23. April 2016

Der Mut findet sein Maß in der Klugheit

Nach dem Spiel des Jahres, das Hertha nicht in ein Vorspiel verwandeln konnte, folgt nun ein Freispiel, bevor die Saison dann durch drei Endspiele abgeschlossen wird. Wäre es gelungen, sich gegen den BVB im Pokal durchzusetzen, kaum auszudenken, wie das Finalspiel dann tituliert worden wäre: Spiel des Jahrhunderts war ja sogar in Zusammenhang mit dem Semifinale einmal irgendwo vorwitzig aufgetaucht. Und sogar mit einer gewissen Berechtigung, denn das Jahrhundert ist noch jung, das dazugehörige Spiel lässt sich also noch überbieten. Vorausgesetzt, Hertha BSC nimmt eine gute Entwicklung.

Und darum geht es jetzt schon in den vier verbleibenden Runden dieser Saison. Die interessante Perspektive auf Spiele in den Elitebereichen des Fußballs hat zuletzt nicht mehr nur die Fans ein wenig ins Schlingern gebracht. Auch Pal Dardai zeigte sich beeindruckt, seine Äußerungen gingen manchmal ein bisschen zu weit, bis er dann in dem schon legendären Interview mit dem Sky-Reporter Wagner nach dem Pokalspiel wieder den Schulterschluss mit der Mannschaft vollzog - und den Medien implizit vorwarf, die besondere Situation von Hertha nicht zu verstehen.

Nun, jetzt verstehen wir alle sie wieder. Hertha war gegen den BVB keineswegs vollständig chancenlos, aber doch deutlich unterlegen. Für die Betreuer war die Sache von vornherein einigermaßen kompliziert: die Saison hat einen verdienten Stamm von Spielern hervorgebracht, der kaum größer als eine erste Elf ist, inzwischen aber auch ein wenig erschöpft wirkt. Einen Ibisevic, einen Skjelbred, einen Haraguchi gegen den BVB auf die Bank zu setzen, wie es sich dringlich empfohlen hätte, war völlig ausgeschlossen. Die Mannschaft schlug sich angesichts der Umstände überraschend gut, fand sich aber in einer ungewohnten Rolle wieder. Der BVB ließ Hertha nicht einmal die Zeit für das sonst übliche aktive Erholen mit Rune Jarstein, das sonst so viel Zeit beansprucht.

Schnelligkeit wurde vom Pal Dardai anschließend als eine zentrale Kategorie ausgemacht: Nicht nur läuferische, sondern auch Handlungsschnelligkeit und Geistesgegenwart. Der BVB ist eine besonders flinke Mannschaft, das bekam Hertha zu spüren. Das Pokalspiel war eine großartige Übungseinheit, aber es ragt auch störend in eine Phase der Saison hinein, in der Hertha noch alle Chancen auf eine große Belohnung hat.

Im Herbst fiel das Bayern-Spiel in die beste Phase von Hertha, und zwar als peinliche Ausnahme: In München war nicht nur die Leistung schwach, schon die Konzeption ließ zu wünschen übrig, denn die Betreuer hatten die Mannschaft anscheinend auf tiefstmögliche Massierung eingeschworen, sodass Kalou und Plattenhardt eher schon einander deckten als die winzigen Räume, in die Spieler des FC Bayern immer wieder liefen.

Nun könnte das Freispiel dazu genützt werden, sich noch einmal ein paar Gedanken über das Personal der letzten drei Spiele zu machen. Ich sehe die Gestaltungsmöglichkeiten vor allem in drei Bereichen: im zentralen Mittelfeld, auf dem Flügel, und im Sturm. Beginnen wir ganz vorne: Vedad Ibisevics Verdienste in dieser Saison waren enorm, seine Verpflichtung war eine brillante Entscheidung, aber für meine Begriffe hat er in der Rückrunde doch deutlich erkennen lassen, dass er nicht der Stürmer ist, mit dem Hertha für eine ganze weitere Saison exklusiv planen sollte. Es wird sowieso eine heikle Sache werden, wie der Stab mit den Helden von heuer umgeht. Wie auch immer, gegen Bayern sollte Julian Schieber Mittelstürmer spielen.

Im zentralen Mittelfeld würde ich ganz umbauen: Cigerci neben Stark. (Wie gesagt, das ist ein Testspiel unter Wettbewerbsbedingungen.) Langkamp kann in der Innenverteidigung neben Brooks spielen, die Gelegenheit ist zu gut, um Stark, eine der interessantesten Figuren dieser Runde, nicht einmal auf seiner anderen Position auszuprobieren. Er ließ sich zwar beim dritten Gegentor gegen den BVB ziemlich versetzen, ist aber auf jeden Fall eine künftige Stütze. Fragt sich nur, wo er besser hinpasst. Dazu kann man heute Erkenntnisse gewinnen. Dass Hertha auf der 6 und auf der 8 etwas tun muss, steht außer Frage.

Für Tolga Cigerci ist das Spiel heute vielleicht schon eine letzte Chance. Ihm droht ein Schicksal wie das von Valentin Stocker. Gegen Schalke war er der spielgestaltende, dominierende Mittelfeldmann, der Hertha so deutlich fehlt. Daran konnte er nicht mehr anschließen, er wirkt aber auch schlecht beraten, die Andeutungen, die Pal Dardai hinsichtlich seiner "Übermotivation" machte, lassen vermuten, dass es Meinungsverschiedenheiten über seine Rolle gibt. Nebenbemerkung: Cigerci soll spielen, soll auch Verantwortung übernehmen, aber er soll dem ruhenden Ball fern bleiben.

Für das Flügelspiel gelten gegen den FC Bayern besondere Bedingungen, wegen der extremen Höhe, mit der üblicherweise die schlangenförmige Sieben, die Pep Guardiolas Offensivformation meistens annimmt, den Gegner einschnürt. Gegen diesen Boa-Constrictor-Modus braucht es aufopfernde Arbeit. Dass Genki Haraguchi diese Saison so großes Gewicht bekam, hat wesentlich mit seiner unermüdlichen Defensivarbeit zu tun. Da Valentin Stocker im Sommer einigermaßen sicher wechseln wird, wäre heute fast schon die Gelegenheit zu einem Abschiedsspiel an Stelle von Haraguchi. Kalou sollte in der Mannschaft bleiben, auch wenn er nach der Länderspielpause nicht mehr ganz die Form zeigte, die ihn für meine Begriffe fast zum "man of the season" von Hertha BSC machen. Im engsten Kreis ist er auf jeden Fall.

Das wäre also meine Elf gegen den FC Bayern: Jarstein. Plattenhardt - Brooks - Langkamp (Lustenberger) - Weiser. Cigerci - Stark - Baumjohann. Kalou - Schieber - Stocker. Ein bisschen Mut muss sein.


Eingestellt von marxelinho am 23. April 2016.
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