18. Dezember 2016

Die Macht im Osten

Die Tabelle lügt nicht, aber auch das Spiel von RB Leipzig gegen Hertha ließ wenig Zweifel: Die Liga hat einen zweiten FC Bayern. Das 0:2 in der ersten Bundesligabegegnung von Hertha und den "Roten Bullen" (die zugleich ein erstes Derby war, von dem noch unklar ist, ob es einmal einen Klassikerstatus wie HSV-Bremen erreichen kann) verrät als Resultat nur in Andeutungen, dass es eine sehr, sehr klare Sache war.

Für Hertha, noch immer auf Kurs zu einer außergewöhnlichen Hinrunde (2008 unter Favre waren es 33 Punkte nach 17 Spielen, das ist theoretisch auch dieses Mal wieder möglich), war es eine ernüchternde Erfahrung, denn schon gegen den richtigen FCB war die Chancenlosigkeit eklatant gewesen. Und nun also auch gegen den Aufsteiger aus der Nachbarmetropole, zweifellos ein mächtig angeschobenes Team, aber eben auch ein ziemlich kompetentes. Die Mittel, mit denen Hertha in der ersten Halbzeit auseinander genommen wurde, erinnerten an den Dominanz- und Einschürungsfußball der Bayern unter Guardiola.

Es war ein Spiel prinzipieller Inkongruenz, weil Hertha versuchte, Räume dicht zu machen, die von Leipzig ständig in neue Zwischenräume zerlegt wurden. Man kann da nicht viel mehr als versuchen, aso lange wie möglich "drinzuhängen", kurz vor der Pause war es dann aber geschehen, nach einem 25-Millionen-Tor (Naby Keita, 15 Millionen, Zuspiel auf Timo Werner, 10 Millionen, in diesem Moment beide jeden Cent wert).

Der listenreiche Pal Dardai, der schon jetzt gelegentlich Vorgriffe auf den Elder Statesman andeutet, der er als Jungspund auf der Betreuerbank ja noch lange nicht sein kann, hatte eine Aufstellung gewählt, die man in viele Richtungen drehen und wenden kann. Nur einen Sieg oder auch nur ein achtbares Remis in Leipzig gab sie beim besten Willen nicht her.

Einerseits wirkte die Formation so, als wäre der Auftritt in Leipzig ein Freispiel, eben mal so ein wenig pflichtschuldig einzuschieben vor dem wirklich wichtigen Spiel gegen Darmstadt am Mittwoch. Dafür sprach die Aufstellung von Allan im Mittelfeld (auffälligste Szene: seine Passivität beim zweiten Gegentor), die von Hegeler in der Innenverteidigung. Andererseits schien der Coach etwas vorzuhaben, indem er Schieber gemeinsam mit Ibisevic brachte. Ein Spiel einerseits fast von vornherein abzuschenken, es dann aber durch die Hintertür (die im Fußball immer die Vordertür ist) doch noch gewinnen zu wollen, das geht selten gut. Die frühe Verletzung von Mitchell Weiser, dem besten Fußballer bei Hertha, war dann auch noch ein Rückschlag, weil damit eine zentrale Verbindung zwischen Defensive und Offensive ausfiel.

Herthas Plan hätte vielleicht aufgehen können, wenn die Null bis Pause gestanden hätte. Dazu hätten aber die offensiven Spieler mehr Bälle "festmachen" müssen. Das gelang jedoch überhaupt nicht. Kalou (zu Recht zur Pause raus), Schieber (ohne Grund nach der Pause noch im Spiel) und Haraguchi (seit Wochen schwach) ließen die nominell mutige Formation so stumpf werden wie ein Nähkissen, in dem die Nadeln ja bekanntlich nicht nach außen zeigen.

Der Leipziger Schwede Forsberg hingegen demonstrierte, was man sich in Berlin von dem einstmaligen Königstransfer Valentin Stocker einmal hätte erwarten können, und auch, wofür Salomon Kalou wohl inzwischen definitiv zu langsam ist.

Hertha ist in einer seltsamen Situation. Dem Auftrag der Liga, die Spitzenteams nicht davonziehen zu lassen, kann sie nicht entsprechen, obwohl es von der Tabellensituation her eindeutig zu den Pflichten gehören würde, eine seriöse Herausforderung zu probieren. Die Winterpause kommt bald wie gerufen, denn mit den vielen Verletzungen und den vielen unklaren Positions- und Formfragen (vor allem gruppiert um den auf Position 8 zuletzt schwachen Darida) tut eine Nachdenk- und Übungspause gut. Vorher gibt es aber noch eine Chance, ganz seriös einen Favoritensieg gegen Darmstadt zu realisieren.

Hertha hat die ganze Hinrunde hindurch versucht, sich dazwischen zu positionieren: weder als Außenseiter noch als Favorit zu gelten, sondern einfach ein Spiel zu machen, das auf eine gewisse Weise immer schwach definiert war - wenig explizites Pressing, nicht allzu viel Kreativität, viel Vertrauen auf Effizienz und Mentalität. Nach zwei Niederlagen hintereinander muss niemand ein Konzept hinterfragen, weil es es im Grunde keines gibt, das über die Basiskompetenzen des Fußballs hinaus geht.

Hertha wird sich irgendwann besser definieren müssen. Es fällt auf, dass sie in Topspielen klarere Defizite zeigt als andere Außenseiter, die nicht "auf der Rechnung" stehen. Das lässt erkennen, wie schwer es ist, einer Mannschaft ein plausibles Selbstverständnis zu geben, und dieses in Einklang mit der Tabellenposition zu bringen. Leipzig macht gerade beindruckend vor, wie es geht.



Eingestellt von marxelinho am 18. Dezember 2016.
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