27. August 2017

Das schärfere Auge ist immer das geistige

Der Samstag gestern hätte eigentlich nur noch in einer Hinsicht besser sein können: wenn die erste Mannschaft von Hertha auch ein Heimspiel gehabt hätte, dann hätte ich den ganzen Nachmittag mit Live-Fußball zubringen können. Denn am Nachmittag war ich schon im Stadion Lichterfelde. Über die deutliche Niederlage der U 23, vor allem aber über das unvermutete Wiedersehen mit Abou-Bakarr Kargbo schreibe ich nach dem Wochenende noch was auf. Danach wäre es natürlich besser gewesen, ins Oly zu fahren als nach Hause.

Aber auch in der Fernsehübertragung war das Spiel gegen den BVB höchst interessant und aufschlussreich. An der Niederlage gab es nichts zu rütteln, aber "mäßig" (wie die SZ schreibt) fand ich Hertha eigentlich nicht. Dortmund spielt unter Bosz einen beeindruckenden Fußball. In der ersten Halbzeit hat - neben Sahin - vor allem der sehr junge Linksverteidiger Zagadou einen Unterschied ausgemacht. Er hat im Grunde im Alleingang eine Seite von Hertha lahmgelegt, und auch noch das Führungstor vorbereitet.

Bei Hertha konnte man die leichte Anpassung der Formation erwarten, die darin bestand, dass Stark neben Skjelbred auflief, und Darida eine Position nach vorn rückte. Ein kleines Detail am Rande darf man in der Tatsache sehen, dass Stocker im Kader war, und nicht Duda - das deutet darauf hin, dass die Betreuer aktive Kaderpflege betreiben, und niemand auf das Abstellgleis schieben.

Von Darida hing gestern viel ab, an ihm lag es schließlich auch, dass es mit der Entlastung nicht so richtig klappte. Hertha brachte nicht viel mehr zuwege, als das Spiel doch über weite Strecken ganz gut zu entschärfen - das bringt aber natürlich nichts, wenn der Gegner dann doch zweimal zuschlagen kann. Es war eigentlich von Beginn an ein Spiel, das man mit einem geistigen Auge zu betrachten hatte: mit einem Auge, das in den aktuellen Bewegungen schon denkbare künftige erkennen wollte.

Da fiel vor allem auf, dass in Ansätzen doch deutlich Spielzüge erkennbar sind, die gegen gleichwertigere Gegner (der BVB sieht zumindest in der frühen Phase der Saison durchaus nach Titelkandidatur aus) interessanter werden könnten. Die neuralgische Zone bleibt, trotz der Verpflichtung von Leckie, das Flügelspiel - da musste man wirklich schon großzügig und mit der Fanlupe hinschauen, um auch da Ansätze zu erkennen. Zudem war der nach rechts beorderte Kalou nach einer Weile mehr oder weniger auf die Aufgabe reduziert, Zagadou mannzudecken.

Nach einer Stunde mussten die beiden Talismänner vom Platz. Das war doch ein deutliches Eingeständnis, dass mit Ibisevic und Kalou - vor allem gegen Topgegner - nur noch in Altersteilzeit zu rechnen ist. Ich verstehe das Kalkül, das sich mit Esswein im Sturmzentrum bei einem hoch stehenden Gegner verbindet, meine aber, dass der Spieler nicht wirklich das Zeug hat, es einzulösen. Die Betreuer setzten mit ihrer Einwechslung einseitig auf Geschwindigkeit, aber weder Haraguchi noch Esswein haben die Ruhe am Ball, aus der erst eine Beschleunigung der ganzen Mannschaft erwachsen kann. Wenn Stocker schon im Kader war, wäre das gestern eventuell eine Gelegenheit für ihn gewesen.

Der BVB hat wohl in diesem Sommer einen größeren Schritt gemacht als Hertha. Das macht aber nichts, denn wir brauchen Dortmund, wenn wir auf die gesamte Liga schauen. Und Hertha geht ohnehin einen eigenen Weg, und der muß sicher darin liegen, in diesem Jahr eher gegen die benachbarten Teams zu bestehen (also fast alle), als gegen die Top Zwei. Im Vorjahr sah Hertha gegen Bayern daheim und den BVB nicht schlecht aus, oft aber gegen die direkte Konkurrenz.

Das geistige Auge sah natürlich auch künftige Konstellationen, in denen Darida wieder auf der Acht (neben Stark) besser aufgehoben wäre, weil ein bisschen weiter vorn Selke oder Lazaro (oder doch irgendwann Duda) für eine konzentriertere Ballverteilung vor dem letzten Drittel sorgen könnte. Der Kader gibt auf jeden Fall etwas her, und man sieht, dass im Sommer gearbeitet wurde. Man sieht auch, dass die Mannschaft insgesamt sehr gut integriert wirkt - also alle Positionen ansprechend besetzt sind, während allerdings andererseits auch kaum jemand durch Brillanz herausragt.

Der Saisonauftakt passt soweit, in zwei Wochen beginnt Hertha nicht ganz bei null (Tordifferenz) von vorn.


Eingestellt von marxelinho am 27. August 2017.
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