14. Februar 2016

Der fliehende Teppich

Wenn zwei Mannschaften "der Stunde" aufeinandertreffen, dann schlägt es manchmal einer eben - die Stunde. Hertha BSC hat nach dem 0:2 in Stuttgart drei Punkte aus vier Spielen in der Rückrunde, und steht vor dem Heimspiel gegen Wolfsburg unter Druck. Denn die Durchreiche, die wir Bundesliga nennen, kennt kein Pardon. Sie lässt sich erfolgreich nur bestehen mit Siegen. Und Hertha hat in diesem Jahr bisher nur in Heidenheim gewonnen.

Die Niederlage beim VfB wurde vom Trainer und den Spielern gelassen wegmoderiert. Und es gibt auch eine Menge Gründe, sie nicht zu hoch zu hängen. Wenn ich richtig verstanden habe, war der Tross nach dem Pokalspiel gleich im Südwesten der Republik geblieben, in jedem Fall war das eine ungünstige Konstellation: Man wird Mittwoch spätabends fertig, muss Samstag mittags schon wieder da hinten im Winkel sein. Heimfliegen, heimfahren, oder gleich in der Gegend bleiben, was de facto einer Kasernierung entspricht?

Zu der kurzen und ungünstigen Regeneration kam der Rasen. Ich habe das Spiel im Fernsehen gesehen, es war schon sagenhaft, wie die Spieler auf dem fliehenden Teppich herumschwammen, mühsam Trittsicherheit suchend. Für meine Begriffe war das vor allem bei den Umschaltmomenten in der ersten Halbzeit, als Hertha allmählich ihr Spiel durchzusetzen begann, von Gewicht. Fast noch interessanter als die große Chance für Ibisevic war ein Moment, in dem Haraguchi schließlich ins Abseits lief, weil das "footing" von Cigerci einfach nicht da war.

Hertha hat nicht wegen des Rasens verloren. Aber es fiel etwas auf, was auch neu ist: Die Mannschaft versteht sich inzwischen als ein technisch anspruchsvolles Ensemble. Dafür waren schließlich die Gegebenheiten einfach nicht da, und auch die Kraft fehlte. Und Stuttgart, das von Beginn an das Herausspielen schwer machte, belagerte dann nach der Pause förmlich die hinterste Linie von Hertha. Es gab einfach zu viele Ballverluste.

Auf die Balance der Mannschaften bezogen, war ein Umstand deutlich, der im Heimspiel gegen Gladbach schon entscheidend war: Hertha tut sich schwer, zentral Dominanz zu entwickeln. Skjelbred und Lustenberger sind insgesamt zu konservativ als Sechser, gestern war dann auch noch Gentner der bessere Darida, und schon bekommt ein Spiel eine bestimmte Richtung.

Auch dann könnte Pekarik den Führungstreffer von Dié noch verhindern, wenn er nicht im entscheidenden Moment wegrutscht (also doch wieder: der Rasen). Hertha hatte danach nicht mehr viel zuzusetzen, auch deswegen, weil Pal Dardai nicht unbedingt plausibel wechselte: Er verzichtete einmal mehr auf Baumjohann, brachte stattdessen Schieber, der prompt später einmal fast mit Ibisevic im Strafraum kollidierte. Ich fand die Einwechslung von Schieber auch plausibel, hätte aber Ibisevic herausgenommen. Und eben Baumjohann für Lustenberger.

Dass van den Bergh inzwischen sehr konsequent den Vorzug vor Stocker bekommt, wird sicher Gründe haben, kann aber auch als der erste Luhukayismus (als eine erste Joserei?) bei Pal Dardai erscheinen. Also als das Festhalten an einem "braven" Funktionär des Spiels gegenüber einem aus nicht immer nachvollziehbaren Gründen zurückgestuften Begabten.

Es geht mir hier keineswegs darum, der erste zu sein, der bei Dardai irgendwelche Schwächen ausmacht (es wäre absurd, hätte er keine blinden Flecken). Es liegt mir nur daran, ihn möglichst gut zu verstehen, denn das ist halt die Kur gegen die Schleudertraumata eines Fans, für die ich mich hier entschieden habe: genau zu beobachten, um jeweils Gründe zu finden für das Auf und Ab. Und Dardai zeigt Anzeichen dafür, dass er im Moment das Risiko ein wenig scheut. Dabei hat Hertha ja in der Hinrunde die Grundlagen für eine mutige Kampagne gelegt. Die muss nun aber erst beginnen.

Das Thema für die Journalisten war schließlich keines: Vedad Ibisevic, von dem Stuttgart immer noch einen Teil des Gehalts zahlt, zu welcher Tatsache jeder Treffer eine Pointe gewesen wäre, zeigte sein "zweites" Gesicht, eine engagierte Leistung, bei der aber in wichtigen Momenten der Torjäger mit ihm durchgeht - der unterbliebene Pass auf Darida Mitte der zweiten Halbzeit war einer der letzten Schlüsselmomente, bevor spät dann noch Jarstein die technischen Fähigkeiten und die Konzentration von Darida überforderte, mit einem spieleröffnenden Pass, der zu dem hübschen Paradox eines quer gespielten Konters führte.

Bei all dem war durchaus die Spitzenmannschaft weiterhin erkennbar, die Hertha sein kann. Aber sie wird an der Dosierung ihrer Mittel arbeiten müssen. Übereifer im Detail (einige hässliche Fouls inklusive) deutet an, dass die Souveränität gerade verloren geht. Es wird eine hochst anspruchsvolle Aufgabe darstellen, den Mut zum Risiko wiederzufinden, ohne die Balance zu gefährden. Aber es wäre ein bedeutender Schritt auf dem Weg zu einer richtig guten Fußballmannschaft.






Eingestellt von marxelinho am 14. Februar 2016.
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