25. August 2015

Der Spinnenmann webt das Netz

Nach drei Spielen mit einer Niederlage (daheim gegen West Ham United), einem knappen Sieg (auswärts bei Crystal Palace) und einem torlosen Remis im Heimspiel gegen den FC LIverpool sind die Aussichten des Arsenal FC für die neue Saison noch bemerkenswert unklar. Zum ersten Mal seit längerer Zeit wurde die Mannschaft von Arsène Wenger in diesem Jahr zum erweiterten Kreis der Titelaspiranten gezählt. Es sieht aber doch eher danach aus, als würde es wie üblich knapp nicht reichen. Allerdings könnte sich personell ja noch etwas verändern, eine Woche ist noch Zeit für die Verpflichtung von Verstärkungen.

Das Spiel gegen Liverpool war heftig umkämpft und wurde von beiden Seiten erstaunlich offen interpretiert. Unaufhörliches gegenseitiges Abjagen des Balls war das markanteste Charakteristikum, erst gegen Ende kam es zu einem orthodoxeren Vortrag mit dem typischen Arsenal-Powerplay, gegen das Skrtel eine Defensive organisierte, die zumeist den entscheidenden Block anbrachte und manchmal auch in höchster Not gerade noch so ein Eigentor vermied.

Umgekehrt hatte Liverpool vor allem in der ersten Halbzeit zahlreiche Chancen, was mit der neuen Viererkette von Arsenal zu tun hatte (Mertesacker und Koscielny fehlten, es spielten Paulista und Chambers), und mit Problemen in den Halbräumen zwischen Coquelin und der letzten Linie sowie den nicht immer perfekt zurückarbeitenden offensiven Fünf. Das ist in diesem Jahr der Arsenal-Diamant: Cazorla, Sanchez, Ramsey, Giroud und zwischen ihnen allen der unermüdliche Einfädler Özil, ein Genuss, ihm zuzuschauen, allerdings auch ein frustrierender, denn es kommt nicht viel heraus.

Arsenal hat vermutlich eine der variabelsten Offensivreihen in Europa in diesem Jahr, mit Ramsey nominell auf dem rechten Flügel, de facto aber überall, wie am besten bei einem frühen Tor nach Traumpass von Cazorla zu sehen war - es wurde wegen Abseits nicht gegeben, die Zeitlupe ließ eher gleiche Höhe erkennen. Cazorla kommt aus der Tiefe neben Coquelin, Sanchez bearbeitet den linken Flügel mit Zug ins Zentrum, Monreal bringt sich offensiv gut ein, und Özil ist der Spider-Man - unter seiner Leitung webt Arsenal das Gladiatorennetz, in dem sich der Gegner schließlich nicht mehr ausreichend bewegen kann.

Liverpool wankte, wollte aber nicht fallen, und so musste dieser Auftritt als unentschieden gewertet werden. Was sind nun die personellen Probleme, die einer Lösung durch Zukauf bedürfen? Viele sagen, dass Giroud nicht die Qualität für die europäische Elite hat. Gegen Liverpool hatte er tatsächlich ein schwächeres Spiel, insgesamt halte ich ihn aber für gut genug, zumal mit Welbeck ein weiterer Topmann da ist, der allerdings erst in einem Monat nach einer Knieverletzung zurückerwartet wird.

Die Schlüsselpersonalie ist vermutlich doch die älteste, mit der wir es unter Wenger zu tun haben. Er ziert sich weiterhin, einen herausragenden Sechser zu kaufen. Mit Coquelin hat er in diesem Jahr einen Mann aus dem Hut gezaubert, mit dem wirklich niemand gerechnet hat. Der Franzose brachte sich auch gegen Liverpool in seiner robusten Art gut ein, hatte zwei absolut wichtige Tacklings, und lief viele Räume zu, die vor allem durch Benteke geschaffen wurden, der Chambers eine Weile in alle möglichen Richtungen lockte.

Aber eigentlich hätte der fast in jedem Spiel mit einer zweiten gelben Karte flirtende Coquelin gegen Crystal Palace ausgeschlossen werden müssen, dann wäre gestern Arteta auf dieser Position drangekommen, und das Spiel wäre Arsenal vielleicht um die Ohren geflogen. Soll heißen: im zentralen defensiven Mittelfeld fehlt es an Absicherung, auch wenn Chambers dort auch spielen kann. Mit Krystian Bielik wird ein Nachfolger für Vieira aufgebaut, aber der junge Mann wird erst nächstes Jahr 18.

Die vielleicht prägendste Erfahrung im Leben eines Arsenal-Fans ist das Déjà-vu. Die Mannschaft kommt immer wieder dort an, wo wir sie schon oft gesehen haben - das erste Heimspiel gegen West Ham war eine Blaupause steriler Überlegenheit, das zweite gegen Crystal Palace war eine Demonstration von Dominanzspiel (bei immer noch starker Volatilität), das Spitzenspiel gegen Liverpool war geprägt von eingehegter Anarchie (das wesentliche Hin und Her fand in den neutralen Zonen zwischen den Strafräumen statt). Bleibt als augenblickliche Erkenntnis nur, sich mit Stilnoten zu bescheiden: Arsenal 2015/16 ist ein Vergnügen, aber gelegentlich würde man als Fan ja auch gern jubeln. Sollte diese Mannschaft einmal einen Rhythmus finden (wofür die Zeichen in der langen englischen Saison natürlich nicht so gut stehen), dann könnte wirklich viel möglich werden.



Eingestellt von marxelinho am 25. August 2015.
Keine Kommentare