15. September 2017

Der Blick über die Grenzen

Sieh einer an, in der aktuellen Hertha steckt doch tatsächlich auch eine kleine rote Furie, also ein spanisches Technikerteam mit hübschen Kleinmanövern und eleganten Lösungen im Detail. Das war für mich zumindest eine Erkenntnis aus dem torlosen Remis gegen Athletic Bilbao, das am Donnerstagabend viel mehr als die 28000 Zuschauer verdient gehabt hätte. Es war ein Spiel für Genießer, vor allem zwischen den Strafräumen. Im Vergleich zum Ligaalltag war es etwas wirklich Besonderes, ich wundere mich also, dass die Europa League in Berlin traditionell so wenig Interesse findet. Man kann das nämlich nicht viel anders deuten, als dass viele potentielle Fans von Hertha sich nicht wirklich für Fußball interessieren, sondern nur für Erfolge.

Für die Gruppe J war von Beginn an klar, dass Bilbao und Hertha zu favorisieren sind (bei aller Vorsicht). Das merkte man dann auch in der Anlage der Auftaktbegegnung: es sah eher nach einem Freundschaftsspiel als nach einem Ausscheidungsspiel aus. Beide Mannschaften spielten auf eine schöne Weise offen, es ging viel und her, hinten aber waren sowohl Bilbao wie auch Hertha ziemlich kompetent. Es gab viele halbe Chancen, die meisten endeten mit einem geblockten Schuss (Ausnahme eine wirklich elegante Kombination von Bilbao, nach der, ich glaube es war Muniain knapp verzog).

Die Betreuer hatten mit Duda im zentralen Mittelfeld vor Darida und Lustenberger auch so etwas wie eine spanische Variante aufgeboten. Der Slowake deutete für meine Begriffe an, dass er durchaus das Zeug zum Spielmacher hat. In der ersten Halbzeit passte noch nicht alles, Ibisevic und auch Duda vor allem waren in entscheidenden Momenten ein wenig ungenau.

In der zweiten Halbzeit war dann aber richtig Zug drin, auf die Ostkurve hin gespielt, die für mich der eigentliche Sieger dieses Abends war. Als zu Beginn das Nur nach Hause erklang (das offiziell ja wegen der Uefa-Hymne nicht ingespielt wurde), da wurde mir wieder klar, dass mein Hadern mit dieser Hymne unbegründet ist. Das ist halt unser Lied, gestern klang es mächtig, und auch danach sang die Kurve Europa alle Melodien vor, die an der Spree etwas zählen.

Bilbao war genau der Gegner, der Hertha zeigen konnte, welcher Fußball denkbar ist, wenn sie sich nicht auf die Vorbehaltslogik einlässt, die in der Bundesliga den Spielbetrieb oft so dröge werden lässt. Es war auch ein Gegner, der zeigte, dass man kompakt und agil zugleich sein kann. Viele der Lösungen, die einem das Herz aufgehen lassen konnten, waren gestern eher solche im Detail: Weiser oder Duda schafften manchmal so kleine Beschleunigungen aus der Bedrängnis heraus, überraschende Befreiungsmanöver, die im Idealfall (bei einer großen Mannschaft) für die plötzliche Konstellation sorgen können, die einen erfolgreich zu Ende gespielten Angriff ergibt.

Dafür blieben dann doch beide Mannschaften zu solide in ihren Grundordnungen. Abgesehen von dem Konter mit Haraguchi gegen Ende und dem tollen Spielzug, der die zweite Halbzeit mit einem plötzlich freien Plattenhardt eröffnete, gab es selten wirklich Räume. Und doch war es nie langweilig.

Hertha ist mit diesem Spiel nicht nur im Europacup angekommen, es sollte auch Mut für die Liga gemacht haben. Die "power von der Spree" sollte sich doch auch gegen Hoffenheim oder Leverkusen zeigen lassen.





Eingestellt von marxelinho am 15. September 2017.
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