06. Oktober 2015

Der Zweck heiligt das Drittel

Am Sonntag gab es zwei globale Spitzenspiele fast gleichzeitig. Dabei hätte ich nach zwanzig Minuten ohne Weiteres von Arsenal vs. Manchester United zum deutschen Klassiko umschalten können, denn im Emirates Stadium stand es nach Toren von Sanchez (2) und Özil schon 3:0, und dieses Ergebnis sah Arsenal auch zur Tür hinaus, wie man in einer etwas zu wörtlichen Übersetzung des englischen "seeing out a game" sagen könnte. Manchester United ging mit Ambitionen auf die EPL-Tabellenführung in das Spiel, es ist aber unübersehbar, dass das ein dürftiges Team ist, das Louis Van Gaal da befehligt.

Für die Arsenal-Fans geht damit das übliche Leben weiter. Arsenal gerät doch nie so eindeutig ins Trudeln, dass man einmal über einen grundlegenden Neubeginn nachdenken würde oder müsste. Und gelegentlich meldet das Team doch seine Ansprüche auf die besten Plätze an. Doch es mangelt nicht an Enttäuschungen, in diesem Jahr kamen sie früh vor allem in der Champion's League, wo die ersten beiden Spiele in der Gruppenphase, auswärts bei Dinamo Zagreb und daheim gegen Olimpiacos Piräus, verloren wurden. In beiden Fällen stellte Wenger keine vollständige erste Elf auf, zumindest in Zagreb konnte man fast meinen, es läge eine Verwechslung mit dem englischen Cup vor, wo sich traditionell die Reservisten zeigen dürfen.

Die null Punkte, mit denen Arsenal nun der Gruppe hinterherschaut, haben aber eine interessante Konsequenz. Denn die beiden Spiele gegen den FC Bayern, die schön in der Mitte des Bewerbs liegen, also mit direktem Hin- und Rückspiel, bekommen nun schon den Charakter eines vorgezogenen Achtelfinales. Unter normalen, also erwarteten Umständen, hätten sich die beiden Gruppenfavoriten das gemütlich untereinander ausmachen können, es wäre also in erster Linie um den Gruppensieg gegangen, wobei Arsenal ja ohnehin schon beinahe traditionell auf Platz 2 abschließt.

Nun aber ist die Ausgangsposition anders: Arsenal braucht mindestens vier Punkte aus diesen zwei Spielen, müsste sich also insgesamt gegen Bayern durchsetzen. Es wird der zweite richtige Test für Guardiolas verjüngtes Topteam, der erste gegen den BVB verlief ja doch ziemlich eindeutig, und man habe Verständnis, wenn ich das Heimspiel des FCB gegen den VfL Wolfsburg nicht in diese Preisklasse einbeziehe.

Hat Arsenal aber Chancen gegen Bayern? Unbedingt, allerdings hat die Mannschaft doch viele Bruchstellen eingebaut, ist also eminent gefährdet. Trotzdem muss man Arsenal zu den seriösesten Herausforderern in Europa zählen. Es fragt sich halt immer nur, wie seriös die Mannschaft selbst gerade jeweils ist. Interessant ist jedenfalls, dass Thomas Tuchel es in München mit einer Formation versucht hat, die für den BVB eher ungewöhnlich war, während sie gewissermaßen die Blaupause des Arsenal-Spiels seit ungefähr einem Jahr darstellt. Damals wurde Santi Cazorla ins zentrale Mittelfeld zurückgezogen, neben Coquelin, ergänzt von Ramsey, der nominell rechts spielt, aber eigentlich auch zentral. Davor agieren Özil (überall) und Sanchez (von links bis an die rechte Grundlinie bevorzugt halbdiagonal).

Die Neuerung dieser Spielzeit ist bisher, dass statt Giroud meistens Walcott den zentralen Angreifer macht. Gegen Bayern ist diese Aufstellung auf jeden Fall auch zu erwarten, weil die hohe Linie von Guardiolas Formationen geradezu nach einem Spielertyp wie dem schnellen Walcott verlangt. Er hat einen guten Abschluss, und er bereitet auch vor, sodass der von mir eigentlich sehr geschätzte Giroud nun tatsächlich aus guten Gründen derzeit zweite Wahl ist. Walcott weiß einfach mit dem "letzten Drittel" mehr anzufangen, und das ist gegen die Bayern bekanntlich häufig so offen, dass man dort vor allem auf Manuel Neuer trifft.

Özil ist in dieser Saison deutlich präsenter und engagierter, offensichtlich hat er an der Matchfitness gearbeitet. Bei seinem Spiel stellt sich ja immer ein wenig die Frage, ob es nicht vielleicht doch reichen könnte, es in reiner Schönheit und in Absehung von der Zweckhaftigkeit zu genießen. Seine Eleganz ist einfach immer wieder unglaublich, sie bekommt nun aber durch die Intensität, die Sanchez ihm beigesellt, noch andere Akzente. Der Linksdrall, der in Arsenals Spiel auch dadurch kommt, dass aus Monreal ein ziemlich guter offensiver Außendecker geworden ist, ist allerdings keineswegs so bestimmend, dass nicht tolle Tore über rechts möglich wären. Die Führung gegen Manchester United kam so zustande.

Wenn Jürgen Klopp, wie inzwischen allgemein erwartet wird, in dieser Woche den FC LIverpool übernimmt, wird die Premier League noch ein bisschen deutscher. Arsène Wenger gilt ja auch als "deutsch". Ich habe inzwischen notgedrungen meinen Frieden mit ihm gemacht: Seine Arbeit hält Arsenal nun einmal in einer Position, aus der heraus jederzeit vielleicht doch noch einmal etwas Besonderes möglich werden könnte. Das ist als Verdienst letztlich größer als die Ungewissheit eines radikalen Neuanfangs. Und so leben wir eben mit diesem "vielleicht doch mal", nach einem satten Sieg über Manchester United sogar für den Moment ganz gut.


Eingestellt von marxelinho am 6. Oktober 2015.
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