03. November 2017

Das Schattenkabinett tritt aus dem Schatten

Es war eine interessante Mischung aus Trotz und Kühnheit, mit der Pal Dardai das UEFA Europa League Heimspiel gegen FC Zorya Luhansk anging. Bei der Pressekonferenz vor dem Spiel gab er sich schlecht gelaunt, und man konnte fast schon den Eindruck bekommen, dass ihm an diesem Bewerb nicht mehr viel gelegen ist ("bald wird weniger Spiele geben", das klang nicht nach unbedingtem Willen, im Frühjahr noch im Bewerb zu sein).

Der relativ sichere 2:0-Sieg am Donnerstagabend war dann aber auch Ausweis eines sehr gescheiten Personalmanagements: Mit Torunarigha und Mittelstädt in der Viererkette, mit Maier als Skjelbred, und mit Selke als Goalgetter war das eine Formation, die nicht so sehr nach Rotation aussah, sondern nach einer Mischung aus Schattenkabinett und Dreijahresplan.

Ich sah das Spiel aus einer für mich ungewohnten Perspektive, weil ich eine Karte in der Ostkurve bekommen hatte. Es war ein großartiges Erlebnis, nicht nur wegen der Stimmung, sondern auch wegen der Perspektive: die Breite des Felds, und ein Spiel, das ständig auf dich zukommt - jedenfalls, wenn Hertha so offensiv spielt, wie es am Donnerstag war. In der zwoten Halbzeit kam dann auch das Spiel von Luhansk das eine oder andere Mal auf uns zu, vor dem zweiten Treffer hatte es auch eine seriöse Ausgleichschance gegeben.

Man konnte die Aufstellung so ein bisschen wie einen aktuellen Themenzettel bei Hertha lesen: das Comeback von Mittelstädt machte bewusst, dass auch Plattenhardt einen "understudy" braucht. Stocker im defensiven Mittelfeld schloss an eine Idee aus dem Sommer an, die vielleicht zu schnell zu den Akten gelegt worden war. Die Kombination Maier-Stocker-Duda erwies sich als variabler als das in der Liga meist deutlich konservativere Mittelfeldspiel. Selke ist immer noch auf dem Weg in die Stammformation, es ist aber offensichtlich ein guter Weg. Kalou, dem das Tempo schon fehlt für die wirklich entscheidenden Momente, ist ein Topmentor für so eine Mannschaft.

Eine kleine Extrabemerkung zu Jordan Torunarigha: Mit seiner Stilistik hat er das Zeug zu einem absoluten Kultspieler. Er bewegt sich ein bisschen so, als würde er sich über sein virtuelles Double lustig machen (ich spiele nie digital Fußball, aber ich nehme an, es gibt ihn dort schon). Auf ihn können wir auf jeden Fall sehr gespannt sein.

Mit diesem Sieg hat Hertha (oder Gertha, wie viele Fans von Luhansk sagen würde, die auch Gitler sagen, wenn sie Hitler meinen, und Lugansk, wenn sie sagen, dass sie aus Luhansk kommen) in der Gruppe noch Chancen. Es würde wohl einen Sieg in Bilbao brauchen, damit das abschließende Heimspiel gegen Östersund noch spannend sein kann. Aber da kann Hertha sich ein Vorbild bei dem gestrigen Gegner nehmen: Luhansk hat in Bilbao gewonnen, in Berlin gab es eine verdiente Niederlage. Ergibt nach Adam Riese, dass Hertha in Bilbao klarer Favorit ist.

Auch wenn der Fußball natürlich solche Logik ständig ad absurdum führt, hat der Abend mit dem 20000 Superfans im Oly gezeigt, dass der Bewerb es wert ist, dass man um ihn kämpft. Pal Dardai sieht die Europa League offensichtlich eher als eine Art Praktikum, aber gerade deswegen ist sie so wertvoll. Nach ein paar dürren Wochen, zu denen das HSV-Spiel durchaus noch zu zählen ist, ist nun das Jahresthema wieder da: einen tiefen Kader mit flacher Hierarchie zu schaffen, in dem Spieler einander positiv unter Druck setzen.

Jetzt kann man nur hoffen, dass sich die Energie vom Donnerstag nicht auf dem kurzen Weg in die Autostadt (und beim Wechsel zu einer weniger experimentellen Elf) wieder verflüchtigt, und der alte Trott zurückkehrt.



Eingestellt von marxelinho am 3. November 2017.
Keine Kommentare