02. Oktober 2016

Die volle und die sichere Bank

Vor der Saison habe ich den HSV als eine "bench mark" für Hertha in dieser Saison genommen. Das Vergleichsmoment sehe ich in der Situation zweier Traditionsclubs mit großen Standortvorteilen in bedeutenden Städten, und in dem Umstand, dass beide zuletzt beträchtliche Mittel von "kapitalistischer" Seite erhielten.

Nach sechs Spielen und dem direkten Duell gestern im Olympiastadion sieht die Sache vorerst überraschend klar aus: Der HSV steht nach einem einzigen Remis und einem Trainerwechsel ganz unten. Hertha folgt auf Platz 2 direkt hinter den Bayern, von denen sie an Punkten nur durch die Niederlage im direkten Duell getrennt ist (und durch zehn Tore, von denen sechs im ersten Spiel der Bayern gegen den damals noch desolaten SV Werder Bremen fielen).

Das 2:0 von Hertha gegen den HSV war einseitig, aber keineswegs ungefährdet. Hertha ist in der Rückwärtsbewegung nicht immer souverän. Insgesamt ist das aber eine bemerkenswert reife Mannschaft, in die sich Neuzugänge (Esswein) und Rückkehrer (Stocker) so gut fügen, dass auch das lange Zeit so unproduktive Duo Lustenberger und Skjelbred gar nicht anders kann, als besser am Aufbauspiel teilzunehmen.

Und dann ist ja auch noch festzuhalten: Das läuft so gut weitgehend ohne zwei ganz wichtige Spieler, denn sowohl Duda, der das damals doch beträchtliche kreative Defizit auflösen sollte, wie auch Darida, der lange Zeit völlig unverzichtbar schien, sind derzeit nicht dabei, und auch John Brooks muss sich nach einer Pause wieder anstellen, um in die Mannschaft zu kommen. Bei Salomon Kalou gibt es besondere Umstände.

Die entscheidende Veränderung im Vergleich zur letzten Saison scheint mir eben diese zu sein: Die Betreuer haben Zutrauen zu ihrem Kader gefunden, lassen nicht mehr nur eine einzige Elf bis zur Erschöpfung schuften, sondern können variieren auf Basis einer funktionierenden Ordnung. Die Außenbahnen haben kontinuierlich an Qualität gewonnen, wobei sich bei Esswein abzeichnet, dass Michael Preetz vom "Einkäufer des Jahres" nicht sofort zum beliebigen Schnäppchenjäger zurückzustufen ist.

Esswein ist schon jetzt der wirksamste Hertha-Winger, er ist damit Herausforderung und Inspiration für Haraguchi, und in beiden Fällen funktioniert die Zusammenarbeit mit dem Partner aus der Viererkette sehr gut. Mitchell Weiser wäre früh beinahe eine Kopie seines Treffers gegen Schalke gelungen. Esswein bereitete dann auch den Führungstreffer vor, den Ibisevic erzielte: in Manier eines Topstürmers, nämlich mit dem unerwarteten Fuß.

Dass zur Absicherung des Vorsprungs dann später nicht Hegeler (nicht im Kader), sondern Allan Souza kam, das ist auch so ein kleines Indiz dafür, dass die Mannschaft durch Variabilität zusammenwächst. Der ausgeliehene Brasilianer deutet interessante Dinge an. Und wenn man sich jetzt einmal überlegt, wie die Mannschaft aussehen könnte, wenn alle da sind, dann sieht man auch, dass es eine relativ breite Grundlage für mögliche Entwicklungen gibt. Man kann auch sagen: eine intensive Konkurrenz um die Plätze.

Pal Dardai ist ein Trainer, von dem man glauben kann, dass er so etwas gut moderiert. Er hat sich erstaunlich verändert im Lauf der letzten Wochen. Aus dem phasenweise doch etwas ratlos wirkenden Jungtrainer, der er noch im April und Mai war, ist ein souveräner Betreuer geworden, von dem man nun das Gefühl haben kann, dass er auch weitere Herausforderungen durch Adpation bestehen kann. Zumal die Zusammenarbeit mit der sportlichen Leitung gut läuft.

Gladbach kann heute noch auf Platz 2 vorstoßen. Doch es deutet viel darauf hin, dass Hertha sich in diesem Jahr mit dem Traditionsklub aus dem Westen, der seit Jahren so exzellent gemanaget wird, besser messen kann. Das wäre dann schon eine ganz andere "bench mark".


Eingestellt von marxelinho am 2. Oktober 2016.
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