11. Februar 2017

Das Team ohne Eigenschaften

Halten wir kurz einmal inne: Hertha BSC wird kommende Saison nach menschlichem Ermessen wohl wieder in der ersten Liga spielen. Das wäre die fünfte Spielzeit in Folge in der obersten Klasse. Das ist nicht gering einzuschätzen nach dem Chaosjahren, die auf das Scheitern von Lucie Favre folgten.

Warum aber bedarf es dieser Rationalisierung? Weil Hertha derzeit vermutlich den schlechtesten, sicher aber den langweiligsten Fußball in dieser Liga spielt (Wolfsburg und Augsburg vielleicht einmal ausgenommen, aber will man sich wirklich auf dieses Niveau begeben?). Auch gegen Schalke 04 war es, selbst wenn man die schweren Beine aus dem Cupspiel einrechnet, ein würdeloser Auftritt, der mit einer vollkommen verdienten Niederlage endete.

Damit ist die Liste der dürftigen Spiele jetzt schon einigermaßen lang. Und die Ursachenforschung wird nicht einfacher dadurch, dass die Defizite sich sehr gleichmäßig über die gesamte Elf mit Ausnahme des Torhüters verteilen. In der Arena von Gelsenkirchen war die Absicht über weite Strecken der ersten Halbzeit klar zu sehen: Die Mannschaft hatte den Auftrag, über Antifußball ins Spiel zu kommen. Ungefähr drei Umschaltsituationen wurden angenommen, der Rest war Spielvermeidung, mit dem Problem, dass Schalke trotzdem zu viele Räume hatte.

Das Verhalten bei sogenannten zweiten Bällen ist bezeichnend. Hertha weigert sich, in solchen Situationen ins Risiko zu gehen. Damit werden natürlich die Situationen seltener, in denen überhaupt etwas passieren kann. Dass Kalou vor dem ersten Gegentor schläft, ist ärgerlich, aber wichtiger ist vielleicht, dass er offensiv schon lange an keinem Gegner mehr vorbeikommt - das gilt allerdings für Haraguchi gleichermaßen.

Im Zentrum scheint es derzeit egal zu sein, wer spielt - es kommt immer ein anonymer Auftritt heraus, wobei Lustenbergers Probleme mit Goretzka nur die Kehrseite seines schwachen Positionsspiels bei Ballbesitz sind. Dass Allan nicht mehr der nächste Dahoud wird, ist klar, dass er aber seit der Winterpause gar keine Rolle mehr spielt, erschließt sich angesichts der schwachen Konkurrenz nicht.

Es ist wohl vor allem Zeit, mit einem Irrtum aufzuräumen: Hertha ist nicht kompakt. Das 1:1 im Pokal in Dortmund war trügerisch. Der BVB hat schon die ganze Saison große Probleme, Tore zu schießen. Hertha aber bekommt mit großer Verlässlichkeit welche, mit der Ausnahme von Ingolstadt, und auch das war ein weniger souveräner Auftritt, als es das Ergebnis verrät.

Das Problem dürfte mit dem Selbstverständnis der Mannschaft zu tun haben. Sie hat offensichtlich keines. Wie oft habe ich das schon geschrieben? Es ist fast so etwas wie der Hertha-Refrain. Das Team ohne Eigenschaften. Man kann nicht mit einer Konzeption, die eher nach Darmstadt gehört, nach den Qualitäten suchen, die RB Leipzig gerade verloren gehen. Es braucht einen integrierten Ansatz, man kann nicht jedesmal abwarten, wie sich das Spiel denn so entwickelt, und ob man irgendwie hineinfindet. Die Betonung liegt auf irgendwie.

Natürlich ist die Rückrunde noch jung, und es kann schon sein, dass mit Weiser und Duda (sollten sie noch einmal eine größere Rolle spielen dieses Jahr) ein wenig Spielkultur zurückkehrt. Im Moment aber ist es peinlich, dass Hertha sich selbst mit dem Europacup in Verbindung gebracht hat. Das ist kein Bewerb, in den man sich mogeln kann. Deswegen kann die Devise für die nächsten Spiele nur sein: Niederlagen können passieren, aber Respekt kann man sich auch in solchen Spielen verdienen. Dann kommt vielleicht irgendwann die Qualität. Derzeit spielt Hertha so, dass man sich nur genieren kann.



Eingestellt von marxelinho am 11. Februar 2017.
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