29. August 2004

Der Glanz des Hauses Hertha

Falko Götz vergeudet Zeit: Die Mannschaft, die er gestern gegen Mainz antreten ließ, entsprach bis auf Gilberto, Schröder und den fehlenden Friedrich jener "alten" Hertha, die vor einem Jahr in den Sinkflug ging. Niko Kovac trat damals an, eine Chefrolle zu übernommen, brachte den nicht sonderlich stabilen Pal Dardai im defensiven Mittelfeld völlig aus dem Konzept, fand selbst aber keines - so ging es damals los. Ohnehin sollte man niemand kaufen, den die Bayern ausmustern - sonst sehen wir am Ende irgendwann auch noch Owen Hargreaves.

Falko Götz arbeitet also jetzt die Einkaufspolitik des vergangenen Jahres auf, indem er Kovac wieder zu integrieren versucht - unnötige Mühe, es sei denn, er will ein Perspektivteam mit Mittelmäßigen, und ist wirklich mit Platz 9 zufrieden. Das glaubt ihm aber niemand. Den Blödsinn mit Hartmann, dessen unproduktives Ballgestammel auf der linken Seite das Symptom einer verschenkten ersten Halbzeit war, hat Götz immerhin schon zur Pause korrigiert.

Aber da dauerte des Spiel dann eben nur noch 45 Minuten, und wenn man zudem in Rechnung stellt, daß Hertha ganz selten ohne Gegentor spielt (ich nenne das den Hazard-Jo-Effekt, denn Simunic, den ich against all odds liebe, spielt nun einmal einen haarsträubenden Stuß pro Spiel), mußten sie zwei Tore schießen in einer Halbzeit und zwischendurch einen Rückschlag verdauen, um den ersten "Dreier" zu machen.

Das haben sie nicht im Repertoire zur Zeit, nicht mit einem nervösen Schröder rechts, der viele Bälle verlor; nicht mit van Burik, der seine Rolle auf seine alten Tage so konservativ anlegte, daß er nicht einmal gegen einen Aufsteiger auch nur einmal in den Spielaufbau eingriff; nicht mit Simunic, der das Foul beging, das zum Freistoß führte; und natürlich nicht mit Hartmann.

Das Hauptproblem der Mannschaft bleibt allerdings ihre Abhängigkeit von Marcelinho, der gestern unkonzentriert spielte und auf jene Weise patzig, die so typisch ist für ihn. Auch hier werden die Grenzen von Götz als Trainer erkennbar: Er läßt Marcelinho die Freiheiten eines "positiv Verrückten", gestern führte das wieder dazu, daß er bei Standardsituationen einfach auf den Ball hielt, als hätte er alles im Fuß und wenig im Kopf - vermutlich ist es ja so, da er nun aber der Kopf der Mannschaft ist, ...

Seine Mitarbeiter haben gestern gearbeitet, kamen aber nie richtig in Fahrt: Marx ließ erkennen, daß er auf halbrechts jederzeit drei Mainzer auf sich ziehen kann, den Ball dann aber doch produktiv weiterspielt, und sein Distanzschuß hätte, wäre er ins Tor gegangen, das Spiel prägen können. Gilberto hat das Seine getan, als er Bobic den Ball vorlegte. Wichniarek ist mein tragischer Held schon in zweiter Spielzeit, er ist heroisch in seinen Anstrengungen im Detail (immer auch neben dem Unzweikämpfer Bobic), verausgabt sich aber in einem System, das ihn zu Wegen zwingt, die ihn manchmal fehl am Platz erscheinen lassen.

Es ist das Versäumnis der Mannschaft, und nicht seines. Es ist damit das Versäumnis des Trainers, der das Team gestern nicht nur schlecht auf-, sondern auch schlecht eingestellt hatte - sie waren wohl zu optimistisch nach dem Spiel gegen die Bayern. Daß Götz dann nach dem 1:0 eine defensive Einwechslung vornahm, hat mit dem Ausgleich kausal nichts zu tun, und ist doch ein weiteres Indiz dafür, daß er (noch) nicht genau weiß, wohin er will.

Die Hertha kann noch ein paar Runden den Glanz des Hauses Olympiastadion für sich reklamieren, irgendwann muß sie aber aus der Aura heraustreten und selbst so produktiv werden, wie es George Amberson in Booth Tarkingtons Roman sich nicht vorstellen kann: "I don't mean to get into business or adopt a profession." So hat Hertha gestern gespielt - unprofessionell und anachronistisch.


Eingestellt von marxelinho am 29. August 2004.
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