20. Juni 2016

Die Maxime lautet Verstärkung mit Anlauf

Im Kicker lese ich heute morgen einen kleinen Bericht, der mich derzeit, da die Europameisterschaft durch die Aufwärmrunden geht, deutlich mehr interessiert als die Frage, was das Problem von David Alaba in der österreichischen Nationalmannschaft ist oder ob Roy Hodgson vielleicht doch die taktische Flexibilität hat, um England erfolgreich spielen zu lassen. Hertha BSC und Tolga Cigerci wollen es anscheinend diese Saison noch einmal miteinander versuchen.

Da kann natürlich im Sommer doch noch einiges passieren, denn die Vertragslage ist vielschichtig: Cigercis Dienstverhältnis ist mit 2017 befristet. Eine Weile wollte Hertha gern verlängern, derzeit sieht es eher danach aus, als wollte man sich die Sache in Ruhe ansehen. Aber der Kicker zitiert Michael Preetz eben mit den Worten: "Tolga will hier einen neuen Anlauf unternehmen." Es ist in diesem Sommer nicht "Maxime" von Hertha, sich der klassischen Alternative (Verkauf ein Jahr vor Vertragsablauf oder Drängen auf Verlängerung des Vertrags) zu unterwerfen. Könnte heißen: Man schaut sich die Sache einmal an, und spricht dann im Oktober gegegebenfalls über einen neuen Vertrag. Wenn man schon ein wenig mehr weiß, in welche Richtung die Sache für Hertha wie für Cigerci geht.

Im Grunde ist das die Schlüsselpersonalie überhaupt. Herthas größtes strategisches Problem in der letzten Saison war die zu große Ähnlichkeit der Positionen 6 und 8. Beide wurden, meistens von Skjelbred und Lustenberger, zu konservativ interpretiert. Hertha war aus dem Zentrum heraus unproduktiv. Cigerci ist für die Position 8 eine herausragende Option. Die Frage ist nur, ob er mit dieser Rolle zurechtkommt.

Bisher waren seine größten Probleme körperlicher und mentaler Natur. Seine Verletzungsgeschichte ist bekannt, man weiß auch, wie wichtig es für einen Spieler sein kann, in optimaler Verfassung in eine Saison inklusive Vorbereitung zu sehen. Cigerci postet derzeit Bilder von sich in einem Fitnessstudio in Miami - er bringt sich locker in Form.

Die mentalen Probleme in der Rückrunde 2016 hatten für meine Begriffe stark damit zu tun, dass seine Rolle so schlecht definiert war: Wenn er Spiele bekam, dann schien er sich zu viel Druck zu machen. Zumal er auch auf dem Flügel eingesetzt wurde, das machte er übrigens gar nicht schlecht. Man konnte aber durchaus den Eindruck haben, dass Hertha ihn mit seinen Aufgaben allein ließ - die Pädagogik von Pal Dardai war im Falle Cigercis nicht immer gut nachvollziehbar, das ging auch ziemlich hin und her.

Er bräuchte letztendlich genau das, was im Idealfall heuer möglich wäre: einen Saisonstart auf seiner Idealposition mit der Zusage, sich dort eine Weile bewähren zu können. Dazu müsste man ihm den Druck nehmen, alles kreativ lösen zu müssen, von der Abholung des Balls bei Jarstein (ein berüchtigtes Gegentor 2016 entstand aus einer solchen Situation) bis zum letzten Pass.

Gegen Schalke hat Cigerci ein Spiel lang gezeigt, was mit ihm möglich ist. Es ist enorm viel. Er bringt die Mannschaft voran, sowohl mit Pässen als auch mit Läufen. Sein Aktionsradius ist berühmt, wenn er es schafft, dabei nicht in Aktivismus zu verfallen, dann kann er die Mannschaft enorm weiterbringen. Zumal er in einem zentralen Dreieck mit Darida und Skjelbred (bei dem es allerdings viele Fragen gibt) eine Menge Dynamik und Kreativität entwickeln könnte.

Die ruhenden Bälle waren 2016 ein Signal dafür, dass Cigerci nicht mit sich und den Umständen im Reinen war: Er wollte Verantwortung übernehmen, hatte aber oft nicht die nötige Konzentration. Es spricht alles dafür, auf verschiedenen Ebenen mit ihm in diesem Sommer intensiv zu arbeiten. In jedem Fall zähle ich zu denen, die auf Tolga Cigerci bei Hertha BSC setzen würden. Er ist einer derjenigen, der Fantasie in diesen Kader bringt. Und er könnte wertvoller werden als so mancher Neuzugang.


Eingestellt von marxelinho am 20. Juni 2016.
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