiden Stadien in unmittelbarer Nachbarschaft sieht doch sehr vielversprechend aus.

Sollte Hertha grünes Licht für diesen Vorschlag bekommen, dann gibt es immer noch einen weiteren Risikofaktor: Dass diese historisch einmalige Gelegenheit durch einen schwachen Entwurf vergeigt wird. Hertha muss dann wirklich alles tun (ein vernünftiger, offener Wettbewerb ist das Mindeste), damit das keine fade Funktionsarena wird, sondern ein Fußballstadion auf der Höhe der technischen, ökologischen und ästhetischen Möglichkeiten. Also nicht einfach, wie das bisher der Fall war, die übliche Firma fragen, sondern tatsächlich zu einer Ideenkonkurrenz einladen. Hertha braucht nicht nur ein neues Stadion, es sollte auch eine Landmark-Arena werden, wie in München (wo die Allianzarena im Übrigen auch nur von außen glänzt, im Detail gibt es da viel zu bemängeln).

Vor acht Jahren begann die Ära von Michael Preetz als Manager von Hertha BSC. Noch ist das Wort nicht angebracht, doch wenn es ihm gelingen sollte, den Club gedeihlich bis zur Eröffnung eines Stadions zu führen, dann wäre das Wort Ära schon fast zu klein. Der "Lange", die die Fans ihn gern nennen, wäre dann nicht nur lange da, sondern wirklich Länge mal Breite mal historische Dimension wirksam geworden.

Bevor die Gedanken aber allzu weit vorauseilen, denken wir besser kurz an die ersten acht Jahre des Managements von Michael Preetz, und dann vor allem an morgen Nachmittag: Hertha gegen Augsburg im Olympiastadion, vermutlich wird das Stadion halbleer sein, denn diese Begegnung steht seit Jahren unter Schnarchverdacht. Es liegt in der Verantwortung der Mannschaft und der Betreuer, daraus einen Baustein für die Zukunft zu machen.

Hier die offizielle Stellungnahme von AS + P (Albert Speer + Partner) zum Projekt (mit Foto)


Eingestellt von marxelinho am 8. April 2017.
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