04. August 2016

Brasi-Juwel statt Turko-Tand?

Vor dem Rückspiel gegen Brondby IF in Kopenhagen gibt es noch eine bedeutsame Neuigkeit: Tolga Cigerci wird nicht dabeisein, er wird Hertha wohl verlassen. Galatasaray bietet zwei Millionen für ihn. Damit ist der Angriff, von dem noch ein paar Wochen die Rede gewesen war, abgesagt. Cigerci wird es nicht weiter versuchen, sich bei Hertha durchzusetzen. Zu groß ist auch mittlerweile das Gedränge im Mittelfeld, nachdem mit dem "Brasi-Juwel" Allan von Liverpool noch einer dazu kam. Bleibt resümierend die Frage, ob Cigercis Abgang für den Club ein Verlust ist, oder ob wir es, in der Sprache der Boulevardmedien, bei ihm mit "Turko-Tand" zu tun hatten?

Ich meine: es ist ein Verlust, und und zwar ein großer. Wir werden nie erfahren, was genau zwischen dem Spieler und den Betreuern Sache war. Allerdings war es doch ein deutliches Zeichen, als letzte Woche im Heimspiel gegen Brondby die konservative Mittelfeldformation auflief: Lustenberger neben Skjelbred. Hertha musste ja vorlegen, das gelang auch, allerdings trugen die beiden Zerstörer in der Zentrale wie gewohnt wenig dazu bei. Cigerci wurde nicht einmal eingewechselt. Damit war im Grunde das Urteil über die fünf Wochen seit der Ansage, dass Cigerci und Hertha es noch einmal miteinander versuchen wollten, schon gesprochen.

Warum konnte sich ein Mann, der als eine der größten Begabungen seines Jahrgangs in Deutschland galt, bei Hertha nicht durchsetzen? Verletzungen spielten eine große Rolle, abe auch der Umstand, dass er es mit einem bestimmten Typ von Trainerpädagogen zu tun hatte: Wenn ich mich nicht irre, werden wir in dieser Saison einen Pal Dardai erleben, der uns nicht wenig an Jos Luhukay erinnern könnte.

Cigerci hatte seinen entscheidenden Moment in der letzten Rückrunde im März: Beim 2:0-Heimsieg gegen Schalke war er der dominierende und imponierende Spieler, darauf folgte der nicht mehr so überzeugende Heimsieg gegen Ingolstadt, und beim desaströsen 0:5 in Gladbach musste er schon zur Pause raus. Er war ein Opfer des exzellenten Pressings von Gladbach geworden, fand nie die Ruhe und den Rhythmus, um ein konstruktives zentrales Aufbauspiel zu gestalten. Genau das ist es aber, was er hätte einbringen müssen.

Dass ich ihn vermissen werde, hat mit dem Umstand zu tun, dass er zu den wenigen Spielern bei Hertha gehört, die ein Spiel prägen können, die maßgebliche und nicht nur beitragende Dinge tun können. Ibisevic hat so was drauf, allerdings als Stürmer, Kalou natürlich, und auch Weiser. Duda soll wohl so einer sein. Cigerci ist vom Ansatz her ein Traumfußballer, weil er einen großen Aktionsradius mit einem im Detail brillanten Gefühl für Räume verbindet.

Seine Schwächen liegen wohl im mentalen Bereich (Konzentration, Spielökonomie, Geduld), was man aber auch verstehen kann bei einem Spieler, der so selten kontinuierlichere Gelegenheit bekam, sich zu zeigen. Ich kann es nicht belegen, weil ich ja keine Interna kenne, aber ich meine, die Betreuer hätten mit Cigerci nicht ideal gearbeitet. Den Misstrauensantrag, unter dem er 2016 nach Gladbach weiterspielte, haben sie nie zurückgezogen, während schwache Stammspieler absolute Rückendeckung hatten.

Hertha hat aktuell einen zu großen Kader, die Betreuer aber vertrauen nur einer sehr kleinen Gruppe. Cigerci wurde ein Opfer dieses Favoritismus. Im Rückspiel gegen Brondby soll nun Thomas Kraft spielen, der nicht mehr Favorit auf die Nummer eins im Tor ist. Das ist jetzt nur eine Kleinigkeit, aber auch sie deutet darauf hin, dass das in der neuen Saison ein zentrales Thema werden wird: Wie moderieren die Betreuer die Unwucht im Kader? Wie schaffen sie es, dass Spieler sich entwickeln können? Heute werden wir schon wieder weitere Antworten bekommen, und das auch schon unter Wettbewerbsbedingungen: Hertha spielt um die nächste Runde in Europa.




Eingestellt von marxelinho am 4. August 2016.
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