09. April 2016

Der Fluch der guten Taten

Haben wir es am Ende doch verhext? Haben wir das Wort Champions League, das man meiden sollte wie der Teufel das Weihwasser, solange die Qualifikation nicht in trockenen Tüchern ist, haben wir es zu früh ausgesprochen? Haben wir den Fluch des Fußballgottes auf uns geladen, weil wir zuließen, dass das Wort Nationalmannschaft im Zusammenhang mit Marvin Plattenhardt gebraucht wurde? Er spielt jedenfalls seither, als wollte er zurück zu Nürnberg. Hertha wird auch am Ende dieses Spieltags auf Platz 3 stehen, aber nach dem 2:2 gegen Hannover steht sie gefühlt eher irgendwo beim Team Mittelmaß, pardon, Marktwerkt. Also dort, wo die sportlich aktuell schlecht definierten Traditionsclubs den Ligaalltag so recht und schlecht bestreiten.

In Wahrheit lässt sich die Situation ganz ohne Aberglauben und Fußballmagie erklären. Die Saison geht in die Zielgerade, die Spieler haben einiges in den Knochen, die erklärten Ziele sind längst erreicht, nun baumelt da noch diese fette Karotte Champions League vor der Nase. Man möchte hineinbeißen, aber dazu reicht es offensichtlich nicht, einfach das weiter zu machen, was bisher ganz gut funktioniert hat. Hertha müsste noch einmal einen kleinen Sprung machen, müsste sich steigern - doch woher die Reserven nehmen gegen einen Gegner wie Hannover, der mit einem neuen Trainer und deutlich größerer Laufleistung (121 Kilometer) die Räume zum Verschwinden brachte?

Hertha ist nicht entziffert worden, denn es gab nie ein Rätsel. Die tolle Saisonleistung hat in erster Linie damit zu tun, dass die Mannschaft die längste Zeit selbst kompakt war, und darüber hinaus in der Lage war, auch mit relativ wenigen Chancen viel zu erreichen. Inzwischen weiß selbst ein Absteiger wie Hannover, dass es nicht schwer ist, Hertha in diesen neutralisierten Pendelzustand zu versetzen, in dem der Ball langwierig von links nach rechts wandert, in dem die Passquoten steigen, und in dem nichts passiert, es sei denn, Tolga Cigerci macht zweimal pro Halbzeit den Xabi Alonso und spielt aus der Mitte einer Dreierkette heraus einen langen, diagonalen Ball.

Das war gegen Hannover eine der wenigen erkennbaren Strategien, sie wurde aber dadurch entwertet, dass der selbe Tolga Cigerci, wenn er einmal einen ruhenden Ball vor sich hat, einen lässigen Angeberanlauf von zwei Metern nimmt, und kraftlos neben das Tor schlenzt. (Ich mag Cigerci, hoffe stark auf ihn, aber Ecken und Freistöße sollte er entweder üben, oder es sein lassen. Allerdings sind die Standards derzeit insgesamt schwach.)

Die mühsame Arbeit, hinter die erste Anlauflinie des Gegners zu kommen, und Geschwindigkeit ins Spiel zu bekommen, ist bei Hertha zu selten erfolgreich. Und schon gar nicht ist die Mannschaft in der Lage, einen Gegner unter Druck zu setzen, sich in der gegnerischen Hälfte auch mal energischer um zweite Bälle zu bemühen, also den Versuch zu starten, Fehler zu erzwingen.

Hertha ist mit viel Geduld bis auf Platz drei gekommen, das Hintenherum ist das wesentliche Charakteristikum. Nun zeigt sich, dass etwas fehlt. Man könnte also ganz einfach sagen: Aktie überbewertet, Korrektur überfällig, gut wäre, wenn am Ende doch noch Platz 6 herausschauen würde. Man könnte aber auch fragen, was denn noch drin sein könnte in dieser Saison - zumal gegen Dortmund ja auch noch ein bedeutendes Pokalspiel ansteht.

Eine Kleinigkeit muss aus dem Spiel gegen Hannover auf jeden Fall Beachtung finden: Pal Dardai scheint nur einem sehr kleinen Kreis von Spielern zu vertrauen. Als beim Stand von 2:2 noch eine Viertelstunde zu spielen war, verzichtete auf auf eine dritte Einwechslung. Eine neuerliche, überdeutliche Misstrauenserklärung an Stocker und Baumjohann, während der mäßig wirksame Ibisevic auf dem Platz blieb, was eher schon mit Talisman-Hoffnungen zu tun hat. Dardai will womöglich die Saison mit 15 Spielern durchziehen. Er wird seine Gründe haben, mit freiem Auge erschließen sie sich nicht.

Immerhin ließ Julian Schieber mit einem Assist erkennen, dass er noch eine Rolle spielen könnte. Für die erhofften vier Siege bleiben nun nur noch fünf Spiele, davon eines gegen den FC Bayern. Eine starke Saison wie die aktuelle führt unweigerlich zu einer Meritokratie: Verdiente Spieler wollen und sollen sie auch zu Ende spielen. Trotzdem würde jeder vernünftige Beobachter meinen, dass Hertha ein wenig mehr rotieren müsste. Darida bekommt eine Pause, ist dann aber doch der erste, der eingewechselt wird. Skjelbred spielt immer, verschwindet aber zunehmend häufiger in der Anonymität.

Vor dem Spiel gegen Gladbach hat Pal Dardai versucht, ein paar Reize zu setzen. Das ging schief. Gegen Hannover wollte er es wieder orthodoxer angehen, dass ging so weit schief, dass manchem das 2:2 schon wie ein Sieg der Moral erscheinen wollte. Bis zum Spiel in Hoffenheim hat Hertha eine ganze Woche Zeit, um sich für das Finale in Position zu bringen. Fünf Spiele, in denen man zeigen könnte, dass man nicht hintenrum nach Europa möchte, sondern mit einer belastbaren Konzeption. Und dem ganzen Kader.


Eingestellt von marxelinho am 9. April 2016.
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