25. Mai 2014

Decimalsystem

Zu viert haben wir gestern das Champion's League-Finale gesehen, und ausnahmsweise waren wir uns dieses Mal einig: Wir hätten uns alle gefreut, wenn Atlético Madrid nach der spanischen Meisterschaft auch noch den wichtigsten europäischen Titel geholt hätte. In einem Spiel, an dessen Ausgang mir insgesamt nicht besonders viel lag, weil ich schon die Paarung als solche für gut hielt, setzte sich dann aber doch der Favorit durch, die Mannschaft, für die sechsmal so viel Geld zur Verfügung steht wie für die Truppe von Diego Simeone.

Dass es so knapp war, dass Sergio Ramos erst in der Nachspielzeit den Ausgleich erzielte, dass es wieder Ramos war, der die Tür für Real öffnete, das sind interessante Motive dieses Triumphs, der als der zehnte ("la decima") schon vorher mit einem Label versehen wurde. Carlo Ancellotti hat also das System gefunden, das dazu erforderlich war, im konkreten Fall war es eine immer hartnäckiger werdende Bearbeitung der rechten Defensivseite von Atlético, wo mit Miranda, Juanfran und Raul Garcia das gesamte Personal irgendwann verwarnt wurde.

Wir hatten dann auch noch eine eigene Theorie zu dem Umstand, dass Atlético den Vorsprung aus dem Tor von Godin nicht über die Zeit brachte: Hätte Simeone nicht Sosa, sondern Diego eingewechselt, dann wären die Entlastungsangriffe vielleicht nicht ganz so aussichtslos gewesen, wie sie in der letzten halben Stunde der regulären Spielzeit vorgetragen wurden. Aber Diego ist natürlich defensiv auch eher unberechenbar, das hätte David Villa wohl doch nicht alles zulaufen können. Die Laufwege des nominellen Stürmers sagen ohnehin vielleicht am meisten über die Rolle aus, die Atlético den ganzen Abend hindurch nicht richtig loswurde.

Bei den vielen Krämpfen, die gegen Ende zu sehen waren, blieb dann gar keine andere Möglichkeit, als vor dem geistigen Auge noch einmal Revue passieren zu lassen, wie sich dieses Finale aus einem ganzen europäischen Fußballjahr herausgeschält hat: Vor allem Reals Weg zum Titel erscheint da doch als der relevantere, bei aller Courage und Leidenschaft, die Atlético an den Tag legte. Real setzte sich immerhin gegen beide Vorjahresfinalisten durch, wobei sowohl Dortmund wie auch Bayern zum jeweiligen Zeitpunkt gerade nicht in der besten Verfassung waren.

Dortmund hatte eindeutig das beste Konzept gegen Real, es fehlte aber ein wenig das Personal, die Energie, die Durchschlagskraft, und ergo das Auswärtstor. Genau genommen hat sogar Hertha von dem langen Durchhänger profitiert, den der BVB hatte. Bayern vertat sich dann taktisch gegen Real, was wiederum zur Folge hatte, dass Guardiola im Pokalfinale zu einer Verwirrungstaktik griff, die beide Mannschaften lange nach dem Spiel suchen ließ und schließlich Bayern einen Titel bescherte, den vom Momentum und anderen Faktoren her eigentlich Dortmund hätte gewinnen müssen.

Mir gefällt es, wie sich am Ende einer langen Saison die Motive übereinander zu legen beginnen, wie die Spiele aufeinander durchsichtig werden, wie sich Konstellationen bilden, in denen erkennbar wird, dass Leistung und Zufall in einer beständigen Balance sind, die eigentlich jeden vernünftigen Fan wahnsinnig machen müsste. Aber wir genießen es. Wir genießen, dass es schließlich auf einen Eckball in der 93. Minute ankommt, dass ein Spieler, auf den mehr als auf alle andere zu achten angeraten war, sich relativ ungestört genau in die Position bringen kann, die es ihm erlaubt, Real in die Verlängerung zu bringen.

Atlético ist nach dieser Saison nicht länger "Pathetico Madrid" (also die "peinlichen", die "Dramakönige"), sondern Simpathetico. Im Finale mussten sie allerdings auch erkennen lassen, dass ihrem Spiel ein paar Elemente fehlen: es ist zu feingliedrig, zu sehr darauf angelegt, den Ball durch die Linien zu mogeln, zu sehr auf kurze Pässe und elegante Haken ausgerichtet. Es sah immer wieder ein wenig naiv aus, wie sie aus ihren potentiellen Kontern das Tempo herausnahmen, weil sie diese Momente für Ballbesitz nützen wollten, in den sie jene Erholung einzubauen versuchten, die am Ende doch nicht reichte.

So bleibt von den beiden Finalspielen am vergangenen Wochenende und an diesem vor allem der Eindruck eines riesigen Verschleißes. Für alle Mannschaften diesseits galaktischer Budgets bleibt aber der Trost, dass man es mit Intelligenz, Leidenschaft und Geschick zumindest bis auf zwei Minuten an den großen Pokal heran schaffen kann. Das war uns dann doch allemal lieber als ein neuerliches Finale zwischen Bayern und Chelsea.



Eingestellt von marxelinho am 25. Mai 2014.
Keine Kommentare