03. April 2016

Die alten Clubs aus den großen Städten

Vor dem wegweisenden Auswärtsspiel in Mönchengladbach hat sich Hertha BSC als Teil einer Interessensgemeinschaft innerhalb der Liga zu erkennen gegeben, die einige Fragen aufwirft. Dem "Team Marktwert" gehören außerdem Eintracht Frankfurt, Werder Bremen, der Hamburger SV, der 1. FC Köln und der VfB Stuttgart an, nicht jedoch die Borussia aus Mönchengladbach. Sechs Teams, unter denen Hertha aktuell sportlich am besten dasteht, womit sich das eine oder andere Traditionsdefizit gut ausgleichen lässt.

Das Projekt dieser Gruppe (die SZ nannte sie pointiert "die alten Clubs aus den großen Städten") ist legitim, wie es eben so ist in einer freien Wirtschaft, in der Körperschaften sich gelegentlich zum eigenen Besten mit anderen zusammentun, weil man hofft, gemeinsam noch mehr für sich selbst herauszuholen. Allerdings hat es doch einen unangenehmen Beigeschmack, wie sich da neuerdings mehrfach Teile der ersten Liga in unterschiedlichen Konstellationen formieren, wobei unterschiedliche Schimären von Traditionalität vorgeschützt werden. Mal lässt man die aktuellen Aufsteiger außen vor, auch wenn beide keine Anstalten machen, willfährig wieder in die zweiten Liga zurückzugehen.

Nun formiert sich der Mittelstand. So könnte man am ehesten das Profil der sechs Clubs zusammenfassen, die sich da gefunden haben. Mainz erschien wohl als zu klein und zu neu, Schalke als zu groß und oligarchisch - wir können nur spekulieren. Für uns Hertha-Fans stellt sich nur eine Frage: Ist es richtig, dass Hertha da mitmacht?

Es geht um einen neuen Schlüssel bei der Verteilung der Fernsehgelder. Dabei sollten künftig weitere Faktoren zusätzlich zu den bisherigen gelten, die in erster Linie das sportliche Abschneiden reflektieren. Wenn man es positiv sehen will, dann geht es dabei um eine zumindest teilweise Korrektur von Effekten, die den Markt verzerren, in erster Linie das finanzielle Engagement von Konzernen bei Werksclubs (Leverkusen, Wolfsburg, Hoffenheim, absehbarer Weise nächstes Jahr Leipzig).

Das Team Marktwert bringt allerdings eine dubiose Größe ins Spiel, die nur auf den ersten Blick plausibel wirkt: Natürlich könnte man sagen, dass Teams genauso gut einen Marktwert haben wie Spieler. Aber schon dort ist dieser ja eine fiktive Größe, die sich nur konkretisiert, wenn ein neuer Vertrag abgeschlossen werden soll. Die DFL würde nach dem Bestreben von Team Marktwert also einmal im Jahr den aktuellen Marktwert von Hertha BSC feststellen, der ergäbe sich aus verschiedenen Faktoren: Tabellenstand, Besucherzahlen, Einschaltquoten im Bezahlfernsehen, aber auch Popularität in digitalen Netzwerken.

Da hat Hertha ja erst neulich einen Coup gelandet, als eine Anleihe über eine Million Euro innerhalb weniger Minuten gezeichnet wurde - das Geld soll in die "digitale Transformation" von Hertha investiert werden. Im Grunde zielt das Projekt von Team Marktwert auf einen zweifachen, in sich durchaus widersprüchlichen Effekt: einerseits sollen Nebeneffekte sportlichen Erfolgs eingerechnet werden, andererseits soll das Fehlen sportlichen Erfolgs durch stabilisierende Traditionsfaktoren entschärft werden. Das sind dann in erster Linie treue Fans, die eben in Hamburg in größerer Zahl durch Täler der Tränen gehen als in Augsburg.

Michael Preetz hat das Team Marktwert nun noch einmal ausdrücklich verteidigt. Trotzdem bleibt für meine Begriffe ein schales Gefühl. In der gegenwärtigen Situation steht ja zweierlei auf dem Spiel: Die Positionierung der Liga im internationalen Wettbewerb, und das Gedeihen einzelner Vereine. Die Liga ist ohnehin fraktioniert genug, ein "Traditionsbündnis" zwischen Vereinen, die in Wahrheit sehr unterschiedliche Voraussetzungen und Geschichten haben, hat de facto wenig mehr für sich zu reklamieren als den Umstand, dass in den größeren Städten zumeist größere Stadien bespielt werden, wobei Hertha seinen respektablen Besucherschnitt ja auch dem Umstand zu verdanken hat, dass in der Hauptstadt viele, viele Fans von Clubs leben, die in Berlin auswärts antreten, manchmal aber unter Bedingungen halber Heimspiele.

Das Team Marktwert spaltet die Liga nach einem letztlich nicht plausiblen Kriterium. Noch vor einem Jahr hätte Hertha vermutlich Mühe gehabt, in diese Runde aufgenommen zu werden. Sachlich kann man über die Vorschläge sicher diskutieren, wir dürfen uns dabei aber keinen Illusionen hingeben: In erster Linie dient derzeit alles dem Zweck, den Marktwert der Liga als solchen hochzutreiben, und dieser wird letztendlich von niemand anderem bezahlt als von den Fans selber.

Vor diesem Hintergrund und angesichts der inflationären Effekte in konkurrierenden Ligen ist alles zu begrüßen, was die Solidaritätseffekte des deutschen Ligabetriebs stärkt. Das Team Marktwert setzt in diesem Zusammenhang für ein plausibles Anliegen ein falsches Zeichen.



Eingestellt von marxelinho am 3. April 2016.
Keine Kommentare