20. Oktober 2017

Das Pochen der Wahrheit

Oje, oje, oje, oje! Die Wochen der Wahrheit lassen sich für Hertha BSC gar nicht gut an. Nach der Heimniederlage gegen Schalke nun also eine Auswärtsniederlage gegen Zorja Luhansk in der Europa League. Damit bleiben nur noch drei Begegnungen, und schon jetzt ist klar, dass es allenfalls dann noch eine relativ eindeutige Wahrheit werden kann, wenn sie negativ ausfällt. Denn der Auftritt in Lemberg war bedenklich, am besten kommt man mit ihm vielleicht zurecht, indem man die Wochen der Wahrheit verlängert und das Retourspiel daheim in zwei Wochen gleich noch dazu zählt. Und zur Not auch noch das Auswärtsspiel in Wolfsburg am Sonntag darauf.

Man muss die Wahrheit bei Hertha derzeit möglichst strecken, um ihr nicht zu direkt ins Gesicht schauen zu müssen. Hilft aber nichts. Das Spiel gegen Luhansk war eine Blamage. Nebenbei hat Hertha, wie auch der FC Köln, der zweite "reluctant European" aus der Bundesliga, derselbigen schon wieder eine schlechten Dienst erwiesen. Und die Gruppe steht weiterhin auf dem Kopf, weil Bilbao in Östersund remisiert hat.

Gute Spieler und gute Mannschaften wachsen mit Herausforderungen. Das unterscheidet Hertha bisher noch ganz entscheidend von einer guten Mannschaft. Luhansk war ein unangenehmer Gegner, bot aber auch Angriffsflächen. Hertha bot schließlich die größeren. Das entscheidende Gegentor hatte eine Vorgeschichte in einer der zerstreutesten Defensivleistungen von Salomon Kalou. Jarstein konnte eine hochbrisante Situation zur Ecke klären, die Ecke wurde auch provisorisch geklärt, und dann lief Hertha in einen Konter, der mangels geistiger Teilnahme der Auswärtsmannschaft am Spiel ungestört ablaufen konnte, und auch den Vorteil hatte, dass er nur 25 Meter bis zur Grundlinie zu überbrücken hatte.

Fabian Lustenberger, der kurz davor schon einmal Karavaev in einen gähnend offenen Raum hatte laufen lassen, konnte gegen eine Hereingabe nichts ausrichten, bei der Karavaev dieses Mal der Absender war. Svatok fand den Dreh, dem vier Herthaner nicht einmal so richtig zuschauten. Sie waren geistig immer noch bei dem eben geklärten Corner und wunderten sich, warum das Spiel schon wieder auf sie zukam.

Drei Aspekte fielen mir insgesamt auf. Luhansk ist keine Klassemannschaft, man hatte aber in vielen Szenen den Eindruck, dass die Spieler individuell ausgebuffter waren als alle Herthaner. Es gab eine Menge Zweikämpfe, die schwierig zu bewerten waren. Hertha bot aber - nicht zuletzt vor dem Freistoß zum ersten Gegentor - immer genug an, damit jemand wie Lunyov Fouls ziehen konnte. Esswein hätte wohl einen Elfer bekommen müssen, Pekarik hätte aber auch einen verschuldet. In diesen Details hatte Luhansk ganz klar das bessere Ende. Das deutet auf eine Mischung aus mangelnder Frische, mangelnder Einstellung und auch technischem Ungeschick bei Hertha hin.

Die Mannschaft schien schwer damit zurechtzukommen, dass der agile Auftakt ohne Ergebnis blieb. Nach zehn Minuten hatte Luhansk den simplen Dreh heraus, mit dem fast alle Mannschaften es schaffen, Hertha auf die Außenbahnen hinauszupressen. Dort stagniert dann das Spiel. Ein ähnlich geordnetes Pressing spielt Hertha selbst interessanterweise nie.

Besonders genau haben viele Fans sicher der Arbeit im Mittelfeld zugeschaut. Dort war nämlich neben Lustenberger mit Arne Maier ein Nachwuchsspieler tätig, der zwar nicht fehlerfrei agierte, der aber doch mehr als nur Andeutungen machte. Nach einer Weile verließ er nämlich die flache Linie mit seinem Nebenmann, und begann eine Art Einfädler zu spielen. Da funktionierte beileibe nicht alles, aber es war doch eine deutlich modernere Interpretation dieser Rolle, als wir sie bei Hertha zuletzt gesehen haben. Maier spielte im Grunde das, wofür Darida zuletzt die Form fehlte. Ich fand ihn fast den besten Herthaner, in einer allerdings insgesamt schwachen Mannschaft.

Dass Hertha mit dieser Gruppe so extrem fremdelt, hat wohl nicht nur mit der mangelnden europäischen Erfahrung der meisten Spieler zu tun, sondern mit einer Rotation, die man eigentlich noch immer als eine erweiterte Saisonvorbereitung (bei nun aber schon eine Weile laufendem Spielbetrieb) sehen muss. Lazaro und Selke sind noch nicht integriert, und wenn dann rundum auch eher Unklarheit herrscht (Esswein ist sich ja traditionell selbst ein bisschen ein Rätsel, bei Weiser sieht es derzeit auch stark danach aus), kann ein interessantes Offensivspiel kaum stattfinden. Ohne Plattenhardts Hereingaben wäre Hertha vermutlich aktuell Abstiegskandidat.

Gegen Freiburg sollte Duda wieder spielen, und Selke für meine Begriffe in der Mannschaft bleiben. Vielleicht sogar Maier auch. Irgendwo über den Wolken zwischen Lemberg und Breisgau muss Hertha die Konzentration und die Mentalität finden, die in Europa derzeit fehlen. In zwei Wochen wird dann abgerechnet: Derzeit stehen die Zeichen auf Krisendiagnose, aber noch sind andere Wahrheiten drin.



Eingestellt von marxelinho am 20. Oktober 2017.
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