15. Februar 2016

Die Veredelung der Verlängerung der Verlängerung

In den "sterbenden Momenten" des Spiels hat der Arsenal FC gestern das packende Duell mit Leicester City noch für sich entschieden: "the dying moments", einer dieser dramatischen und bildhaften Ausdrücke, die ich an der englischen (Fußball-)Sprache so liebe. Eigentlich sah alles danach aus, dass der Eckball, den Özil davor getreten hatte, die letzte Chance sein würde, dann ergab sich aber noch ein Freistoß aus dem Halbfeld. Der Corner war ohne Überzeugung gekommen, der Freistoß aber hatte diese technische Qualität, die Özil so besonders macht: er kam genau auf die Fünfmeterlinie, strich haarscharf über ein paar Verteidiger hinweg, und fand Danny Welbeck, der kurz vor Giroud an den Ball kam. Unhaltbar für Schmeichel. Und einer der Momente, für die man Fußball schaut: Das Emirates tobte.

Aus guten Gründen. Arsenal brauchte dringend ein Erweckungserlebnis nach zuletzt mäßigen Ergebnissen. Das Spiel gegen die sensationellen Spitzenreiter aus Leicester bot sich für einen Umschwung an. Es war dann aber härteste Arbeit in einem Duell, das an Spannung kaum zu überbieten war. Leicester hat wirklich ein sehr gutes Team, das gar nicht einmal so sehr durch Kompaktheit überzeugt, sondern durch enorme Gefährlichkeit. Hinten machen sie schon dicht, keine Frage, aber das Selbstbewusstsein, mit dem sie ihre Angriffe vortragen, ist beachtlich.

Arsenal nahm die Herausforderung an, dominierte zu Beginn, und dann, nach einem Gegentreffer kurz vor der Pause, die gesamte zweite Halbzeit. Ob man den Elfmeter geben muss, führt mitten in die Zweideutigkeiten des modernen Spiels: Monreal trifft Vardy nicht, stellt aber das Bein parat, über das Vardy sich fallen lässt. Das ganze Manöver ist ein missglücktes Tackling, denn den Ball verfehlt Monreal. Vardy nimmt sich das Foul.

Es bedurfte einer risikofreudigen Umstellung, damit Arsenal das Spiel in den Griff bekam: Wenger opferte nach einer Stunde Coquelin für Walcott, Ramsey wurde damit zum "holding midfielder" und Absicherer vor der Abwehr. Den Ausgleich machte Walcott nach Kopfballvorlage von Giroud. Der Stürmer, lange Zeit einer der umstrittensten Spieler von Arsenal, ist mit seinem Engagement und seiner Leidenschaft eine der prägenden Figuren der Saison. Immer schon fiel er auch dadurch auf, dass er nicht nur abschließt, sondern auch ablegt, und zwar sehr, sehr klug, wenn es passt. Das Finish von Walcott, im direkten Gegenüber mit dem hervorragenden Schmeichel, war exzellent, da gehört er zu den Weltbesten, da hat er fast die Coolness eines Podolski.

Danach spielte Arsenal den Gegner eine halbe Stunde lang schwindlig, und es war schwierig zu sagen, was dabei faszinierender war: das Geschick und der Bestemm, mit dem Leicester alles wegarbeitete, oder doch die fließenden Dreieckskonstellationen, die Özil, Sanchez, Monreal auf links, Bellerin, Walcott und Oxlade-Chamberlain auf rechts aufzogen, mit Spielzügen, die einander ähnelten, weil sie ja auf individuellen Vorlieben beruhen - doch dann zieht Sanchez einmal mehr nach innen, wie das sein Trademark Move ist, spielt dabei aber einen Pass auf Linksaußen, mit dem niemand rechnet, und Monreal hat einmal mehr Platz für eine gefährliche Hereingabe.

Die entscheidende kam dann von einem ruhenden Ball, und auch das machte Sinn, denn Arsenal zermürbte den Gegner auch dadurch, dass er zu Fouls gezwungen wurde: Die gelb-rote Karte gegen Simpson in der 54. Minute war natürlich mitentscheidend, weil danach die Entlastung, also das eigentliche Stilmittel von Leicester City, nicht mehr so zur Geltung kam.

Am Abend gewann dann Tottenham noch verdient bei Manchester City, sodass Arsenal weiterhin davon ausgehen muss, dass der Lokalrivale zur Zeit als der eigentliche Titelfavorit gelten muss. Das Derby Anfang März wird an der White Heart Lane gespielt, beim Hinspiel im November hatte es ein 1:1 gegeben. Ein Remis könnte dieses Mal schon zu wenig sein, in jedem Fall dürfen wir uns auf ein extrem aufgeladenes Spiel freuen. Davor empfängt Arsenal aber noch Barcelona, und muss zu Manchester United.

In dieser Situation wirkt die Rückkehr von Danny Welbeck nach langer Verletzung wie ein Signal. Ich sehe ihn als einen absoluten Topmann, der sowohl mit Giroud wie auch an seiner Stelle spielen kann. Gerade gegen Barcelona könnte er über den rechten Flügel kommen - die offensiven Optionen von Arsenal sind zahlreich. Özil wirkt nach wie vor nur bedingt frisch zur Zeit, das FA-Cup-Wochenende wird ihm gut tun.

Die Liga geht jetzt noch drei Monate in England. Eine Unsicherheit besteht sicher darin, ob Tottenham die ungeheuer beständige Form halten wird können - denken wir an Liverpool vor zwei Jahren, da kam der Kollaps erst spät, dann allerdings schockierend. Leicester City bleibt ebenfalls im Rennen, das ist nach der Leistung im Emirates keine Frage. Arsenal aber ist das Team, das die Überraschungsmannschaft der Saison nun zweimal geschlagen hat. Das ist auf jeden Fall ein Statement.


Eingestellt von marxelinho am 15. Februar 2016.
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