06. April 2017

Das letzteste Aufgebot

Sieben Spieltage vor der Entscheidung beginnen sich die Verhältnisse zu klären. Hertha hat, zumal nach dem gestrigen 0:1 in Mönchengladbach, vor allem aber auch nach der Heimniederlage gegen Hoffenheim, mit den Champions-League-Plätzen nichts zu tun. Um die Plätze 5 und 6 aber, die in der Winterpause als Saisonziel ausgegegeben wurden, spielen jetzt im Grunde alle Teams bis Platz 12 noch mit. Hertha führt hinter Köln den Pulk an, könnte aber, wenn es dumm läuft, noch ordentlich durchgereicht werden.

Das hat mit vielen Faktoren zu tun. Gegen Gladbach saßen auf der Ersatzbank neben Kraft und Allagui nur Bubis, allerdings keiner von der Sorte eines Benes, der mit dem einzigen Tor den Unterschied ausmachte. Es war das zweite entscheidende Weitschusstor innerhalb weniger Tage, das Hertha zuließ. Neben Stocker war es vor allem Darida, der es in dieser Situation an Konsequenz fehlen ließ.

Das erscheint mir insgesamt als das Hauptproblem: Der Auftritt im Borussiapark war gar nicht schlecht, aber in allen entscheidenden Belangen ungenügend. Die Mannschaft, die auf dem Platz stand, war gerade noch konkurrenzfähig. Brooks verletzt, Ibisevic gesperrt, dazu die schon länger Absenten - und das bei einem Kader, der dieses Jahr jedenfalls nicht auf einen "Einkäufer des Jahres" hindeutet, ergibt eine Notelf, bei der man dann mit Achtungserfolgen auch schon zufrieden sein könnte.

Stocker zum Beispiel hatte einige gute Ansätze, erinnern aber wird man sich an seine Passivität gegen Benes. Kalou übernahm Verantwortung, hatte aber in Torunarigha einen Partner, mit dem er wenig Übereinstimmung fand. Der Ersatz für den Plattenhardt-Ersatz Mittelstädt hatte defensiv genug zu tun. In der ersten Halbzeit hielt Hertha halbwegs mit, in der zweiten ging nicht mehr viel.

Die Probleme sind insgesamt so vielfältig, dass man schwer einen Ansatz findet. Mittelstädt und Ibisevic werden gegen Augsburg wieder dabei sein, vom Kapitän wird man aber auch im Herbst der Karriere durchaus noch erwarten, dass er mit seiner Impulsivität besser umgeht (gegen Hoffenheim wäre er bei einem weniger großzügigen Referee schon vor der Pause ausgeschlossen worden). Die Verletzungen sind mannigfach, trotzdem ist die Frage, ob das Konditionstraining bei Hertha optimal ist, immer virulent. Das hat auch mit dem Charakter des Trainers zu tun, der sicher neugierig auf Innovationen ist, in dem aber eben auch ein "Kampfschwein" (Peter Niemeyer) steckt.

Die Ambivalenz von Pal Dardai zeigt sich auch immer wieder bei der Spielanlage. Er will die Mannschaft sicher entwickeln, de facto hat Hertha aber in diesem Jahr nicht viel weiter gebracht, und Dardai ist sich zumindest rhetotisch nie zu schade, "dreckige" Siege und Irgendwiepunkte zu beschwören. Er sollte stärker darauf achten, dass die Mannschaft die gute Ausgangsposition für eine Kultivierung ihrer spielerischen Möglichkeiten nützt. Ansätze waren in Gladbach zu sehen, Hackentricks im Mittelfeld brauchen aber immer einen Kollegen, der mitdenkt.

Da hapert es aber oft. Hertha spielt zu wenig zusammen, verschafft sich als Mannschaft zu wenig Optionen, und lässt es beim Positionsspiel an Intuition und Initiative vermissen. Dazu kommen viele individuelle Konzentrationsprobleme, am deutlichsten bei dem Spieler, der einen als Fan eigentlich in den Wahnsinn treiben könnte mit seinen Halbheiten: Alexander Esswein, in dem irgendwo tief drinnen ein Genie steckt, das wir aber nie zu sehen bekommen werden. Er ist für mich der Ellery Cairo von 2017, um nur an eine von vielen Übergangslösungen bei Hertha auf dem Flügel zu erinnern.

Das Heimspiel gegen Augsburg wird eines der wichtigsten Spiele dieser Saison. Ich habe mir aber vorgenommen, für die letzten Spiele die Tabelle zu vergessen: Hertha muss erst einmal zeigen, dass die Mannschaft spielerisch etwas mit Europa zu tun haben könnte. Davon ist sie derzeit weit entfernt. Wenn sie diesbezüglich vor dem Sommer noch Andeutungen macht, dann können wir über Platz 6 reden. Eine "dreckige" Qualifikation schadet der Liga und dem Team gleichermaßen.

Herthaner des Spiels: Julius Kade, 17 Jahre, 48 Kilogramm, kam für Kalou in der 81. Minute


Eingestellt von marxelinho am 6. April 2017.
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