27. Februar 2016

Dreipunktespiel mit zwei Gesichtern

Es war eine äußerst innige Umarmung, mit der Pal Dardai und Rainer Widmayer den Sieg am Freitagabend beim 1. FC Köln besiegelt haben. Man kann aus der offensichtlichen Emotion sehr schön herauslesen, dass der Druck doch schon ganz schön groß war, auch wenn es selbstverständlich ein Druck im Luxus ist, ein "guter Druck", wie das der Coach im Herbst schon einmal genannt hatte. Guter Druck ist, wenn du gute Leistungen bestätigen musst. Schlechter Druck ist, wenn du dich aus einem Morast befreien musst, wie das im Abstiegskampf oft ist.

Hertha brauchte dringend drei Punkte, andernfalls hätte die Rückrunde eine gewisse Schlagseite bekommen. Manchmal spricht man im Fußball von einem Sechspunktespiel, aber dafür war die Situation noch nicht heikel genug. Es war ein klassisches Dreipunktespiel, nach dem einer schon zwei zu wenig gewesen wäre. Hertha machte drei drei Punkte, allerdings mit zwei recht unterschiedlichen Halbzeiten. Am Ende war von der Souveränität der ersten Halbzeit kaum noch etwas übrig, und die Nachspielzeit hatte nicht zuletzt Marvin Plattenhardt auf ungewöhnliche vier Minuten aufgebläht, weil er davor einmal allzu offensichtlich Zeit geschunden hatte.

Hertha steht in der Liga auf Platz 3, das sieht immer noch nach einer Übertreibung aus, deren technische Korrektur, wie das Börsianer nennen würden, nicht ewig hinausgezögert werden kann. Aber dieser Platz 3, der zugleich Anspruch und Verführung ist, weist auch eine Rolle in einem Spiel wie gegen Köln zu. Es ist die Favoritenrolle. Hertha hat sie in der ersten Halbzeit angenommen, spielte dominant und dabei mit Ruhe und dem typischen Stilmittel der häufigen Einbindung des Tormanns. Fast schon könnte man das häufige Hintenherum für ein pädagogische Mittel halten, das auch auf die Fans zielt: auf deren Moderation der eigenen Ungeduld.

Hertha machte das Spiel, und beantwortete schließlich kurz vor der Pause die nagende Frage: Kann die Mannschaft auch noch Tore? Dem schönen Treffer von Ibisevic ging ein ziemliches Durcheinander aus gewonnenen Zweikämpfen und chaotisch abprallenden zweiten Bällen voraus, doch im entscheidenden Moment hatte Kalou die Ruhe, und Ibisevic die ideale Position. Man muss auf den Kölner Keeper schauen, um die Qualität dieses Abschlusses zu ermessen: Er steht keinen halben Meter neben der Schussbahn, bekommt aber keinen Körperteil auch nur in den Ansatz einer abwehrenden Bewegung.

In der zweiten Halbzeit haben ich gelitten (im Heimkino). Da habe ich bemerkt, dass ich auch selbst längst wieder sehr an dieser Mannschaft hänge, dass eine gewisse Apathie, eine innere Abschottung, aus den Fahrstuhljahren endgültig überwunden ist. Die allmählich leidenschaftlicher werdenden Bemühungen von Köln, denen die Betreuer mit Hegeler einen weiteren Kopfballabräumer entgegensetzten, führten immerhin zu einem Handspiel von Skjelbred, das eindeutig mit einem Elfmeter zu ahnden gewesen wäre. Hertha war also einem Punkt lange Zeit näher als drei Punkten, doch Köln erwies sich insgesamt doch als ein dürftiger Gegner.

Da waren prinzipiell schon Unterschiede in der Spielkonzeption erkennbar, aus denen man durchaus ableiten kann, warum Hertha im Pulk um die europäischen Plätze spielt (ihn bis Dienstag auch anführen wird), während Köln sich in Tabellengegenden einsortiert, über die man in Berlin vor Beginn dieser Saison wohl durchaus zufrieden gewesen wäre. Jetzt aber eben nicht mehr, wie auch die Körpersprache von Pal Dardai und Rainer Widmayer verriet.

Personell lässt sich feststellen, das Variationen des gefundenen Systems (4-4-1-1) offensichtlich nicht vorgesehen sind: Weiser vor Pekarik, Stark statt Langkamp, Kalou auf der Zehn, das sind geringfügige Änderungen. Zwei Themen fallen aber auf jeden Fall auf, sie hängen auch zusammen: Die einzige Idee, wie sich Herthas Spiel deutlich verändern ließe, wäre eine Trennung des Duos Skjelbred/Lustenberger. Dazu besteht kein Anlass (Platz 3!), allerdings müsste man perspektivisch doch über die Ergiebigkeit des Zentrums nachdenken. Ich schreibe das auch ein bisschen mit der Wehmut der Erinnerung an die große, potentiell stilbildende Rolle, die Tolga Cigerci auf der Acht für Hertha schon einmal über einige Zeit angedeutet hat.

Er spielt derzeit kaum eine Rolle, ich hätte ihn gestern lieber gesehen als Hegeler, aber man wird es niemand verdenken wollen, dass Dardai und Widmayer sich dafür entschieden, den knappen Sieg lieber zu ermauern als ihn, noch dazu auf einem weiteren indiskutablen Rasen, spielerisch zu sichern. Die relative offensive Unergiebigkeit des Zentrums ersieht man auch, das wäre das zweite Thema, an den Schwierigkeiten von Brooks und Stark (Langkamp), einen anderen Ball zu spielen als nach außen. Es gibt inzwischen eine ziemliche Liste von teils abenteuerlichen Fehlpässen aus der ersten Linie heraus in zentrale Gegenden des Spiels. Aber da sprechen wir jetzt schon von künftigen Qualitäten, die Herthas Anwartschaft auf einen Tabellenrang wie den aktuellen tatsächlich längerfristig konsolidieren würden.

Und da Fabian Lustenberger gerade im Begriff ist, seinen Vertrag bis 2019 zu verlängern, da er zudem ein toller Spieler und absoluter Sympathieträger ist, da Skjelbred nicht zuletzt gestern sehr gut gespielt hat, muss Tolga Cigerci eben vorläufig Geduld haben. Ich hoffe, dass er sie hat. Wie auch Valentin Stocker. Hertha hat derzeit eine sehr gute erste Mannschaft, die mit der Selbstbestätigung, die drei zuerst erspielte, dann ertrotzte Punkte in Köln bringen, ihre Qualitäten schon am Mittwoch wieder ein Stück deutlicher auf den Rasen bringen dürfte. Auf den Rasen, der für Dortmund im April zum Morast werden möge, gleich in welcher Auflage.


Eingestellt von marxelinho am 27. Februar 2016.
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