12. Februar 2016

Das Faktische ist immer das Folgerichtige

Inzwischen stecken wir tief in einer Phase der Saison, in der sich überall Konstellationen und Bedeutungen auftun. Nehmen wir die Viertelfinali im DFB-Pokal. Viermal hat sich die Auswärtsmannschaft durchgesetzt, alle haben dabei drei Tore erzielt. Hertha musste dabei die meisten Gegentreffer hinnehmen, und das bei einem Zweitligisten in Heidenheim. Würde man also eine Tabelle der Halbfinalisten erstellen, wäre Hertha auf dem vierten Platz. Das entspricht der Außenseiterrolle, die sich natürlich im Finale besonders gut einnehmen ließe.

Davor geht es im Halbfinale gegen den BVB, neuerlich im Olympiastadion, auf dem "Der Rasen ist immer so schlecht wie das Ergebnis"-Thomas-Tuchel-Widmungsgrün. Da könnte man eine andere Rechnung aufmachen: Hertha wird in dieser Saison dreimal gegen Borussia Dortmund spielen, das erste Spiel ging, bei ansprechender Leistung, verdient verloren, im zweiten Spiel gab es bei leichten Chancenvorteilen ein plausibles, torloses Remis. Was leitet der Fußball-Eu- und Algorithmiker daraus ab? Das dritte Spiel müsste folgerichtig an Hertha gehen. Allerdings ist Fußball ja eine Großveranstaltung, bei der unterschiedliche Folgerichtigkeiten konkurrieren, es kann also nicht ausgeschlossen werden, dass der "logische" Favorit Borussia Dortmund sich durchsetzt.

Aber allein der Spaß, sich diese Gedanken machen zu können! Es sagt etwas über diese besondere Saison aus, dass Pal Dardai mit einer bemerkenswerten Intuition früh das Pokalfinale als ein plausibles (Traum-)Ziel benannt hat, dass er den Optimismus verbreiten konnte, Hertha könnte auch diesen Teil des Images neu definieren. Eine glückliche Auslosung hat ein bisschen dazu beigetragen, wobei man auch in Heidenheim wieder bemerkt hat, dass das Los, gegen einen Zweitligisten spielen zu müssen, immer nur mit Einschränkungen als glücklich oder gar als "Geschenk" zu verbuchen ist.

Nach allgemeiner Ansicht hat Hertha die Sache souverän gelöst. So sah es auch für mich aus. Das frühe Gegentor war höchst merkwürdig, das sieht man ja kaum einmal, dass bei einem Eckball niemand auf der Linie steht, selbst Jarstein einen Meter davor - in so einer Konstellation sind bei einem flach hereinkommenden Ball immer die Stürmer im Vorteil, sie müssen ja nur "spitzeln", der Keeper sah naturgemäß blöd aus.

Danach kontrollierte Hertha das Spiel ja nach Phase mal aktiver, mal abwartender. Die Tore fielen alle nach Aktionen über die Flügel, ein Indiz für die spezielle Balance, die das Spiel mit dem "fox in the box" Vedad Ibisevic bekommen kann, wenn Hertha dominieren muss. Darida und Weiser trugen mit Hereingaben zum Umschwung bei, Haraguchi entsann sich seines Highlight-Videos, das schon lange nicht mehr upgedated werden musste - nun hat er ein weiteres Goal, das man sich weltweit auf der Youtube anschauen kann. Der Elfmeter, den Michell Weiser verursachte, erwies sich als nur noch kosmetisch.

Nun muss Hertha am Samstag nach Stuttgart, wo - schon wieder eine Konstellation - am Dienstag auf tiefem, aber aufgrund des guten Ergebnisses dann doch nicht zu beanstandendem Rasen die Mannschaft von Thomas Tuchel gewonnen hat. Mit einer Taktik, die allgemein als klug beschrieben wurde: Aubameyang nicht zentral, sondern über rechts, dafür Reus vorne. Vor allem aber mit Mkhitaryan und Gündogan auf einer Linie vor dem Sechser Ginter.

Hertha spielt schon die ganze Saison mit einer interessanten Kombination aus 4-4-2 und 4-3-3, die in etwa auf den Effekt hinausläuft, den Tuchel gegen die offensiv starken Stuttgarter erzielen wollte: Größere defensive Stabilität bei erhöhtem Umschaltpotential. Heidenheim war ein Gegner, bei dem Hertha das Dominanzspiel über lange Strecke fast schon in aller Ruhe probieren konnte: Lange Wege des Balls, auch immer wieder bis nach hinten zu Jarstein, dafür aber eben auch hohe Außendecker. Dieses Ausruhen bei Ballbesitz, das Jarstein durch intensive Spielteilnahme ermöglicht, könnte zunehmend ein Faktor werden.

Denn Pal Dardai hat sich inzwischen ja mehr oder weniger auf eine Mannschaft festgelegt, die er nur punktuell verändert, wenn es gar nicht anders geht. Das hat derzeit eindeutig Vorteile, birgt aber für die Monate März bis Mai auch Gefahren. In den ersten drei Spiele hat man ja beispielsweise schon gesehen, dass Ibisevic durchaus auch Probleme haben kann, sich einzubringen. Viel wird von der Physis von Darida abhängen, der ja unantastbar wirkt, dessen Pensum aber so ungeheuer ist, dass man leicht nervös werden könnte. Umgekehrt spielen Cigerci oder Stocker derzeit praktisch keine Rolle, was auch schade ist.

Mit einem ungefährdeten Sieg im Pokal in Bielefeld begann dieses Saison. Damals war daraus noch nicht so viel abzulesen, zumal dann mit dem Hängen&Würgen-Dreier in Augsburg ein Spiel folgte, das ganz anders aussah. Beide Spiele machten Wirkung, interessanterweise wurde aber die Souveränität des allerersten Pflichtspiels eher stilbildend für das Hertha-Spiel 2015/16. Mit der Vorfreude auf das Halbfinale im Pokal können wir nun in die nächsten Ligaspiele gehen: beim VfB und gegen das Autohaus kann Hertha zeigen, ob die Mitgliedschaft im Spitzenquartett vielleicht mehr sein soll als nur eine schöne Momentaufnahme.


Eingestellt von marxelinho am 12. Februar 2016.
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