08. August 2015

Das Rad des Leidens

Pünktlich zum eigentlichen Wiederbeginn des professionellen Fußballs habe ich gestern Abend meine Rentrée aus Österreich in einem Schnellzug des ehemaligen Sponsors von Hertha BSC vollzogen. Heute sitze ich wieder normal am Schreibtisch (übrigens ein hervorragendes Gefühl), die zahlreich aufgelaufenen Angebote für Frauenviagra im Marxelinho-Account habe ich alle gelöscht, damit steht einem ersprießlichen ersten Wochenende mit mehreren Begegnungen in der Premier League und zum Abschluss mit einem DFB-Pokalklassiker auf der Bielefelder Alm nichts mehr im Weg.

Ich könnte jetzt ganz einfach sagen: ich fühle mich gut vorbereitet, aber bei Hertha habe ich so meine Zweifel. Das wäre aber zu schematisch. Um ehrlich zu sein, gehe ich in diese Saison mit einer Mischung aus Fatalismus und Distanz. Die Nachrichten aus den vergangenen beiden Monaten waren doch fast durchweg eher bedenklich. Was kann man als Fan also anderes tun, als sich zu wappnen, sich ein wenig unempfänglicher zu machen für den Krampf, der zu befürchten steht?

Ich sammle einmal ein bisschen die relevanten Sachverhalte des Sommers.

Pünktlich (allerdings: in fast allerletzter Minute) hat Hertha BSC auch offiziell einen neuen Trikotsponsor präsentiert. Dass dabei zwei Verletzte das Leibchen in die Kamera halten mussten, hat etwas unfreiwillig Komisches. Die genannten Summen sind in Ordnung, an einem Wettanbieter ist für meine Begriffe nichts Ehrenrühriges, es ist halt nur so, dass Hertha immer stärker eine Aura spekulativen Kapitals um sich erzeugt. Das ist nicht gerade das, worauf man eine gedeihliche "realwirtschaftliche" Entwicklung bauen möchte, aber für eine solche fehlen ja leider die Anzeichen.

Bei den Verstärkungen muss man davon ausgehen, dass noch nicht alle Personalien getätigt sind. Die Verpflichtung von Vladimir Darida ist sicher nicht verkehrt, ob er allerdings einen nennenwerten Qualitätsabstand zu einem bei Hertha schon gut vertretenen Spielertyp à la Skjelbred oder Lustenberger aufweist, werden wir erst sehen. Weiser ist zu Saisonbeginn verletzt, bei ihm gilt das gleiche: es spricht mehr dafür, dass er ein weiterer Beerens ist, als dass er der hiesige Douglas Costa wird.

Damit sind wir bei den ungeklärten Fragen. Hertha geht offensichtlich davon aus, dass mit Salomon Kalou ein ausreichend qualifizierter Stürmer vorhanden ist, um zumindest die Zeit bis zu der Rückkehr des stark verletzungsanfälligen Julian Schieber produktiv zu bestehen. Michael Preetz redet Kalou stark, der hingegen ist (zumindest in den digitalen Netzwerken) eigentlich immer woanders. Um es noch einmal deutlich zu sagen: Kalou war in der vergangenen Saison nahezu ein Totalausfall, und das lag zu 90 Prozent an ihm selbst. Er müsste sich also gründlich anders anstellen, wenn das besser werden sollte.

Die Nachrichten zu Tolga Cigerci sind rätselhaft, oder bewusst unklar, wenn es überhaupt welche gibt. Tatsache scheint zu sein, dass der vermutlich beste Fußballer im Kader von Hertha nicht matchfit ist, und dass niemand sagen kann oder will, ob er jemals wieder spielen wird. Bei Alexander Baumjohann ist die Sache ähnlich unklar. Kalou, Cigerci und Baumjohann sind sowohl von der individuellen Qualität wie auch von den Planstellen her zentrale (Fehl-)Faktoren für das Spiel von Hertha, in allen drei Fällen sind personelle Rückversicherungen unterblieben, wenn man nicht die Promotion von Jens Hegeler zu einem "Spielmacher" als eine solche werten möchte.

Nico Schulz will offensichtlich nur noch ein Jahr bei Hertha bleiben, er spekuliert auf Handgeld und einen neuen Verein, vermutlich haben seine Agenten längst die Kontakte. Ich kann es ihm nicht verdenken. Er ist ein nach wie vor entwicklungsfähiger, junger Profi, der das Zeug für eine passable Bundesligakarriere hat. Offensichtlich ist er der Meinung, dass Hertha dafür nicht die richtige Adresse ist. Sollte er bis Ende August nicht verkauft werden können, wäre ich in diesem Fall für die klassische scheidungsvorbereitende Lösung: Trennung von Tisch und Bett, ein Jahr bei der U23. Unersetzlich ist er ja keineswegs, aber er ist halt ein Berliner Talent. Eine Vertragsverlängerung mit John Brooks ist trotzdem deutlich wichtiger.

Von allen Erstligisten 2015/16 zählt Hertha BSC eindeutig zu den drei Vereinen, bei denen zu diesem Zeitpunkt die größten Unklarheiten herrschen. Das heißt nicht, dass am Ende ein Tabellenrang zwischen 16 und 18 stehen muss. Aber es gibt jedenfalls momentan wenige Anhaltspunkte für begründeten Optimismus. Es reicht nur für den gleichsam natürlichen Optimismus, der sich einfach einstellt, wenn etwas (wieder) anfängt.

Ich habe hier schon einmal geschrieben, was kaum zu bestreiten ist: Dies ist die Saison der Wahrheit für Michael Preetz. Wenn nicht eindeutige Fortschritte gelingen, muss er danach sein Amt zur Verfügung stellen. Die Ergebnisse von Juni und Juli stimmen jedenfalls schon einmal sehr skeptisch.


Eingestellt von marxelinho am 8. August 2015.
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