22. Dezember 2014

Drittelparität

Gestern war ich zum ersten Mal wütend auf Jos Luhukay. Der Grund ist ein Interview, das er nach dem Debakel gegen Hoffenheim gegeben hat: Er hat darin John Anthony Brooks mehr oder weniger in die Auslage gestellt. Dort stand er aber sowieso schon nach dem Eigentor und dem Elfmeter, den er verursacht hat. Ein Coach, der nicht schon unverhohlen dazu übergeht, Sündenböcke zu suchen, hätte auf jeden Fall das erste Tor anders erklären müssen.

Er hätte sagen müssen, dass er ohne Not schon wieder eine neue Viererkette aufgestellt hatte. Marcel Ndjeng, der rechts den nach links rochierten Pekarik ersetzte, ließ sich von Kevin Volland auf peinliche Weise versetzen. Die Hereingabe ließ Hegeler, der wissen musste, dass es hinter ihm höchst gefährlich werden würde, passieren - er hätte sie attackieren müssen, hätte hier ein Stück Leidenschaft zeigen können, aber das hat er offensichtlich nicht drauf. Am Ende dieser Hereingabe stand Brooks, aber von diesem Eigentor gehört ihm maximal ein Drittel.

Das zweite muss er sich zuschreiben lassen, keine Frage. Technischer Fehler, unbedachter Klärungsversuch, insgesamt naives Verhalten im Strafraum. Hertha bekam den Elfmeter zurück, den Stocker gegen Stuttgart herausgeholt hatte - so könnte man es sehen, wenn man nach Gerechtigkeit im Fußball sucht, was ich nicht tue, weil es sinnlos ist. Ich sehe nur manchmal Analogien.

Das dritte Gegentor trug Schiedsrichter Sippel viel billigen Spott von Andreas Neuendorf ein, der ihn in der Pause (ich konnte das Spiel nicht live sehen) als "Seppel" verhöhnte. Tatsächlich sieht es so aus, als wäre Beck einfach weggerutscht, als Schulz ihn von hinten umlief, um in eine Position zum Eingreifen zu kommen. Da war jedenfalls insgesamt die Situation schon chaotisch.

In der zweiten Halbzeit folgten eine vergebene Chance von Änis Ben-Hatira und zwei Kontertore für Hoffenheim. Dies alles hat zur Folge: Hertha überwintert mit einem Punkt Vorsprung auf Platz 16, steckt mitten in einem neun Mannschaften umfassenden, äußerst dichten Pulk und ragt aus diesem vor allem durch die hohe Anzahl der Gegentore heraus. Die Rückrunde wird mit einem richtungsweisenden Spiel gegen Bremen beginnen, die eine Mannschaft, die noch vier Tore mehr kassiert hat, und schon einmal den Trainer gewechselt hat.

Für diese Maßnahme ist die Lage bei Hertha noch nicht brisant genug, jedoch ist die Verlegenheit für Jos Luhukay nach diesem Jahr 2014 doch beträchtlich. Er lässt seit längerer Zeit die wesentlichen Qualitäten vermissen, auf die es ankommt - das bedeutet umgekehrt, dass alle seine noch vorhandenen Qualitäten sogenannte sekundäre sind, also nicht direkt mit dem Spiel zu tun haben. Er ist nach wie vor ein passabler Moderator und Vermittler seiner eigenen Arbeit nach außen, aber es wird allmählich schwierig für ihn, das alles zu erklären.

Der zentrale Punkt dieser Hinrunde betrifft wohl die Mentalität. Hertha ist meistens keine Mannschaft, man kann von ihr nach einem Rückstand von 0:2 nicht erwarten, dass sie zurückkommt. Unter Druck und bei Rückstand fehlt schon der Matchplan, das Spiel zerfällt in Einzelaktionen, verkörpert durch die manchmal kaum erträgliche Unbedarftheit, mit der Ronny sich ins Gedränge stürzt oder ins Einszueins geht, wobei er in neun von zehn Fällen den Ball verliert. Manchmal holt er einen Freistoß heraus. Gegen Hoffenheim steht wieder einmal eine unterirdische Gesamtlaufleistung zu Buche, auch das lässt erkennen, dass die Mannschaft sich nach dem 0:3 aufgegeben hat.

Das zweite Problem von Luhukay ist, dass seine Pädagogik nicht mehr nachvollziehbar ist. Warum er gestern Ndeng brachte, dafür aber Stocker wieder erst spät und auf der nur in bestimmten Matchsituationen passenden zentralen Position brachte, erschließt sich einfach nicht. An seiner "Entdeckung" von Hegeler als Innenverteidiger hat er wohl Gefallen gefunden, ich sehe nur einen biederen Positionsverwalter, einen Platzhalter par excellence, und da ist mir, pardon, die Volatilität von Brooks doch noch lieber. Zumal der Amerikaner ein rares echtes Talent in einer mit viel Mittelmaß besetzten Mannschaft ist.

Das dritte Problem betrifft die taktische Variabilität. Hertha kann im Grunde nur ein Spiel: das Eingraben gegen eine mutmaßliche Spitzenmannschaft, und auch das gelang nur zweimal. Es gibt in dieser eigenartigen Liga aber auch nicht wirklich Spitzenmannschaften, man kann es also auch so sagen, dass das Spiel gegen den FC Bayern akzeptabel war (auch weil Bayern nur das Allernötigste tat), dass Wolfsburg in Berlin keineswegs wie eine CL-Mannschaft spielte (Hertha da aber auch wirklich tapfer kämpfte), und dass der BVB - wir wissen schon.

Alles andere kann Hertha nicht, und das hat nicht nur damit zu tun, dass die Saison personell konfus war. Der Coach hat sie auch konfus gemacht, hat endlos herumprobiert, und er hat nicht immer den unfehlbaren Blick auf die Qualitäten der Spieler. Nun hat er schon viel Erklärungsbedarf, und es wird kein leichtes Arbeiten nach dem Urlaub.

Mit einem Wort: Dies ist nun doch der Misstrauensantrag, den viele Freunde schon seit Wochen formulieren. Wenn Thomas Tuchel in der Winterpause gesprächsbereit wäre, sollte Michael Preetz ihm hier ein Projekt vorschlagen, das viel interessanter ist als Gelsenkirchen oder Hamburg oder wo auch immer der zur Zeit interssanteste Trainer auf dem Markt im Gespräch ist. Ich weiß, das Szenario ist nicht realistisch. Aber ich sehe wenig Sinn darin, vielleicht ein, zwei weitere Spieler zu holen, die dem Coach nur weitere Gelegenheit geben würden, seine eigenartige Pädagogik fortzuführen.


Eingestellt von marxelinho am 22. Dezember 2014.
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