29. August 2016

Das Kampfgewicht ist immer subjektiv

Irgendwas ist da los drüben in Richtung Marathontor, was die Hertha-Verantwortlichen angespannt hinüberschauen lässt. Ach ja, eine Standardsituation für den SC Freiburg. In der Nachspielzeit. Ein Eckball, der dann auch tatsächlich die große Ernücherung bringt: Ausgleich durch Höfler. Ein Heimsieg, der sich als Inbegriff des Minimalismus immer noch mit dem Hinweis auf die extremen Temperaturen hätte rechtfertigen lassen, war damit in der 93. Minute vertan.

Es folgten dann allerdings noch zwei Minuten, die zu einem ganz anderen Heimsieg führten: einem inspirierenden, belebenden, man könnte fast schon sagen, einem kathartischen - aber dazu ist es in der ersten Runde einer langen Saison noch zu früh. Andererseits: wann, wenn nicht im ersten Spiel, wäre der beste Zeitpunkt für eine Injektion von Intensität?

Julian Schieber hat Hertha diese Injektion verabreicht. Davor hatte alles danach ausgesehen, als würde ein Treffer von Darida reichen, um die harmlosen Aufsteiger aus Freiburg mit null Punkten auf die Heimreise zu schicken. Der Coach wirkte so, als dächte er schon nur mehr darüber nach, wie er die drei möglichen Auswechslungen so gut wie möglich über die letzten 15 Minuten verteilen konnte. Hertha hatte die Sache im Griff, nur nicht bei diesem Eckball.

Danach waren noch zwei Minuten zu spielen, von denen es ungefähr 70 Sekunden lang nicht aussah, als könnte noch was passieren. Es war schließlich Haraguchi (Mann der Spiels beim Kicker), von dem der entscheidende Impuls ausging. Er ging in ein eigentlich sinnloses, zentrales Dribbling, blieb selbstverständlich im Gewühl stecken, allerdings konnte Freiburg den Ball nicht richtig klären, worauf Hegeler es mit Trick 17 versuchte (noch sinnloser, weil noch größeres Gewühl), wodurch der Ball aber in den Strafraum kam. Schieber sah dann am äußersten Rand des Gewühls eine Lücke, die sich auch erst in einem zweiten Versuch öffnete, und die durch ein Bein eines Freiburgers zusätzlich betont wurde. Man muss wohl Stürmer sein, um solche Lücken zu sehen. Es war ein Moment, der auch mich vom Sitz riss.

Solche Momente sind rar geworden in Berlin. Es tut gut, eine Saison so zu eröffnen. Pal Dardai sprach hinterher von Schiebers Gewicht (das Thema Speck beschäftigt ihn irgendwie kontinuierlich), wichtig war auf jeden Fall, dass er ihn brachte (für Ibisevic, der nicht viel mit dem Spiel zu tun hatte, aber den Treffer durch Darida mit vorbereitete). Eine konservative Hertha-Elf (mit der Achse Lustenberger-Skjelbred) hatte eine Halbzeit lang Sommerfußball gezeigt, in der zweiten Halbzeit dann die Bemühungen verstärkt, allerdings eben sehr, sehr dosiert.

Die Einwechslungen (zuerst das Debüt von Esswein, dann Schieber, und dann auch noch Hegeler) waren immerhin nominell offensiv, und brachten schließlich tatsächlich die Entscheidung. Da kann man auch von Fortune sprechen, wichtiger aber ist, dass Dardai nun Gründe hat, Schieber wieder mehr zu vertrauen. Denn der Vedator ist wichtig, braucht aber Konkurrenz und Entlastung gleichermaßen.

Kalou blieb auf der Bank, das war auch schon einmal ein Hinweis darauf, dass jetzt die Baumaßnahmen an der ersten Elf erst begonnen haben. Insgesamt war das Spiel ein Indiz dafür, dass Hertha sich auf den Status einer "etablierten" Mannschaft einlassen kann. Freiburg machte keinerlei Anstalten, das Spiel zu übernehmen, also spielte eben Hertha. Geduldig, gemächlich, aber eben doch wie eine Heimmannschaft, die weiß, was ihre Aufgabe ist. Das ist für den Start nicht wenig, das späte Tor aber ließ ganz andere Dimensionen aufblitzen: ein bisschen was von dem Glanz (und dem Irrsinn), den der Fußball in dieser hochprofessionalisierten Liga manchmal vermissen lässt.



Eingestellt von marxelinho am 29. August 2016.
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