13. Juni 2014

Blaue Stunde

Da lief ja gleich einmal eine Menge schief an diesem Eröffnungsabend der Fußball-WM, und doch war das überwältigende Gefühl: Wie großartig, dass es losgeht! Wie großartig, die Spieler im Tunnel zu sehen, den gehörig ergriffenen brasilianischen Kapitän Thiago Silva, den (vielleicht nicht in erster Linie spielerisch) beeindruckenden Paulinho, den Alemao-Dandy Luiz Gustavo, und den Pimpf Oscar; an der Seite dann den ehemaligen Herthaner Niko Kovac, der offensichtlich fürchtete, man könnte ihn verwechseln, so unübersehbar trug er den Akkreditiertenausweis vor dem glänzenden Sakko.

Dann die üblichen Machenschaften: Ein Referee, der an Spitzenspiele nicht gewöhnt ist, erweist der Mannschaft des Gastgeberlandes die Großzügigkeit, die sich die FIFA mit Steuerfreiheit erstatten lässt. Alles natürlich im Rahmen der menschlichen Fehlbarkeit, für deren großzügige Auslegung Joseph Blatter seit Jahrzehnten persönlich einsteht - dieses Mal allerdings offensichtlich in einer diskreten Fürstenloge.

Heute greift Spanien in das Turnier ein, die Mannschaft, der vermutlich doch meine größten Sympathien gelten. Eine Lehre aus dem Eröffnungsspiel könnte sich da schon niederschlagen. Brasilien gegen Kroatien, das sprach auf jeden Fall eher für die falschen Neunen als für die gelernten Mittelstürmer. Und bei Spanien läuft das auf eine Frage hinaus, die mich aus einem aktuellen Grund besonders interessiert: Fabregas oder Diego Costa, oder auch: Fabregas oder Torres?

Cesc Fabregas Soler, wie er sich seit einiger Zeit vollständig nennt, ist nicht Stammspieler bei der roten Furie. Aber er war in den wichtigen Begegnungen immer dabei, er legte Iniesta das Tor vor vier Jahren auf, und er glänzte im EM-Finale von Kiew 2012. Die WM 2014 begann er mit einer Nachricht aus seinem Brotberuf: Er wechselt von Barcelona zu Chelsea. Das bedeutet auch: Der Arsenal FC hat eine Rückkaufoption nicht in Anspruch genommen.

Das Ergebnis ist eine Personalrochade, die viele Anhänger der Gunners verbittert. Dass sie Fabregas im nächsten Jahr in einem blauen Jersey sehen müssen, ist für sie schwer erträglich. Dabei hat Arsenal doch längst einen Nachfolger. Es ist Aaron Ramsey, der tatsächlich in diese Rolle hineingewachsen ist.

Um zu verstehen, welchen Nimbus Cesc Fabregas für Arsenal-Fans hat, muss man weit zurückgehen, fast zehn Jahre, bis in den Oktober 2004. Damals kam es in Old Trafford zu einer denkwürdigen Begegnung. Mit kräftiger Unterstützung des äußerst fehlbaren, auch heute noch aktiven Schiedsrichters Mike Riley verlor Arsenal gegen Manchester United mit 0:2.

Es war die erste Niederlage nach der Saison 2003/2004, die bekanntlich mit dem Meistertitel der "Invincibles" endete. Eine Spielzeit, in der Arsenal unbesiegt blieb, und die Serie setzte sich noch fort bis zu diesem Spiel in Manchester. Fabregas, damals 17 Jahre alt und schon als Hoffnungsträger einer nächsten großen Arsenal-Mannschaft identifiziert, stand nicht im Kader, machte sich aber hinterher noch in der "Battle of the Buffet" verdient. Zwei Jahre später führte er Arsenal in das Champion's League-Finale gegen den FC Barcelona.

Seine Jahre bei Arsenal waren geprägt von Erfahrungen des Scheiterns in wichtigen Momenten. Die Mannschaft war nie wirklich stark genug für einen Titel, und auch wenn Fabregas immer als der Liebingsschüler von Arsène Wenger galt, so ließ er nach seinem Wechsel nach Barcelona doch erkennen, dass er sich taktisch nicht hinreichend instruiert gefühlt hatte.

Interessanterweise kam Fabregas bei Barcelona nie wirklich gut und längerfristig zur Geltung. Noch schlimmer erging es Alex Song, der in seiner letzten Saison bei Arsenal phasenweise brillant war, in Spanien aber unterging. Robin van Persie wechselte im selben Jahr zu Manchester United, wurde dort einmal englischer Meister, ist aber auch weiter entfernt von europäischer Glorie denn je.

Alle drei wurden also mit ihrem Weggang nicht wirklich glücklich. Alle drei greifen heute in die Weltmeisterschaft ein. Es ist also auch ein Arsenal-Tag. Ich freue mich über jede Ballberührung von Fabregas, aber ich hätte es für eine sentimentale Aktion gehalten, wenn Wenger ihn zurückgeholt hätte. Die Balance im offensiven Mittelfeld bei Arsenal ist auch so schon fragil genug, mit dem rätselhaften Özil als Faktor, um den herum alles gedacht wird. Es wird wichtiger sein, einen starken Ersatz für Arteta zu finden,  also einen exzellenten Spieler mit den Qualitäten eines Javi Martinez.

Dass Chelsea jetzt Fabregas bekommt, schmerzt natürlich besonders vor dem Hintergrund, dass José Mourinho allen Grund hat, seinen Kollegen Wenger als Experten im Scheitern zu qualifizieren. Die letzte Begegnung zwischen Chelsea und Arsenal endete mit 6:0. Und doch blieb Chelsea 2014 ohne Titel, während Arsenal seit Wochen den Gewinn des FA-Cups nach Kräften für eine neue Siegermentalität reklamiert. Heute müssen wir aber erst einmal unsere Verflossenen Revue passieren lassen.


Eingestellt von marxelinho am 13. Juni 2014.
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