08. Mai 2017

Berliner Grabtuch

Die naheliegende Metapher für das Heimspiel gegen RB Leipzig am Samstag hat die Ostkurve vor dem Spiel geliefert: Hertha hat sich nämlich, anders als es die Polemik der besonders engagierten Fans suggeriert, das Grab selbst geschaufelt. 1:4 lautet das Ergebnis, es war in dieser Deutlichkeit berechtigt, auch wenn zwei Treffer ganz spät fielen, als es sogar noch einmal Hoffnungen nach einem Anschlusstreffer gab.

Die Ostkurve sah sich an diesem perfekten Fußballnachmittag nicht nur mit einem sportlich starken Gegner konfrontiert. RV Leipzig mag als strategischer Ableger einer Marketingabteilung nur kurze Fußballtradition haben, der Anhang ließ davon allerdings wenig merken und machte gute Stimmung im OIympiastadion (dass eine der Melodien von den Bayern entlehnt ist, ist da fast schon so etwas wie eine Pointe).

Dieter Mateschitz und Dietmar Hopp sind sicher nicht die Totengräber des Fußballs, auch der "Kaiser" spielt da eine eher geringe Rolle. Sepp Blatter verdient diesen Titel schon eher, war aber vor allem für die Nationalteams zuständig, also für einen Bereich des Fußballs, dem man schon lange aus vielfachen Gründen die Gefolgschaft verweigern sollte. Bleibt Michel Platini als Erfinder eines höchst dehnbaren Financial Fair Play, von dem RB Leipzig auch profitieren wird, allerdings in einem weit geringeren Maß als Manchester City oder Paris St. Germain.

Der Fußball ist nicht tot, er ist nicht einmal schwer krank, und wenn es aktuell Individuen gibt, vor denen man ihn schützen muss, dann würde ich Gianni Infantino nennen, den FIFA-Präsidenten, Vladimir Putin und seine korrupten Funktionäre, und ich würde den neuen Uefa-General Ceferin auf jeden Fall unter erhöhte Beobachtung stellen. DFB-Präsident Grindel verdient ebenfalls allerhöchstes Misstrauen.

Die kommunikative Aktion der Ostkurve war also attraktiv, aber auch naiv. Und ganz ähnlich ging Hertha es dann auch sportlich an gegen RB Leipzig: Es hätte einer gereiften Spielanlage bedurft, um sich gegen den Druck zur Wehr zu setzen, den die "Bullen" aufbauten (das Wort "Bullensch***ne" ist mir viel zu assonant zu einem der geläufigsten Nazihasswörter, als dass ich es jemals in den Mund nehmen würde).

Trotzdem war die erste Halbzeit nach einem frühen Führungstor durch Werner (per Kopf!) halbwegs offen, und man durfte einigermaßen gespannt auf das Kommende sein. Es war dann ein symptomatischer Moment, der die Vorentscheidung brachte: Hertha, die Mannschaft die "hinten herum" nach Europa will, machte sich hinten lächerlich. Das begann mit einem Rückpass von Alex Esswein, und endete mit einem Ausrutscher von Rune Jarstein.

Damit eine Mannschaft ins Spiel kommt, muss sie erkennen, wann sie ins Risiko gehen soll und wann es besser ist, eine sichere Variante zu spielen. Bei Hertha lassen die entscheidenden Spieler häufig den Sinn für Initiative vermissen. Deswegen landet der Ball so häufig bei Jarstein, wobei Leipzig natürlich mit dem hohen Pressing auch speziell dafür sorgte, dass ein Chaot wie Esswein in heikle Situationen kam. Jarstein ist sicher eine absolut entscheidende Entdeckung geworden, aber es ist doch kein Zufall, dass er an markanten Gegentoren immer wieder beteiligt ist.

Im ZDF-Sportstudio war später ein riesiges Fragezeichen dort zu sehen, wo bei Hertha seit langer Zeit der konzeptuelle blinde Fleck liegt: im zentralen Mittelfeld. Konkret bedeutet da ja nichts anderes, als dass der Mannschaft der wichtigste Umschaltpunkt fehlt, weil die Positionen 6 und 8 jeweils zu wenig miteinander arbeiten, stattdessen eine unverständliche Arbeitsteilung pflegen (wenn einer sich zeigt, sucht der andere den Deckungsschatten).

Hertha fehlt im Spiel hinten heraus immer mindestens ein Mann, deswegen führt das Spiel hinten heraus so oft nicht nach vorn, sondern nach hinten. Nach Europa sollte man so nicht kommen, aber in einer Liga, in der nun ein Team mit einer Tordifferenz von minus 15 auf Platz 5 liegt, ist alles möglich.

Das Spiel gegen Leipzig hat klar gemacht, was man ohnehin wusste: Ausreden sind unzulässig. Der Erfolg von RB ist sicher durch die Unterstützung der Dosenfirma bedingt, aber die Konkurrenz ist dadurch nicht so verzerrt, dass es sportlich nichts zu bewerkstelligen gäbe. Zumal von einem Club wie Hertha, der exzellente Standortfaktoren hätte, und der ebenfalls beträchtlichen Kapitalzufluss hatte. Allerdings brauchte Hertha das Geld, um Boden unter den Füßen zu finden, nach einem Jahrzehnt der Volatilität.

Hertha hat am Samstag gegen eine Mannschaft verloren, gegen die mit ein bisschen mehr Intelligenz etwas möglich gewesen wäre. Der Abstand ist nicht unüberwindbar, es bedarf allerdings exzellenter Arbeit, um ihn zu verringern. Darf man selbstbewusst behaupten, dass diese Arbeit in Berlin geleistet wird? Mit Sicherheit nicht. Es ist eine fehlerhafte Saison mit vielen Diskussionspunkten, die in zwei Wochen zu Ende gehen wird. Kein einziger Bereich (Kaderplanung, sportliche Betreuung, medizinische Betreuung, und die beiden Fitnesstrainer) steht außer Frage.

Das ist der Alltag des Fußballs. Die Welt ist nicht gerecht, die Liga ist es auch nicht. Man kann letztendlich nur so gut wie möglich arbeiten, zu den Bedingungen, die sich einem bieten. Und da darf Berlin sich am allerwenigsten beschweren. Deswegen war das Berliner Grabtuch am Samstag zwar toll anzusehen, aber doch die falsche Botschaft.


Eingestellt von marxelinho am 8. Mai 2017.
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