29. September 2017

Die größte Widrigkeit ist meistens der Gegner

Es war eine Szene mit Symbolkraft, kurz vor dem Ende von Herthas Europa League-Gastspiel im schwedischen Östersund. Darida hatte halblinks den Ball, der Ball musste irgendwie noch einmal in den Strafraum, die Nachspielzeit war schon abgelaufen, aber eine Flanke mochte sich noch ausgehen. Doch der Tscheche kam nicht dazu, er wurde immer weiter abgedrängt, war schon fast am Mittelkreis, und bevor er sich noch befreien konnte, machte der Schiedsrichter den Bemühungen ein Ende. Hertha verlor mit 0:1, und das war noch nicht einmal der größte Upset in der Gruppe gestern, denn Bilbao verlor daheim gegen Luhansk auch mit 0:1.

Es gibt keine Zwerge mehr im Fußball. Das ist eine so geläufige Formulierung geworden, dass man sie fast nicht mehr ernst nehmen möchte. Aber sie trifft halt was, was diesen Sport so großartig macht. Wie wir ja auch im richtigen Leben öfter Genugtuung dabei haben, wenn Favoriten entzaubert werden, müssen wir dann halt irgendwie damit leben, wenn ausnahmsweise wir es einmal mit einem Favoriten halten.

Bei Hertha sind wir das nicht gerade in exzessivem Maß gewöhnt. Wenn man die gegenwärtige Phase der Mannschaft irgendwie bestimmen möchte, dann wäre das unter anderem dadurch möglich, dass Hertha sich zögernd daran gewöhnt, nicht mehr überall mit dem Außenseiterstatus antreten zu können, den man ohnehin so lange wie möglich zu kultivieren versucht hat.

Gegen Östersund ist ein deutscher Bundesligaclub aus der Spitzengruppe zweifellos Favorit, auch wenn die Liga als solche sich diese Woche ganz auffällig kollektiv blamiert hat - allerdings auf zu unterschiedliche Weisen, um daraus große Konsequenzen ziehen zu können. Hertha hat in Östersund - Kunstrasen, Provinz, originelles Team, insgesamt eine Art schwedisches Hoffenheim - eine weitere wesentliche Erfahrung mit Widerstand gemacht.

Dabei hat sich gezeigt, dass die Mannschaft mit Widerstand nicht viel anfangen kann. Sie reagiert darauf tendenziell mit Schema F. Sie tut alles, was man halt so tun kann, verlagert viel das Spiel, und schickt Alex Esswein in Gassen, die enger sind als in der Altstadt von Genua. Dass er sich dort meistens verirrt, hat auch mit seinem Ungestüm zu tun - einer, wie wir längst wissen, zwiespältigen Eigenschaft. Der Kapitän, unverkennbar seit längerem unter Überdruck, versucht abenteuerliche, gelupfte Doppelpässe, denen es notwendigerweise an Präzision fehlt.

Der Neuling Lazaro hatte noch wenig Bindung an das Spiel, Mitchell Weiser fehlt seit längerer Zeit der entscheidende Funke, das Duo im Maschinenraum fühlt sich immer nur abwechselnd für das Spiel zuständig, das sind so kleine, lange bekannte Imponderabilien, mit denen Hertha gegen sich selbst Widerstand leistet.

Der Coach hatte ein paar Spieler geschont, dafür bekam Jordan Torunarigha eine Chance. Er hatte nicht den besten Tag. Mit solchen punktuellen Einsätzen kommt Dardai natürlich auch an die Grenzen der Rotation, denn mit Torunarigha wird ja nicht rotiert, er bekommt selten einmal die Chance. Im Grunde sind alle die Jungen weit weg von der Mannschaft, und Torunarigha ist ihr am Donnerstag nicht wirklich näher gekommen. Vielleicht hätte er gegen Mainz eher ins Team gepasst? Fragen eines dreifach "belasteten" Fans.

Die Gruppe ist jetzt so spannend, dass wir uns auf die restlichen vier Spiele wirklich freuen können. Wobei zwei davon vermutlich halbe Geisterspiele sein werden. Da wird es dann auf die Mannschaft ankommen, die gegen Östersund (auch wegen der Bayern, die am Sonntag kommen) eindeutig nicht wusste, wo die Grenze lag, über die sie hätte gehen sollen.


Eingestellt von marxelinho am 29. September 2017.
Keine Kommentare