25. September 2015

Der Schwierige

Inzwischen hat sich die Verblüffung über den Affront ein wenig gelegt, mit dem Lucien Favre seinen Dienst bei Borussia Mönchengladbach quittiert hat. Es bleibt aber natürlich die Herausforderung, einen neuen Trainer, am besten für eine neue Ära, zu finden. Und auch seine eigene Karriere steht nun plötzlich unter einem Vorbehalt. Denn zu deutlich sind die Parallelen zwischen seiner ersten Station in der Bundesliga, also Hertha BSC, und seiner zweiten bei Gladbach.

Für die Fans von Hertha haben die Ereignisse bei Gladbach etwas Kathartisches. Sie befreien uns endgültig von den Nachwirkungen der großen Enttäuschung von 2009. Die Umstände, unter denen Favre damals ging, waren an sich schon "traumatisch" genug, die ganze Sache mit den zwei Abstiegen und der frustrierenden Suche nach einem dauerhaft brauchbaren Coach wurde aber noch dadurch verstärkt, dass Favre bei der Borussia anscheinend das verwirklichte, womit er in Berlin scheiterte.

Simpel gesagt, kam Hertha für Favre zu früh. Er war noch nicht in der Lage, mit der Herausforderung eines Bundesligaclubs umzugehen, er war sprachlich noch nicht auf der Höhe, und er war zu sehr Idealist, um einen ganz normalen Kader mit teilgenialen Spielern wie Pantelic zu akzeptieren. In Gladbach war er richtig, und Hertha musste sich vorkommen wie eine Jugendliebe, die mit ansehen muss, wie der ehemalige Partner einen großen Weg macht, während man selber nicht und nicht vom Fleck kommt.

Nun zeigt sich aber, dass der Favre von 2015 mit dem von 2009 noch eine Menge gemeinsam hat. Es hat zwar einen unangenehmen Beigeschmack, wenn man aus einem Unglück bei den Nachbarn Befriedigung zieht, in diesem Fall aber ist es kaum zu vermeiden. Zufällig passiert das alles in einem Moment, da Hertha zum ersten Mal seit 2008/2009 wieder das Gefühl haben kann (und ich sage das eben nicht mehr mit allen rückversichernden Einschränkungen, zu denen wir uns als Fans so lange zwingen mussten), es könnte der Anschluss an die Entwicklung der Liga gelingen.

Es gibt also einen positiven Eigenanteil an dieser Verarbeitung, die mit Schadenfreude nichts zu tun hat, sondern einfach mit einer Genugtuung darüber, dass die Fehlbarkeit anderswo nicht aufgehoben ist. Ich glaube, dass das einer der elementaren Affekte im Leben von Fußballfans ist: eine Befriedigung darüber, dass sich das Spiel fast überall und jederzeit als komplexer erweist, als Tüftler wie Favre das ertragen und kontrollieren können. Dass sein Rücktritt damit auch etwas von Hybris erkennen lässt, von einem pathetischen Entweder/Oder, ist ein weiteres Moment, das rückwirkend auch Hertha exkulpiert.

Hier wurde er entlassen, in Gladbach entließ er sich selbst, in beiden Fällen ging es um dramatische Umschläge, wobei die Radikalität, sich zwei Tage vor einem keineswegs aussichtslosen Ligaspiel umstandslos zurückzuziehen, auf Faktoren verweist, die vermutlich zu persönlich sind, als dass wir sie wirklich in Rechenschaft ziehen können. Gladbach hat gegen Augsburg ja auch gewonnen, und das war sicher kein negativer Trainereffekt, sondern in jedem Fall das wahrscheinlichere Szenario.

Hertha tappte in den Jahren seit Favre mehrfach recht gründlich im Dunkeln. Nur deswegen konnte Jos Luhukay ein wenig länger als angebracht als Lichtgestalt erscheinen. Der Wunsch nach einem Trainer, der eine Ära prägen könnte, ist tief ausgeprägt, enthält aber eine Engführung, die erst recht wieder kontraproduktiv werden kann. Gladbach kann nun vielleicht zeigen, dass die Lernprozesse unter Favre solche des ganzen Clubs waren, dass also der Fortschritt nicht vom charismatischen Individuum allein abhängt.

Das wäre eine dialektische Auflösung, mit der Favre sich für Gladbach tatsächlich als eine entscheidende Station erweisen könnte. Und in gewisser Weise sogar noch für Hertha auch, wo mit Luhukay noch einmal der Versuch unternommen wurde, alles auf einen Hoffnungsträger zu fokussieren, während Pal Dardai sich nun eher als eine Art Moderator in einer stärker arbeitsteiligen Struktur zeigt. Das wäre schließlich der wichtigste Schritt in der Verarbeitung des Favre-"Liebeskummers", wie das eine Hertha-Freundin genannt hat: dass nicht mehr der Trainer allein modern sein muss, sondern der ganze Club. Hertha deutet da gerade etwas an.

Eine Pointe hat die Sache mit Favre noch. Ich hatte ihn ja, halb im Ernst, als Nachfolger für Arsène Wenger bei Arsenal im Auge (ich habe auch Freunde, die ihn für den FC Bayern "aufbauten"). Hat er sich zu stark beschädigt? Es gibt nun doch gute Gründe, an Favres Belastbarkeit zu zweifeln. Wo immer man ihm eine nächste Chance gibt, wird er wieder als Maverick einsteigen. Er muss also wieder einmal von vorn anfangen. Aber das ist im Fußball ja sowieso die prägende Erfahrung.


Eingestellt von marxelinho am 25. September 2015.
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