08. März 2017

Die Wolken des Nichtwissens

Am Ende hatte Arsène Wenger sogar noch einmal berechtigten Grund zur Klage: Das zweite 1:5 gegen den FC Bayern, im Rück- und Heimspiel im Achtelfinale der Champions League, fand unter irregulären Bedingungen statt. Den Elfmeter zum Ausgleich, die rote Karte gegen Koscielny hätte es nicht geben dürfen, weil Lewandowski sich vor dieser Aktion im Abseits befunden hatte. Es war zu Beginn der zweiten Halbzeit. Arsenal führte mit 1:0, Gesamt 2:5. Noch war nicht alle Hoffnung perdu, wie schon im Hinspiel ging dann ohne Koscielny alles den Bach hinunter.

2:10, eine Ziffer für die Geschichtsbücher, die man aber hoffentlich künftig vor allem mit einem Umstand in Zusammenhang sehen wird: das Ende der Ära Wenger bei Arsenal. Es ist überfällig, und zwar nicht erst seit einigen Wochen. Wenn man als Fan in ein Champions League-Viertelfinale geht, ohne sich an einen Strohhalm zu klammern, wie man das doch sonst immer tut, dann hat das eine Vorgeschichte.

Und die Vorgeschichte ist in diesem Fall der lange Niedergang von Arsene Wenger, konkret aber ist es für mich ein Spiel: Anfang Februar hatte Arsenal gegen Chelsea einen so kläglichen Auftritt, dass auch noch dem letzten Anhänger des "wissenden" Arsène klar gewesen sein müsste, dass das ein alter und nicht mehr tragbarer Hut geworden ist: Arsene knows nämlich nichts. Er weiß nicht mehr, wie man eine Mannschaft einstellt, er weiß nicht, was einen guten von einem mediokren Spieler unterscheidet, er weiß nicht, worauf es im modernen Fußball ankommt. Er lebt von seinem Mythos, und er lebt immer schlechter davon.

Es ist verständlich, dass ein großer Mann in Würde gehen will, und nachdem ihm bei Arsenal niemand die Entscheidung abnimmt, obwohl sie längst fällig wäre, müssen wir da eben noch durch, bis es nicht mehr anders geht. Das 2:10 sollte hoffentlich der Fingerzeig gewesen sein, dem sich niemand mehr verschließen kann bei einem zunehmend dysfunktionalen Club. Denn unter normalen Umständen müsste man jetzt über einen Trainerwechsel nachdenken, und nicht erst zum Saisonende, wenn vielleicht auch die Champions League-Teilnahme der kommenden Saison verspielt ist.

Arsenal befindet sich im Besitz zweier Magnaten, die einander nicht leiden können. Stan Kroenke hat bisher wenig Interesse an der sportlichen Seite des Betriebs gezeigt. Das dritte Drittel, mit dem er wenig bewegen kann, gehört Alischer Usmanow, einer der übelsten Figuren aus dem postsowjetischen Räubernetzwerk. Das sind Eigentumsverhältnisse, die einen ohnehin schon die ganze Zeit zu mächtigen Abstraktionsleistungen zwingen, dazu gehört ein englisches Gentlemen's-Board, dem man eher die Aufsicht über eine Dog Show anvertrauen würde als einen Fußballclub, der mit seinen Rahmenbedingungen eigentlich zur Weltspitze gehören sollte, der aber so geführt wird, dass er es schon lange nicht mehr unter die letzten 8 in der Champions League schafft.

Arsenal hat also nicht nur ein Trainerproblem, sondern ein episches Strukturproblem. Und auf dieser Ebene ist die Sache schon wieder spannend, denn vermutlich wird sogar ein Weiterkommen im FA Cup (gegen den Non League-Club Lincoln City am Samstag) schon wieder so viel Normalität in den Betrieb pumpen, dass man sich über das größere Ganze wieder Illusionen machen kann.

Wenger will sich angeblich nach der Länderspielpause erklären. Es ist zu hoffen, dass der FC Bayern ihm den Weg deutlich gewiesen hat. Da allerdings Starrsinn eine seiner auffälligsten Eigenschaften ist (und er bei Arsenal als absoluter Alleinherrscher auch in einer Blase lebt), könnte es genausogut sein, dass er versucht, sich an der Fehlentscheidung vom Dienstag wieder aufzurichten. Die viel gigantischere wäre es aber, wenn er Arsenal noch länger mit seiner vergeblichen Suche nach einem starken Abgang behindern würde. Den FA-Cup 2017 kann er ja trotzdem noch gewinnen. Es wäre nicht einmal ein Trostpreis angesichts der verlorenen Jahre.


Eingestellt von marxelinho am 8. März 2017.
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