04. April 2016

Das süße Gift der dünnen Luft

Mit einem einzigen Spiel hat Hertha BSC am Sonntag die positive Tordifferenz halbiert: 0:5 gegen Borussia Mönchengladbach, das ergibt zusammen mit dem 1:4 aus dem Hinspiel eine besondere Bilanz von 1:9. Schlimmer aber wiegt, dass die eigentlich naheliegenden Konsequenzen aus den Hinspiel keinerlei Berücksichtigung fanden. Im Gegenteil hatte Pal Dardai vor diesem Spiel eine ungewöhnlich offensive Rhetorik gewählt, von Schwächen des Gegners gesprochen, und versprochen, Hertha werde auf Sieg spielen.

Das 0:5 hat nun die für den Fußball typische Qualität, dass es einerseits den Spielverlauf verzerrt, andererseits aber mit der wünschenswerten Klarheit zeigt, dass Hertha wirklich schlecht spielte. Gladbach war keinesfalls sehr viel besser, dominierte aber in just der Hinsicht, die schon für das Hinspiel entscheidend gewesen war: Kompaktheit und Aggressivität. Hertha musste viel zu viele Umschaltmomente zulassen, hatte Ballverluste sonder Zahl, das ohnehin anfällige Passspiel wurde fast vollkommen unterbunden. Der Grund dafür ist schwer zu benennen, allerdings war er auch deutlich zu sehen: es fehlte an Konzentration und Leidenschaft.

Stattdessen war die Mannschaft wohl zu Beginn ein wenig zu selbstbewusst. Zwei Spieler will ich als Beispiele für die Probleme nehmen. Tolga Cigerci hatte sich gegen Schalke ins Team gespielt, auf dem holprigen Platz in Gladbach hatte er eine desolate erste Halbzeit, ihm gelang es so gut wie nie, den Ball einmal gut zwischen Abwehr und Angriff voranzubringen. Das hatte auch damit zu tun, wie Gladbach das Zentrum zustellte, sodass Hertha nach außen gelenkt wurde. Das ist längst gute Tradition, aber bisher fanden sich immer noch irgendwie Wege. Dieses Mal fiel aber besonders deutlich auf, dass etwa Marvin Plattenhardt, in vollständiger Ermangelung eines rechten Fußes, in seinem Repertoire an Pässen in der Spieleröffnung so empfindlich limitiert ist, dass das ganze Spiel von Hertha leicht aus der Balance zu bringen ist.

So kam es dann eben zu dieser Szene, in der nach vielem Hintenherum Jarstein einmal auf den langen Abschlag verzichten wollte, auf den das ja im Endeffekt doch sehr oft hinausläuft. Cigerci bot sich an, allerdings mit einer zweideutigen Geste, die genauso gut heißen konnte: Schau her, ich binde einen Gegner, spiel du einen interessanteren Pass. Jarstein spielte einen schlechten Pass, Dahoud reagierte blitzschnell, Hazard war geistesgegenwärtig, und Hertha hatte sich selbst düpiert.

Danach glich das Spiel sehr dem aus der Hinrunde. Das 2:0 fiel zu einem ungünstigen Zeitpunkt, zudem war es irregulär. Aber auch wenn Hahns Hereingabe abgepfiffen hätte werden müssen, war danach doch immer noch Gelegenheit genug, um einzugreifen. Es war der Schlüsselmoment, in dem sich Herthas Passivität an diesem Tag besonders deutlich zeigte. Danach war das Spiel eine Weile "offen", allerdings hätte es zu einem Anschlusstreffer einer Mannschaft in Normalform bedurft, und nicht einer, in der Cigerci durch Hegeler ersetzt wird, dessen Rückwärtsbewegung teilweise schon provokant desinteressiert war.

Es zeigt sich, dass der Platz 3, auf dem Hertha schon eine Weile steht, mit seinem süßen Gift doch ganz schön zerstörerisch sein kann. Denn natürlich wollen nun alle in die Champion's League, ich auch, da kann ich mir noch so oft sagen, dass diese Mannschaft dort realistisch nichts zu bestellen hat. Mit zwei alternden Stürmern, von denen der eine deutlich noch halb in der Länderspielpause war, von der er mit Verspätung zurückgekommen war (Flug versäumt, ein Klassiker). Mit einem defensiven Mittelfeld, dem es an der Qualität fehlt, die Gladbach im Sommer wohl auch schwer halten wird können: Dahoud und Xhaka sind ein, zwei Klassen besser als Skjelbred und Partner.

Es sind diese Bereiche, in denen sich der Wettbewerbsnachteil der Bundesliga gegenüber der Premier League wohl empfindlicher zeigen wird als bei den beiden Großen. Eine Mannschaft wie Gladbach zusammenzuhalten, das wäre hohe Kunst. Bei Hertha hingegen bringt sich Tolga Cigerci nach eineinhalb guten Spielen gleich wieder in Misskredit. Nun stehen die Betreuer vor der heiklen Frage: Soll er im nächsten Spiel die Chance bekommen, es besser zu machen? Ich meine, ja.

14 Punkte von 21 möglichen dachte ich mir vor dem Spiel gegen Gladbach als eine ambitionierte, aber denkbare Version für das Saisonfinale. Das bedeutete: einmal verlieren. Nun ist die Niederlage schon da, gegen den FCB müsste Hertha also unentschieden spielen. Egal, das sind Rechenspiele. Man kriegt sie nur leider schwer aus dem Kopf. Pal Dardai ist klug, er wird verstehen, dass sein Versuch, der Mannschaft den Druck zu nehmen, indem er sie mit Worten in Spiellaune zu versetzen versuchte, nicht mit einem Gegner rechnete, der nichts anderes machte als im Hinspiel.

Hertha hat nach wie vor alle Möglichkeiten. Wenn ich ganz ehrlich bin, hatte ich gegen Gladbach eigentlich auf etwas anderes gehofft: nicht unbedingt auf einen Sieg, sondern auf einen spielerischen Beweis, dass dieser Tabellenplatz verdient ist, auf eine reife Leistung, die von mir aus auch mit einem Remis oder einer knappen Niederlage hätte enden können. Stattdessen gab es einen Aussetzer, ein Resultat, das nicht leicht einzuordnen ist, jedenfalls nicht vor dem nächsten Spiel, in dem sich dann erst zeigen wird, ob Gladbach für Hertha dieses Jahr einfach der Ast in einem ansonsten sehr schön wachsenden Baum ist, oder ob auf der Zielgerade vielleicht doch noch die Widrigkeiten zunehmen werden.

Die einschlägigen Traumata (2006, 2009) sollten eigentlich weit genug weg sein, sodass nur wir Fans uns noch daran erinnern. Die Mannschaft hat damit nichts zu tun, und Pal Dardai ist sicher am ehesten ein Trainer, der eventuelle Blockaden lösen kann. Dieses Mal allerdings waren seine Mittel die falschen: auf seine angriffslustigen Worte hatte die eigene Mannschaft keine Antwort.


Eingestellt von marxelinho am 4. April 2016.
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