16. Februar 2017

Das schwächste Glied sitzt auf der Bank

Gestern habe ich wieder einmal eine Regel verletzt, die ich mir vor einem Jahr verordnet habe: no second screen. Soll heißen: während ich ein Fußballspiel schaue, habe ich kein Telefon bei der Hand, lese ich keinen Twitter-Feed mit, und vor allem schicke ich auch keine Botschaften in die Welt hinaus. Das Debakel von Arsenal vom FC Bayern hat mich aber so mitgenommen, dass ich doch einen Vorschlag loswerden wollte: ich wäre sehr dafür, Arsène Wenger zu feuern. Das ist zwar absolut undenkbar, und wäre auch ein sehr unrühmliches Ende seiner großen Karriere bei Arsenal.

Aber wäre es nicht doch eine Überlegung wert angesichts des Umstands, dass Arsenal zum Ende von Wengers langem Niedergang (er begann für meine Begriffe 2008 oder, in einer gewissen Optik, auch schon 2006 mit dem CL-Finale gegen Barcelona) Gefahr läuft, sämtliche Saisonziele zu verfehlen - also auch die Teilnahme an der nächsten CL. Dieses Jahr ist nach dem 1:5 von gestern ja wieder einmal im März Schluss.

In der Allianz-Arena kam alles zusammen, was sich über viele Monate kurzfristig und über viele Jahre langfristig entwickelt hat: Arsenal ist in keinerlei Hinsicht mit der Elite konkurrenzfähig. Die Gegentore waren so etwas wie ein Katalog der Nachlässigkeiten, mit denen Wenger sich seit langem arrangiert hat: Robben zieht nach innen, Coquelin spekuliert auf dessen rechten Fuß, und öffnet ihm die Bahn für den linken, der bekanntlich eine Waffe ist. Coquelin ist so etwas wie Wengers Müller: Coquelin spielt immer. Allerdings aus den falschen Gründen.

Es ist natürlich hart, einen durchschnittlichen Fußballer, den die konzeptuelle Trägheit von Wenger zu einem Stammspieler auf einer neuralgischen Position werden ließ, mit Patrick Vieira oder auch nur Arturo Vidal zu vergleichen, aber gestern schien Wenger ja selber eine Ahnung von den Defiziten zu haben. Anders ist kaum zu erklären, dass Oxlade-Chamberlain den Auftrag hatte, defensiv mit Coquelin und Xhaka eine Dreierkette zu bilden. Das führte ganz spät zu der Situation, dass der Ox vor dem eigenen Strafraum einen Ball nicht verarbeiten konnte, was zum 1:5 führte.

Es brachte aber auch mit sich, dass die gesamte Defensivarbeit von Arsenal aus dem Lot war, ohne dass Thiago im überladenen Zentrum dadurch gestört worden wäre oder auch nur Xabi Alonso, der den Pass vor dem 1:3 spielte. Die Flügel gehörten sowieso den Bayern, wobei der linke nicht so auffiel, weil rechts halt die Post abging. Alex Iwobi schätze ich sehr, aber er bräuchte längst eine Pause. Sanchez ist viel besser, wenn er von außen kommt, aber Wenger weigert sich schon das ganze Jahr hindurch, mit einem Mittelstürmer zu spielen. Dabei steht derzeit auch der famose Danny Welbeck wieder zur Verfügung.

Der Kader von Arsenal enthält viel Qualität, allerdings mangelt es an entscheidenden Stellen: Shkodran Mustafi, der eine Menge Geld gekostet hat, ist just another BFG, der sich pro Spiel gerade die zwei, drei Mal abkochen lässt, die dann meistens den negativen Unterschied ausmachen. Koscielny, der einzige Klassemann für die Innenverteidigung, schied gegen Bayern nach der Pause verletzt aus, danach begann das Desaster erst so richtig desaströs zu werden.

Wenn man gesehen hat, wie absolut ratlos Arsenal erst neulich gegen Chelsea war, sie sehr die Mannschaft in der Liga an Autorität eingebüßt hat (ohne drei skandalöse, spielentscheidende Fehlentscheidungen jeweils in der Nachspielzeit stünde Arsenal auf Platz 7), dann kann man sich nur wunder darübern, dass Wenger neulich ein neuer Zweijahresvertrag angeboten wurde.

Und damit komme ich zu der Bilanz des gestrigen Abends: Arsenal spielt schon lange so, dass ich mich im Grunde über Siege nicht mehr freuen kann, weil sie den Blick auf die Wirklichkeit verstellen. Der Club ist auf allen Ebenen von massiven Dysfunktionalitäten geprägt. Allerdings ist er erst dieses Jahr in eine Situation geraten, in der die exzellenten Voraussetzungen (die in den nuller Jahren geschaffen wurden) so richtig in großem Stil verspielt werden könnten. Die Niederlage gegen Bayern, die nichts anderes war als ein Offenbarungseid, sollte nun zumindest darüber Klarheit geschaffen haben, dass es nicht einfach so weitergehen kann.

Der depressive Mesut Özil und der zornige Alexis Sanchez werden sich das jedenfalls nicht mehr lange anschauen. Aber das Board wird vermutlich Wenger das Vertrauen aussprechen, dass er rund um Coquelin eine neue, junge Mannschaft entwerfen kann.


Eingestellt von marxelinho am 16. Februar 2017.
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