27. Juli 2014

Chernomorets


Gestern vor einer Woche stand ich in Odessa in der Mittagshitze vor diesem Plakat, das die erste Begegnung des lokalen Clubs Chernomorets in der neuen Saison ankündigte. Inzwischen ist dieses Spiel absolviert, es gab einen 4:0-Sieg der Heimmannschaft, der erste Tabellenführer der UPL ist also die Mannschaft aus Odessa. Sofern nicht heute Lugansk noch etwas Ungewöhnliches macht, die ihr Heimspiel allerdings in Saporischja austragen müssen, dessen Team wiederum gegen Schachtjor Donetsk in Lemberg spielt. Ein Durcheinander herrscht in dieser Liga, das ich mit meinen ganz und gar nicht vereinheitlichten Schreibungen unfreiwillig auch noch abbilde.

Die Ukraine tauchte dann vergangene Woche ja noch einmal in meinem Fußballfanleben auf, beim Spiel der deutschen U19 nämlich in Ungarn. Es ging mir sehr zu Herzen, wie die jungen Blaugelben vom ukrainischen U19-Nationalteam die Hymne von den Kosaken sangen, ein Lied für ein Land, das es so schwer hat wie kaum ein anderes in Europa. Gegen die starke deutsche Mannschaft hatte die Ukraine dann keine Chance. Selten habe ich ein Spiel mit so trockener Dominanz gesehen wie diese Begegnung, die auf Eurosport lief.

Ich habe natürlich wegen Hany Mukhtar zugeschaut, dem Herthaner in diesem Team. Und es war sehr spannend, ihm zuzuschauen, gerade weil er nicht sehr auffällig spielte. Ein paar Tage davor war er beim 2:2 gegen Serbien durch die Mitte und später über rechts gekommen, dieses Mal spielte er zumeist auf dem linken Flügel. Er wird also ziemlich hin und her geschoben, scheint aber doch auf eine sehr unverbrüchliche Weise zum Stamm dieser von Marcus Sorg betreuten Elf zu gehören.

Während ich ihm so zuschaute, wurde mir immer klarer, dass der Stress beim "decision making" für einen Spieler in seinem Alter nicht zuletzt darin liegt, dass er immer auch abwägen muss, wie sehr er das Heft an sich reißt. Für einen 19-Jährigen gibt es nicht so viele Gelegenheiten, sich auf diesem internationalen Niveau zu zeigen. Und in einem Spiel gibt es nicht endlos viele Möglichkeiten, einzugreifen, zumal in einer Mannschaft, die mit Talenten so gesegnet ist wie diese U19.

Gegen Serbien hatte ich noch den Eindruck gehabt, dass Mukhtar ein wenig zu verhalten gespielt hatte. Erst gegen die Ukraine wurde mir klar, dass sein Wert für die Mannschaft sehr stark auch darin liegt, ballsicher und verlässlich anspielbar zu sein, ohne jedes Mal gleich den extravaganten Doppelpass zu probieren, mit dem er zwar berühmt werden kann, bei dem aber auch die gegnerische Balleroberung zu gewärtigen ist.

Mukhtar spielte gegen die Ukraine deutlich ökonomischer, er konnte nur andeuten, dass er den Rhythmus auch bestimmen kann. Dieses Mal ordnete er sich dem Rhythmus unter.

Wie mag sich ihm die Situation bei Hertha darstellen? Ein Wechsel nach Leipzig ist ja hoffentlich definitiv vom Tisch, gleichzeitig kann ihm nicht entgangen sein, dass er in Berlin Teil eines fast schon ein wenig aufgeblähten Kaders sein wird. Offensiv gibt es sehr viele Optionen zwischen Spielern, zwischen denen sich die Hierarchien erst herausbilden müssen. Kommt Mukhtar noch vor Ronny, hinter Baumjohann? Das wäre eine optimistische Variante, für die Hany Mukhtar in Ungarn noch keine entscheidenden, aber viele diskrete Argumente geliefert hat.

Und im Halbfinale gegen Österreich am Montag sollte er ja noch einmal Gelegenheit haben, die richtige Mischung zwischen Wagemut und System zu finden.


Eingestellt von marxelinho am 27. Juli 2014.
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