14. Mai 2016

Cup der besseren Hoffnung

Auf der Zielgerade einer erfolgreichen Saison ist Pal Dardai nicht nur das Momentum ein wenig entglitten, er war auch rhetorisch nicht mehr ganz so souverän wie meistens davor. "In Mainz will ich nur noch Aggressivität sehen, keinen Fußball", hat er während der Woche erklärt, inzwischen hat er schon ein bisschen abgeschwächt und verlangt vor dem Auswärtsspiel gegen einen direkten Konkurrenten um die direkte Teilnahme an der Europa League nur noch "gesunde Aggressivität". Und die vollends unglückliche Rede vom Töten ("wir töten nicht") ist wohl auch wieder aus dem Verkehr gezogen. Im Fußball muss niemand töten, nicht einmal ein Spiel, auch wenn es im Englischen diese Redensart gibt: "to kill a game". Sie ist auch dort unangebracht.

Die Rede von der Aggressivität führt auf eine falsche Spur. Denn im Herbst gelang es Hertha noch, aggressive Gegner auszuspielen. Und damit ist auch schon der Schlüssel benannt: nicht nur kämpferische Defizite sind bei Hertha festzustellen, sondern in erster Linie spielerische. Die Bemühungen um einen Spielaufbau waren zuletzt von großen Ungenauigkeiten und von Zerstreutheiten geprägt, man kam nicht mehr ins Spiel, schon gar nicht am Gegner vorbei, jedenfalls nicht häufig genug. Die Gründe dafür sind vielfältig, mit der Diagnose einer gröberen Erschöpfung liegt man aber wohl nicht verkehrt.

In Mainz geht es ganz wesentlich auch um den Terminplan für den Sommer, um die Länge des Urlaubs, um die Frage, wie die Vorbereitung verlaufen wird. Um diese Angelegenheiten besser zu verstehen, lohnt ein Rückblick auf vergleichbare Jahre. 2006 verlor Hertha in der letzten Runde gegen Nürnberg, hätte allerdings auch mit einem Sieg den 5. Platz nicht mehr erreicht - damals hatte die Liga noch keine vier CL-Plätze. Im Sommer gab es dann zwei Runde im sogenannten UI-Cup, gegen Ameri Tiflis ging es noch weiter, gegen Odense BK schied Hertha dann aus.

Man nannte diesen Bewerb damals den Cup der guten Hoffnung. Im Vergleich dazu ist die Euro League der Cup der besseren Hoffnung, sich irgendwann in der CL zu etablieren.

(Ich sehe das alles übrigens auch immer unter dem Aspekt möglicher Fußballreisen. Nach Tiflis zum Beispiel wäre ich sehr gern mitgefahren, das erscheint mir als eine attraktive Begegnung.)

Am ehesten vergleichbar mit der diesjährigen Saison wäre vielleicht 2005, als Hertha mit dem berüchtigten torlosen Remis im letzten Heimspiel gegen Hannover die CL verpasste und dann in die graueste aller Europacupsaisonen ging. Ich erinnere mich an bitterkalte Abende in einem fast leeren Oly, zum Beispiel ein 0:0 gegen den RC Lens Ende November 2005.

Auf das letzte Spiel im Sommer 2009 muss ich nicht groß verweisen, es stellt einen der großen Brüche in der Hertha-Chronik dar: 0:4 in Karlsruhe, unrühmliches Ende einer tollen Saison, in der Spielzeit darauf spielte Hertha noch nach der Winterpause europäisch, und zugleich vergeblich und dramatisch gegen den Abstieg.

Im Vergleich dazu wirken die Umstände derzeit eher postdramatisch. Ich würde auch kein Muster sehen. Die Gründe für den Einbruch 2016 sind andere als 2014. Gegen Mainz geht es um Details: um eine etwas bessere Position in der Rückrundentabelle, um das Vermeiden einer Vorrunde in Europa, um ein gutes Gefühl zum Ende der Saison. Hertha wird sich in vielerlei Hinsicht neu aufstellen müssen, denn der Kader erwies sich letztlich als zu klein - qualitativ, nicht numerisch.

Mit Mainz bekommt Hertha heute einen Gegner, der Aggressivität anders definiert als Darmstadt, das in Sandro Wagner eine letztlich unrühmliche Symbolfigur bekam, wobei ich das mit der gelb-roten Karte in Berlin nicht überdramatisieren würde. Mainz ist tatsächlich ein Beispiel für eine positive Aggressivität, und anders als in Berlin scheint es dort auch gelungen zu sein, die Energie besser über die Saison zu verteilen.

Die starken Worte von Pal Dardai treffen etwas an der Mentalität der Mannschaft, daran kann kein Zweifel bestehen. Und doch führen sie in die falsche Richtung: Die beste Waffe gegen Aggressivität (und wenn er davon spricht, meint er ja, dass sich die Mannschaft aggressiv gegen aggressive Gegner zu Wehr setzen können muss) ist nämlich immer noch kluges Spiel. Daran vor allem hat es Hertha die ganze Rückrunde gemangelt. Dass Gladbach mit einem Spieler wie Dahoud letztlich den Platz eingenommen hat, auf den Hertha bis zuletzt noch aspirieren konnte, sollte wichtiger genommen werden, als dass dort mit Xhaka auch ein richtiger Abräumer tätig ist, der allerdings Pässe drauf hat, die wir bei Hertha niemals zu sehen bekommen.

Ich hoffe also, dass Hertha heute noch einmal ein gutes Spiel macht. Dann kann die Analyse beginnen. Ich werde den Eindruck nicht los, dass Pal Dardai selbst von den Ereignissen der letzten Woche auch ein bisschen strapaziert wurde. Er kann auch eine Pause gebrauchen. Und dann wird es im Sommer vor allem darauf ankommen, dass das gesamte Team (der gestärkte Manager, der diskrete Co, die beiden Fitnessleute, die Scouts unter Sven Kretschmer und Torsten Wohlert) dem zu Recht beliebten Trainer die richtige Balance zurückgibt.

Im Übrigen fände ich es interessant, irgendwo ein ausführliche Interview mit den beiden Hen(d)riks zu lesen: Kuchno und Vieth. Der Umstand, dass bei Hertha auch noch in der Rückrunde die kostbare Trainingszeit für Laufeinheiten genützt wurde, erscheint einem Laien wie mir erklärungsbedürftig.


Eingestellt von marxelinho am 14. Mai 2016.
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